Zürich

Lagerräume boomen nicht nur aus einem Grund – warum immer mehr Zürcher ihre Ware einlagern

Sabina Seeger zeigt ihren ganzen Besitz, eingelagert in der Myplace-Filiale in Zürich Binz.

Sabina Seeger zeigt ihren ganzen Besitz, eingelagert in der Myplace-Filiale in Zürich Binz.

Auf Besuch im Hotel für Dinge: Immer mehr Zürcherinnen und Zürcher stellen ihre Ware ein. Die Gründe gehen vom längerern Aufenthalt im Ausland über Trennung oder Jobwechsel. Trotz der Popularität gibt es aber keine «Storage Wars».

Drei Kubikmeter: Mehr Platz braucht Sabina Seeger nicht für ihren Hausrat. Alles, was sie besitzt, passt in diesen kleinen Lagerraum. Vor einem Jahr hat sie ihre Ware beim Selfstorage-Anbieter Myplace in Zürich Binz eingestellt. Nun öffnet sie die Tür, und zum Vorschein kommen ein Koffer, ein Verstärker und Kartonschachteln, gefüllt mit Ordnern, Büchern und Kassetten, gestapelt bis zur Decke auf einer Grundfläche von 1,1 Quadratmetern.

Sabina Seeger arbeitet im Datenmanagement für die kantonale Gesundheitsdirektion, wohnt aber meist nur ein halbes Jahr in der Schweiz. Die andere Hälfte ist sie in Indien. Bevor sie nach Zürich fliegt, sucht sie sich jeweils ein Zimmer in der Stadt. Möbel braucht sie keine. Nur ein Brett und vier Ziegelsteine. «Das ist mein Tisch», sagt sie. «In Indien sitzt man auf dem Boden, schläft auf dem Boden und kocht auf dem Boden.»

Viele Gründe, weshalb sich Leute Lagerfläche leisten

Ein längerer Aufenthalt im Ausland, ein Umzug nach einer Trennung oder einem Jobwechsel sind Gründe, wieso sich immer mehr Zürcherinnen und Zürcher eine Lagerfläche leisten. Auch wer ins Altersheim zieht, kann oft nicht alles mitnehmen. Und nach einem Todesfall fragen sich viele Angehörige: Wohin mit dem Nachlass?

Zudem befördern steigende Mobilität, Verdichtung und Urbanisierung die Nachfrage nach kleineren Wohnformen: Mikro-Apartments und winzige «Tiny Houses» sind mittlerweile auch in Zürich und Umgebung zu finden. Was dann in den eigenen vier Wänden und im Keller keinen Platz mehr findet, wird verkauft, verschenkt, weggeworfen oder eben ausgelagert. Auch immer mehr Firmen verstauen Akten, Büromöbel und Messematerial extern.

In der Schweiz ist die Zahl der Selfstorage-Häuser in den letzten vier Jahren von 45 auf 120 gestiegen. Das ergab eine Auswertung des europäischen Selfstorage-Verbandes. Die mietbare Fläche wuchs von 74'000 auf 120'000 Quadratmeter. Seine Filialen in Zürich Binz und Zürich Oerlikon hat Myplace im Frühling um eine dritte in Dietlikon erweitert. Weitere Anbieter in und um Zürich tragen Namen wie Zebrabox, Mybox, Place B oder ganz einfach Selfstorage.

Bekannter ist Selfstorage in den USA. Laut einer Studie der Grossbank UBS haben dort Lagerräume seit Mitte der 1990er-Jahre ein so rasantes Wachstum hingelegt wie kein anderer Immobiliensektor im Land. Jeder zehnte Haushalt in den USA nutzt Selfstorage. Das hat auch damit zu tun, dass in den USA nur 40 Prozent der Einfamilienhäuser ganz oder teilweise unterkellert sind. Bei den Mietwohnungen dürften es noch viel weniger sein. Zudem sind die Lagerräume deutlich günstiger.

Einlagern ja, aber nicht zu lange

In der Schweiz ist der Preis vergleichsweise hoch. Gemäss dem europäischen Branchenverband betrug die Durchschnittsmiete 2018 in Europa 262 Euro pro Jahr und Quadratmeter. In der Schweiz lag sie bei 360 Euro.

Für ihre kleine Lagerfläche zahlt Sabina Seeger 40 Franken im Monat. Das ist es ihr wert. Die Gänge werden videoüberwacht, der Zugang ist einfach und unkompliziert. Die Räume sind täglich von 6 bis 22 Uhr verfügbar und können innert 14 Tagen gekündigt werden. Ausserdem bleibt alles schön trocken. In Sabina Seegers zweiten Heimat Indien ist das keine Selbstverständlichkeit. Um dort ihren Hausrat vor Feuchtigkeit, Ratten und Schädlingen zu schützen, hat sie sich zwei grosse eiserne Boxen zugetan, sogenannte Iron Trunks.

Mit tieferen Mietpreisen würden die Lagerräume in der Schweiz wohl noch mehr boomen. Die hohen Boxenmieten widerspiegeln einerseits das vergleichsweise teure Industriebauland, heisst es in der UBS-Studie, andererseits sind die Margen hierzulande noch relativ hoch.

Für Kunden, die kurzfristig etwas zwischenlagern möchten, sei der Preis noch zweitrangig. Mit steigender Lagerdauer werde der Preis aber zum zentralen Kriterium. Dann würden Alternativen gesucht: Gratis-Einlagerungen bei Bekannten, der Verkauf oder die Entsorgung.

Bekannter durch TV-Sendung

Bereits 1979 wurde in Zürich das erste Selbstlagerzentrum Europas eröffnet. Doch erst nach der Jahrtausendwende hat sich allmählich ein Markt entwickelt. Fernsehsendungen wie «Storage Wars» haben das Angebot bekannter gemacht. Die Protagonisten der Serie ersteigern verlassene Warenlager in der Hoffnung, hinter den Türen auf wertvolle Schätze zu stossen.

Anders als in den USA wird in der Schweiz die Ware säumiger Mieter aber nicht versteigert. Reagiert ein Kunde nicht mehr auf Zahlungserinnerungen, wird nach einer bestimmten Frist der Vertrag gekündigt, der Inhalt inventarisiert und der Lagerraum zwangsgeräumt. Das kommt aber ganz selten vor. Meistens finden Anbieter und Kunde eine andere Lösung.

Noch braucht Sabina Seeger ihren Lagerraum. Sie zieht einen Karton mit Ordnern aus dem Stapel und stellt ihn auf einen Rolli. Sie will ihre Dokumente einscannen und abspeichern und ihren materiellen Besitz noch weiter reduzieren. Lagermiete spart sie dadurch nicht. Sie hat bereits den kleinsten Raum.

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