Nächstes Jahr sollen sie bereit sein für ihre Einsätze: Die muslimischen Spital- und Notfallseelsorger, die am 1. September in Zürich ihre Ausbildung starten. Im Februar informierte Regierungsrätin Jacqueline Fehr (SP) über das Vorhaben, das der Kanton zusammen mit der Vereinigung der Islamischen Organisationen (Vioz) lanciert hat und mit einer Anschubfinanzierung unterstützt.

Sechs Frauen

Auf die Ausschreibung des Weiterbildungskurses meldeten sich 34 Personen, wie Projektleiterin Deniz Yüksel auf Anfrage sagt. 24 reichten ein Bewerbungsdossier ein, 15 wurden zum Vorstellungsgespräch eingeladen. Ob alle den Weiterbildungskurs tatsächlich in Angriff nehmen, ist laut Yüksel noch offen. Bei der Vorstellung des Projekts rechnete man mit 10 Ausbildungsplätzen. «Aber wir haben Spielraum für 15 Personen», sagt die Projektleiterin.

Unter den 15 – sie müssen gemäss Vorgabe im Kanton Zürich wohnen – befinden sich sechs Frauen und neun Männer, drei davon sind Imame. Yüksel freut sich besonders über die Frauen, denn Muslima sind in solchen Funktionen noch selten. Detaillierte Angaben zu den Berufen der 15 Bewerber will sie aus Diskretionsgründen nicht machen.

In der Kursausschreibung wird kein Hochschulabschluss verlangt, aber im Minimum eine Matur oder ausreichend Berufserfahrung – möglichst in den Bereichen Soziales oder Gesundheit. Die Personen müssen ausserdem Sozialkompetenz und eine muslimische Vorbildung mitbringen. Die Zugehörigkeit zum islamischen Glauben allein reiche nicht aus, sagt die Projektleiterin.

Extremisten fernhalten

«Die Bewerber repräsentieren ein breites Spektrum islamischer Auffassungen», sagt Yüksel. Extremisten will man fernhalten. Haben sich auch solche auf die Ausschreibung gemeldet? Das könne sie zum heutigen Zeitpunkt nicht abschliessend beantworten, sagt Andrea Lang, Mitarbeiterin des Schweizerischen Zentrums für Islam und Gesellschaft SZIG in Freiburg, dem die Organisation, Administration und Qualitätsprüfung des Kurses obliegt. Die Sicherheitsprüfung des Amtes für Justizvollzug stehe noch aus, sagt Lang. Bei dieser werden polizeiliche Auskünfte eingeholt und Registereinträge konsultiert. Laut Lang haben die meisten Abgewiesenen die Vorschrift über den Wohnsitz oder das übrige Anforderungsprofil nicht erfüllt.

Im Vorstellungsgespräch mussten sich die Bewerber einem mehrköpfigen Gremium stellen, welches das Anforderungsprofil prüft.

Das Gremium besteht aus einem Vertreter der katholischen oder reformieren Landeskirche, zwei Angehörigen des SZIG sowie Muris Begovic, dem Geschäftsführer des Projekts, der früher in Schlieren als bosnischer Imam wirkte und selber ein erfahrener Notfallseelsorger ist. Laut Lang haben die 15 Kandidaten die Gesprächsrunde durchlaufen. Nun folgt noch die erwähnte Sicherheitsprüfung.

Bei Christen im Praktikum

Die theoretische Ausbildung besteht au acht Kurstagen, die an Samstagen und Sonntagen stattfinden. Etwa Anfang November soll der Kurs abgeschlossen sein. Anschliessend folgt ein 60-stündiger Praktikumsteil, in welchem die Kursteilnehmenden in Spitälern oder anderen Institutionen des Kantons Zürich praktisch arbeiten.

Dabei schauen sie laut Yüksel den professionellen christlichen Seelsorgern über die Schulter und führen selber erste Gespräche. Die Nachfrage nach muslimischer Seelsorge ist laut Yüksel im Kanton Zürich gross. Das hängt in erster Linie mit der grossen Zahl der hier in der Schweiz lebenden Muslime zusammen: 100'000 Personen oder 6,6 Prozent der Bevölkerung sind es.

Nicht alle beanspruchen jedoch Seelsorge. Aufgrund der grossen Nachfrage müssen Spitäler und andere Institutionen immer wieder auf «nicht geprüfte muslimische Seelsorger» zurückzugreifen, die ihre Dienste anbieten. «Mit unserer Weiterbildung schaffen wir ein Qualitätslabel, auf das sich die Institutionen verlassen können», sagt Yüksel. Der Kanton Zürich und die Vioz bilden die Trägerschaft des Projekts. Der Kanton leistet eine Anschubfinanzierung von 325'000 Franken. Die Vioz zahlen 60'000 Franken, sollen aber ab 2020 den Grossteil der Kosten übernehmen.Die römisch-katholische Körperschaft beteiligt sich schliesslich jährlich mit 25'000 Franken. Die Reformierten stellen Kurslokale zur Verfügung.