Zürich
Kurator Christoph Doswald: «Ein städtisches Leben ohne Kultur wäre langweilig»

Die Macher von «Gasträume 2016» wollen die Kunst zu den Menschen bringen. Für den Kurator und Publizisten Christoph Doswald ist das ein Ziel, das immer wieder neu erarbeitet werden muss.

Patrick Gut
Drucken
Teilen
Künstler besetzen öffentliche Plätze
4 Bilder
Kunst beim Bahnhof Altstetten. Markus Kummer hat Findlinge zerschnitten und wieder zusammengefügt – renovierte Natur.
Eine unterirdische Fabrik?
Ausgefahrene Antennen?

Künstler besetzen öffentliche Plätze

Patrick Gut

Herr Doswald, heute beginnt die fünfte Ausgabe des Sommerprojektes Gasträume. Bis zum 4. September werden auf 16 Zürcher Plätzen Skulpturen von Künstlern zu sehen sein. Wie erklären Sie einem Kunstbanausen, was die Aktion will?

Christoph Doswald*: «Gasträume» ist eine Möglichkeit, Gegenwartskunst zur breiten Bevölkerung zu bringen. Man muss also nicht in ein Museum oder eine Galerie gehen. Die Kunst begegnet einem ganz selbstverständlich auf der Strasse.

«Wir wollen den Leuten eine Möglichkeit bieten, sich mit Kunst zu befassen. Wir sind aber keine Missionare.» Christoph DoswaldKurator von Gasträume 2016

«Wir wollen den Leuten eine Möglichkeit bieten, sich mit Kunst zu befassen. Wir sind aber keine Missionare.» Christoph DoswaldKurator von Gasträume 2016

Patrick Gut

Wozu braucht es das?

Die Stadt Zürich hat sich in den letzten Jahren stark entwickelt – auch baulich. Eine Stadt braucht als Infrastruktur nicht bloss Strassen, Beleuchtung und Strom, sondern eben auch Kultur. Dazu gehört die Kunst und deshalb brauchen wir solche Projekte.

Sie finden also, Kunst gehört zum
Leben?

Kunst und Kultur im weiteren Sinne. Die einen bevorzugen Musik, andere Kinofilme und dritte Kunst und Skulpturen. Ein städtisches Leben ohne Kultur ist nicht denkbar – oder dann wäre es langweilig.

Sie wollen Kunst zu den Menschen bringen. Haben Sie das in den letzten Jahren geschafft?

Das muss man sich immer wieder neu erarbeiten. Die Stadt Zürich verändert sich. Es gibt inzwischen eine ansehnliche Gruppe von Kunstfans, die warten, bis es wieder losgeht. Die Aktion «Gasträume» ist zu einem festen Bestandteil der Zürcher Kulturagenda geworden.

Erhalten die Leute, die die Ausstellung besuchen, einen besonderen Blick auf die Stadt?

Ja. Sie erleben die Stadt anders, wenn sie ein Quartier wegen der Kunst besuchen. Es gibt viele Leute, die waren noch nie in Zürich-West. Sie fahren allenfalls mit dem Auto durch. Wenn sie Kunst anschauen wollen, sind sie zu Fuss, mit dem Tram oder dem Velo unterwegs. Sie nehmen dann die Stadt ganz anders wahr.

Sie haben die Habitués angesprochen. Nun gibt es auch die anderen. Was sagen Sie zu jemandem, der ratlos vor einem Kunstwerk steht?

Es gibt Menschen, die wollen sich nicht mit der Kunst befassen. Wer aber den Versuch unternehmen will, dem bieten wir einen Einstieg – mit Infotafeln, Büchlein und Führungen. Wir sind aber keine Missionare.

«Alles, was behauptet, Kunst zu sein, ist auch Kunst. Ob es gute oder schlechte Kunst ist, ist eine andere Frage.» Das haben Sie in einem Interview gesagt. Weshalb handelt es sich bei den Skulpturen, die jetzt präsentiert werden, um gute Kunst?

Wir haben eine fachkompetente Jury einberufen, die beurteilt hat, was zugelassen wird und was nicht. Wir wollen den Leuten in Zürich ja keine schlechte Kunst zumuten. Vielleicht wäre das aber eine Idee, beides nebeneinanderzustellen. Es ist wie beim Wein: Wenn man direkten Vergleich hat, merkt man sofort, welches der gute und welches der schlechte Wein ist. Martin Boyce, dessen Werk «Dachgarten» auf dem Turbinenplatz ausgestellt ist, hat beispielsweise den Turner-Preis gewonnen. Das ist weltweit einer der wichtigsten Preise für Gegenwartskunst. Uns war es aber wichtig, auch jungen Leuten mit Potenzial eine Chance zu geben.

Welches Kunstwerk an der diesjährigen Ausstellung ist Ihr persönlicher Favorit?

Diese Frage werde ich natürlich nicht beantworten. Ich kann hinter jedem einzelnen Werk stehen.

Unvergessen sind die hitzigen Diskussionen um den Hafenkran am Limmatquai. Wie hat sich diese Kunstaktion auf das Projekt Gasträume ausgewirkt?

Der Hafenkran hat in Zürich zum wichtigsten Kulturstreit der letzten zwanzig Jahre geführt. Zunächst lag der Fokus der Diskussion auf den Finanzen. Je länger die Aktion dauerte, desto vertiefter wurde die Debatte. So ist in der Bevölkerung ein anderes Bewusstsein entstanden für die Kunst. Das Projekt hat die Stadt Zürich – was die Kunst im öffentlichen Raum angeht – weit über ihre Grenzen hinaus positioniert.

Hat der Hafenkran als Türöffner funktioniert?

Absolut. Dass beispielsweise ein Künstler wie Martin Boyce jetzt bei den Gasträumen mitwirkt, ist alles andere als selbstverständlich. Die Künstler nehmen wahr, dass wir in Zürich bereits grosse Kunstprojekte realisiert haben.

Wie wird sich die Kunst im öffentlichen Raum entwickeln?

In naher Zukunft wollen wir in den Stadtentwicklungsgebieten mit grösseren permanenten Projekten arbeiten. Die Einhausung in Schwamendingen ist beispielsweise ein grosses städtebauliches Projekt. Das Quartier, das durch eine Autobahn wie ein Kuchen mit einem Messer auseinandergeschnitten wurde, wird ab 2018 wieder zusammengefügt. Der auf der Einhausung entstehende Park wird dabei eine wichtige Funktion als neues Zentrum erhalten. Dort wollen wir unbedingt das eine oder andere Kunstprojekt realisieren, das dem Quartier auf kultureller Ebene eine Identität verschaffen kann.

Der Publizist und Kurator Christoph Doswald ist Vorsitzender der Arbeitsgruppe Kunst im öffentlichen Raum der Stadt Zürich.