In Samstagern fanden in jenen Tagen umfangreiche Arbeiten zur Sanierung einer vier Kilometer langen Gleisstrecke mit Ersatz der Schienen und Neuaufbau des Gleisbetts statt.

Ein Bauzug der in Samstagern ansässigen Carlo Vanoli AG mit einer Lokomotive und drei be-ladenen Waggons rollte kurz nach 4 Uhr morgens ungebremst auf dem steil abwärtsführenden Gleis Richtung Wädenswil. Nach mehreren Hundert Metern kollidierte der mit den Bauwagen voranfahrende 330 Tonnen schwere Zug mit einem Gleisbagger.

Von den vier beteiligten Arbeitern wurde einer beim Absprung vom mit rund 35 km/h schnell fahrenden Bauzug verletzt. Der 37-jährige Mann erlitt Prellungen und Schürfungen. Der Unfall verursachte an den Fahrzeugen und an der Bahnanlage hohe Sachschäden. Beim Aufprall wurden sowohl der Baggerarm mit der Schaufel als auch ein Schotterförderband des vordersten Waggons zur Seite verschoben und knickten mehrere Fahrleitungsmasten um.

Der entgleiste Bagger zerstörte Schwellen und riss Gleisbefestigungen aus. Die Fahrleitung und die Schienenanlagen wurden auf einer Länge von 150 Metern stark beschädigt. Die Reparaturarbeiten dauerten vier Tage, währenddessen die SOB-Strecke zwischen Samstagern und Wädenswil gesperrt blieb.

Bremsklötze ohne Druck

Noch am Unfallort kurz vor der Station Grüenfeld begann die Sust mit ihrer Arbeit. Die beteiligten Fahrzeuge wurden auch nach dem Abschleppen einer akribischen Untersuchung unterzogen. Demnach lag die Ursache nicht an der Lokomotive. Die hydraulisch betätigten Scheibenbremsen der Zugmaschine funktionierten einwandfrei und wurden auch korrekt bedient.

Hingegen versagten die von der Lokomotive aus mit Luftdruck gesteuerten Bremsen an den beiden vorne am Zug hängenden vierachsigen Schotterwaggons. Beim zweitvordersten lagen die 16 Bremsklötze zwar an den Rädern an, sassen aber nicht fest, weil sie mit einem Stemmeisen bewegt werden konnten.

«Das ist bei einer Vollbremsung nicht möglich», schreibt die Sust im -Bericht – Bremswirkung vier Prozent, wie die Sust berechnete. Beim vordersten Wagen klaffte bei allen Bremsklötzen sogar eine grosse Lücke zu den Rädern – null Bremswirkung.

Die Wucht des Aufpralls auf den 22 Tonnen schweren Bagger wurde durch das aussergewöhnlich starke Gefälle von 50 Promille auf dem Gleisabschnitt erhöht. Ausserdem waren die mit 116 und 110 Tonnen schweren Waggons überbeladen. Das maximale Gewicht darf laut Sust-Bericht nur 80 Tonnen betragen. Die Behörde kommt aber zum Schluss: «Das Überladen der Wagen führte nicht zum Bremsversagen.»

Im Vordergrund der Ermittlung stand für die Sust die Antwort auf die Frage, weshalb die Bremsklötze an den beiden vorderen Schotterwagen nicht funktionierten. Die Lösung fand sie in einem Umbau der Bremsanlage 2016. Damals liess die Carlo Vanoli AG ihre Fahrzeuge von einer Firma in Rheinfelden mit einer Feststellbremse nachrüsten.

Diese weist aber einen Konstruktionsfehler auf. Es ist nämlich möglich, dass die mit einem Handrad betätigte Feststellbremse zu weit gedreht wird. Dann kann ein Sicherungsstift brechen, der ein zu weites Herausdrehen der Bremsspindel verhindert.

Die Folge: Ein massiver, handtellergrosser Metallring löst sich und blockiert das von der Lokomotive aus mit Luftdruck gesteuerte Bremsgestänge. Genau das hat die Sust festgestellt. Sie fand ein verbogenes Gestänge vor, in dem noch der Ring quer steckte. In Schmutz und Schmierfett klebten daran sogar noch Bruchstücke des Sicherungsstifts.

Alles nach Vorschrift

Offenbar war der Stift bereits einige Zeit zuvor gebrochen. Entdeckt wurde der Defekt aber nicht. Das hat mit der Waggonreihung des Bauzugs in den Tagen vor dem Unfall und mit der Bremskontrolle zu tun. Vorgeschrieben ist nämlich, dass bei jeder Inbetriebnahme immer nur eine Rangierbremsprobe beim vordersten Wagen fällig ist. Das war der betroffene Waggon bis zur Unfallfahrt jedoch nicht.

Die Sust empfiehlt daher dem Bundesamt für Verkehr, diese Sicherheitsvorschrift zu ändern. Neu sollen vor Rangierbewegungen auf Gleisen mit Gefälle alle Fahrzeuge auf die Funktion ihrer Bremsen überprüft werden.

Die Gleisbaufirma Carlo Vanoli AG hat ihrerseits schon gehandelt. Sie liess die Feststellbremse an allen ihren Fahrzeugen so anpassen, dass das Gestänge zur Luftbremse nicht mehr behindert oder blockiert werden kann.