Art and the City
Kunstwerke werden in Zürichs wildem Westen bewacht

Im Rahmen des Festivals «Art and the city» stellt die Stadt Zürich ab dem 9. Juni über 40 Kunstobjekte unter freiem Himmel aus. Dabei werden einzelne Kunstwerke in Zürich West bewacht.

Marius Huber
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Die Skulptur Les Catedrales der kubanischen Künstlergruppe Los Carpinteros wurde kurz nach dem Aufbau beim Escher-Wyss-Platz versprayt. zvg

Die Skulptur Les Catedrales der kubanischen Künstlergruppe Los Carpinteros wurde kurz nach dem Aufbau beim Escher-Wyss-Platz versprayt. zvg

Im städtischen Tiefbauamt zitiert man derzeit gerne Mani Matter: «Kunscht isch gäng es Risiko.» Das ist etwas tiefgestapelt. Wenn man bedenkt, welchen Aufwand Museen in der Regel betreiben, um ihre Werke vor allerlei Bedrohungen zu schützen, dann fällt das, was die Stadt Zürich macht, eher unter die Kategorie Hochrisiko. Im Rahmen des Festivals «Art and the city» stellt sie ab dem 9. Juni über 40 Kunstobjekte unter freiem Himmel aus. Dies mit Schwerpunkt auf Zürich West, ausgerechnet jenes Quartier also, wo sich Abend für Abend ein Partyvolk aufhält, um dessen Feinsinn und Kunstverstand es nach einigen Drinks nicht mehr zwingend zum Besten steht.

Das zeigte sich letztes Wochenende am Escher-Wyss-Platz. Kaum war dort eines der ersten Exponate aufgebaut, war es auch schon verunstaltet. Sprayer hatten in der Nacht auf den monumentalen, aus Backstein gemauerten Bohraufsätzen ihre «Tags» angebracht, jene Signaturen, mit denen sie ihr Revier markieren. Die Farbspuren sind zwar inzwischen getilgt, aber ein paar Fragen bleiben. Vorab die, wie sich die Organisatoren gegen solches Unheil versichert haben.

Vorfall sei kein Grund zur Sorge

In der Kunstszene redet man offensichtlich nicht besonders gerne über das Thema. Für den Festivalsprecher, August Pfluger, ist zunächst einmal wichtig zu betonen, dass die Vorbereitungen sehr gut liefen. Dieser eine, geringfügige Vorfall sei kein Grund zur Sorge. «Wie gehen davon aus, dass die ausgestellten Werke respektiert werden – auch von Street-Artists», sagt er.

Die Verantwortlichen haben sich laut Pfluger im Vorfeld durchaus Gedanken gemacht über Vandalismus. Sie waren aber zunächst der Ansicht, dass man die Kunstobjekte deswegen nicht rund um die Uhr bewachen müsse. Inzwischen hat offenbar ein Umdenken stattgefunden. Wie gestern bekannt wurde, wird ein privater Sicherheitsdienst ein Auge auf ein paar ausgewählte Werke haben, bezahlt von Sponsoren.

Keine Sonderbehandlung gibt es für die bereits versprayten Backsteinskulpturen. Dies wohl aus dem selben Grund, weshalb auch ihre Schöpfer, eine kubanische Künstlergruppe, den Vorfall relativ gelassen nehmen, wie ihr Galerist versichert: Das Werk sei ohnehin nicht für die Ewigkeit gemacht, sondern werde nach der Ausstellung wieder abgebrochen.

Ein ganz anderer Fall wären die Marmorsessel von Chinas Kunststar Ai Weiwei, die schon seit einer Woche auf dem Paradeplatz stehen. Sie haben laut der Luzerner Galerie Urs Meile einen Marktwert von fast 340000 Franken das Stück. Hartes Kapital, das die Nächte direkt vor einer Grossbank verbringen muss. Gegen Diebe bewahrt die wertvollen Sessel ihr eigenes Gewicht von je etwa einer Tonne. Gegen Sprayer sind sie mit einer speziellen Imprägnierung gewappnet, wie die meisten derart exponierten Kunstwerke. Bei handfesteren Schäden aber würde die Sache kompliziert.

Zwar hat die Stadt sämtliche Exponate versichern lassen – laut Stefan Hackh, dem Kommunikationsleiter des Tiefbauamts, sogar gegen einen «Totalausfall», falls sie ganz zerstört würden. Sie zahlt dafür Prämien von gut 20000 Franken; der Gesamtbeitrag ans Festival beträgt 700000 Franken. Gedeckt sind jedoch nur Schäden, die Naturkräfte wie Wind und Wetter verursachen. Gegen Vandalismus gibt es laut Hackh keine Versicherung. Die Stadt habe deshalb für kleinere Sachbeschädigungen einen «guten Reservebetrag» zur Seite gelegt, der im Budget schon enthalten sei. Inwiefern sie auf diesen wird zurückgreifen müssen, hängt nicht zuletzt von der Robustheit der Werke ab.

Nicht immer eine glückliche Hand

Die städtische Arbeitsgruppe Kunst im öffentlichen Raum, Organisatorin des Festivals «Art and the City», trägt diesen Zusammenhängen durchaus Rechnung, wie sie in ihrem Leitfaden versichert. Trotzdem hat sie zuletzt nicht immer eine glückliche Hand bewiesen. So hat sie im letzten Herbst hinter dem Albisriederplatz eine Schaukel in Form eines grossen Ypsilons aufgestellt, deren filigrane Konstruktion an überdimensionale Leuchtstoffröhren erinnert – und die seit ihrer Einweihung permanent defekt oder ausser Betrieb war. Ein Umstand, welcher der Arbeitsgruppe nicht zum ersten Mal die Kritik und den Spott jener Kreise zuzog, die solche Kunstprojekte ohnehin für reine Geldverschwendung halten.

Stefan Hackh vom Tiefbauamt ist der Ansicht, dass die Werke, die während des Festivals in Zürich stehen, durchs Band solide seien. Er gibt aber zugleich zu verstehen, dass Vandalensicherheit bei Kunst im öffentlichen Raum nicht das einzige Auswahlkriterium sein dürfe. «Sonst kann man nur noch Kuben aus massivem Stahl aufstellen.» Dass solche Massnahmen unangemessen wären, beweist ihm zufolge das Beispiel von Jean Tinguelys Heureka: Die vergleichsweise störungsanfällige Maschine steht seit Jahrzehnten unbeschadet am Zürichhorn.

«Art and the City» 9. Juni - 22. September. Eröffnungsfeuerwerk: 8. Juni , 21.45 Uhr, Vulkanplatz, Zürich.