Kunsthaus Zürich
Kunsthaus-Direktor zum Erweiterungsbau: «Es gibt keinen Plan B»

Im Interview erklärt Kunsthaus-Direktor Christoph Becker, wie er beim Volk 93 Millionen Franken für den Erweiterungsbau lockermachen will – und bezieht Stellung zur umstrittenen Sammlung Bührle, die im Bau gezeigt werden soll.

Matthias Scharrer
Merken
Drucken
Teilen
Christoph Becker ist optimistisch, dass die Zürcher Bevölkerung zum Erweiterungsbau Ja sagt. (Annika Bütschi)

Christoph Becker ist optimistisch, dass die Zürcher Bevölkerung zum Erweiterungsbau Ja sagt. (Annika Bütschi)

Herr Becker, das Kunsthaus zählt zu Zürichs Publikumsmagneten: Rund ein Drittel aller Zürcher besuchen es regelmässig. Doch wie wollen Sie eine Mehrheit dazu bewegen, 93 Millionen Franken aus der Stadtkasse für den Erweiterungsbau lockerzumachen?

Christoph Becker: Ob wir eine Mehrheit dafür kriegen, sehen wir am 25. November. Seit den 1950er-Jahren hat das Kunsthaus in Abstimmungen immer wieder Zustimmung erhalten, zum Teil über 70 Prozent. Man kann davon ausgehen, dass die Zürcher auch diesmal finden, das Kunsthaus und die Kultur sollen gefördert werden.

Also müssen Sie gar keine Überzeugungsarbeit mehr leisten?

Wir waren in den letzten zehn Jahren sehr präsent in der Bevölkerung. Das Ausstellungsprogramm des Kunsthauses hat dabei immer viel Publikum angezogen. Das Kunsthaus ist unter den Zürcher Kulturinstitutionen wahrscheinlich diejenige, die man am leichtesten erreicht.

Trotzdem, es geht um viel Geld. Mit dem Erweiterungsbau wäre auch eine Subventionserhöhung um 7,5 Millionen Franken pro Jahr verbunden. Wie wollen Sie Otto Normalverbraucher davon überzeugen?

Wenn man ins Kunsthaus kommt und die jetzt anlaufende Ausstellung zum Erweiterungsbau sieht, erkennt man, worum es geht: Es geht um ein grosses Gebäude, aber auch um viel Inhalt, um Vermittlung von Kunst, um die Präsentation von Kunstwerken, die man noch nicht gesehen hat oder neu sehen kann. Wer hierherkommt, sieht ein breites Spektrum davon, was der Kunsthaus-Erweiterungsbau bringt – und zwar, was er einem persönlich bringt, der Familie und Freunden, aber auch, was er der Stadt zusätzlich bieten wird.

KunsthausZuerich Modell des Chipperfield Neubaus (Annika Bütschi)
6 Bilder
KunsthausZuerich Mehr Platz für moderne Werke (Annika Bütschi)
KunsthausZuerich David Chipperfield, der Architekt des Neubau-Projekts (Annika Bütschi)
Das Rüebli-Bild hat Urs Fischer als Grundstein des neuen Kunsthauses geliefert (Annika Bütschi)
KunsthausZuerich Bilder zeigen Innenräume des geplanten Neubaus (Annika Bütschi))
Kunsthaus Zürich

KunsthausZuerich Modell des Chipperfield Neubaus (Annika Bütschi)

Und wie wollen Sie die Stimmbürger erreichen, die normalerweise nicht ins Kunsthaus gehen?

Bestimmte Gruppen von Menschen erreicht man nur schwer oder gar nicht. Aber dafür gibt es die Medien, die dafür sorgen, dass das Projekt bekannt wird, und es kritisch begleiten. Unser Angebot steht. Man kann es sich anschauen und entscheiden, ob man es will oder nicht. Wir stellen keine Forderung. Wir machen ein Angebot. Aber man muss schon herkommen, um es sich anzuschauen.

Anders gefragt: Welche Bedeutung hat die Kunstvermittlung für eine Stadt wie Zürich?

Es gibt eine Konkurrenz zwischen Kunstvermittlern auf hohem Niveau, die ich sehr positiv finde. Das Angebot an Kunstvermittlung hat sich in den letzten 15 Jahren im Kunsthaus Zürich versechsfacht. Wir haben ungefähr 3000 Veranstaltungen für das Publikum – über unser normales Angebot der Sammlung und Ausstellungen hinaus. 40000 Besucher gehen jährlich in Führungen und Veranstaltungen, die das Kunsthaus anbietet. Das ist ein wesentlicher Zweig unserer Arbeit und wird in Zukunft bessere Räume und ein breiteres Angebot finden.

Neben den Beiträgen der öffentlichen Hand sind auch 88 Millionen Franken von privater Seite für den Kunsthaus-Erweiterungsbau nötig. Sie haben Zusagen für 56 Millionen. Sind Sie überzeugt, dass der Rest noch zusammenkommt?

Ja.

Wer sind die privaten Hauptgeldgeber?

Die grossen Stiftungen und Firmen. Aber es gibt auch Privatpersonen, die spontan eine Million gespendet haben.

Ein AL-Gemeinderat kritisierte, dass mit dem Erweiterungsbau «dem grössten Waffenschieber aller Zeiten» zu weitern Ehren verholfen werde. Gemeint ist die Sammlung Bührle, die im Erweiterungsbau gezeigt würde – und bei der nicht in allen Fällen geklärt sei, ob sie von dubioser Herkunft sei, Stichwort Raubkunst. Was entgegnen Sie?

Die Bilder sind sehr gut dokumentiert. Man kann das im Internet nachprüfen. Der Vorwurf, dass pauschal etwas mit dieser Sammlung nicht in Ordnung wäre, ist unrichtig.

Und in Einzelfällen?

In jeder grossen Kunstsammlung gibt es immer wieder Fragezeichen. Denn man kann nie sagen: Aus, fertig, wir nehmen keine weiteren Fragen, Wünsche, Rückgabeforderungen entgegen. Ich kenne aber kein Museum, das etwas behält, was ihm nicht gehört.

Bei wie vielen Werken der Bührle-Sammlung ist die Herkunft noch ungeklärt?

Ich kenne die genaue Anfragensituation nicht. Meines Wissens ist es im Moment ruhig. Wir haben in den letzten Jahren viel daran gearbeitet. Bührle war Unternehmer und Kunstsammler. Man sollte in diesem Land nicht so tun, als hätte es ihn nicht gegeben. Es ist an der Zeit, dass die Sammlung in die Öffentlichkeit kommt, mit einer Dokumentation zu Emil Bührle, seiner Arbeit in Zürich und in der Schweiz. Das kann und wird das Kunsthaus leisten.

Welche Qualitäten des geplanten Erweiterungsbaus schätzen Sie besonders?

Der Erweiterungsbau ist in hohem Masse praktisch. Er dient dem Zweck, einen guten Inhalt aufzunehmen und ihn nach aussen zu transportieren.

Und was ist, wenn das Volk Nein sagt?

Es gibt keinen Plan B. Ein Nein heisst: keine Kunsthaus-Erweiterung, keine Sammlung Bührle, keine Sammlung Looser.