Langstrasse
Kulturprojektraum Perla-Mode soll Wohnungen weichen

2014 soll ein Neubau mit Restaurant den Kulturprojektraum im Kreis 4 ersetzen. Mit dem Abbruch des Hauses wird eine kleine Institution verschwinden. Die Hausmutter hat Zweifel, ob ein Projekt dieser Art an einem anderen Ort funktionieren würde.

Sophie Rüesch
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Kulturraum Perla-Mode wird durch Neubau ersetzt
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Esther Eppstein hat die bald sieben Jahre des Kulturbetriebs in unzähligen Fotos festgehalten
Esther Eppstein ist so etwas wie die Hausmutter des lose organisierten Kulturhauses
In den Räumen des ehemaligen Kleidergeschäfts fnden regelmässig Ausstellungen statt
Im Stil des Protests der Binz-Kreativen hat die Perla-Mode ein Plakat aufgehängt
Der Galerieraum Perla-Mode ist in Zürich zu einer kleinen Institution geworden
In Esther Eppsteins message salon sind Fotos der Perla-Mode-Zeit ausgestellt
Noch steht die Perla-Mode

Kulturraum Perla-Mode wird durch Neubau ersetzt

Sophie Rüesch

Die Tage der kulturellen Zwischennutzung in den Räumen des ehemaligen Modegeschäfts Perla-Mode scheinen definitiv gezählt. Letzte Woche wurden auf den Liegenschaften an der Ecke Langstrasse/Brauerstrasse Bauprofile aufgezogen, das Baugesuch wurde in der aktuellen Ausgabe des kantonalen Amtsblattes publiziert. Das Zürcher Architekturbüro Penzel Architektur GmbH, das mit dem Projekt beauftragt ist, bestätigt: «Wir planen, im Frühling 2014 mit den Bauarbeiten zu beginnen.»

Entstehen sollen Liegenschaften in Mischnutzung, zusammengesetzt aus einem Restaurant im Erdgeschoss und 12 Mietwohnungen in den oberen Stockwerken. Die geplanten 31⁄2- bis 41⁄2-Zimmerwohnungen mit einer Fläche von 85 bis 100 Quadratmetern werden sich im «mittleren bis leicht gehobenen» Preissegment befinden. Die Häuser sollen zudem um zwei Geschosse aufgestockt werden. Details zum geplanten Restaurant im Parterre gebe es zurzeit noch keine. «Eine Ausschreibung für die Pacht wird es erst in der zweiten Bewilligungsphase geben», heisst es vonseiten der Penzel Architektur GmbH.

Gibt es keine Einsprachen, soll die jetzige Heimat der Zürcher Kunstaktivisten und Kunstaktivistinnen der Perla-Mode Anfang 2014 abgerissen werden. Läuft alles nach Plan, könnten die Bauarbeiten Ende 2014 oder Anfang 2015 bereits abgeschlossen sein. Auch wenn die Architekten und der Bauherr, ein Privater aus Wettswil, startbereit seien, sobald die Bewilligungen vorliegen, seien diese Termine aber mit Vorsicht zu geniessen, mahnt das Architekturbüro.

Perla-Mode wurde kleine Institution

Die Zukunft des Kulturbetriebs ist damit – wieder einmal – ungewiss. Was jedoch jetzt schon klar ist: Mit dem Abbruch des Hauses wird eine kleine Institution verschwinden. In den bald sieben Jahren ihres Bestehens machten in den Räumen der Perla-Mode verschiedene Grössen des Zürcher Kulturbetriebs Halt: Der erfolgreiche Galerist Jean-Claude Freymond-Guth hatte hier seine Anfänge, der Verlag Nieves, das Corner College und die Galerie Wartesaal schlugen hier schon temporär ihre Zelte auf, letztes Jahr nutzte die viel beachtete Schweizer Künstlergruppe 400asa den Raum für das interaktive Reality-Game Stadttheater.tv.

Dazwischen gab es unzählige Ausstellungen, Konzerte, Lesungen oder Filmscreenings, die zu späten Stunden auch mal in rauschenden Festen endeten. «Es ist einer der letzten kulturellen Freiräume in der Stadt», sagt Esther Eppstein, die mit ihrem Message Salon im ersten Stock eingemietet und mittlerweile so etwas wie die Hausmutter des lose organisierten Kulturraums ist.

Gegenüber dem Zeitplan der Architekten ist Eppstein, die die verschiedenen autonomen Zellen innerhalb des baufälligen Galerie- und Bürogebäudes zusammenhält, skeptisch. Zwar sei nun mit der Baueingabe das Datum der schon lange angekündigten Räumung fassbarer geworden. Sie schliesst jedoch nicht aus, dass die seit 2006 bestehende und stets als befristete Zwischennutzung deklarierte Perla-Mode hier auch noch ihren zehnten Geburtstag feiern kann.

Denn auch das Konzept des Neubaus überzeugt sie nicht. Sie, die seit sieben Jahren hautnah am Geschehen dran sei, glaube nicht mehr an die viel beschworene Gentrifizierung der Langstrasse. Dass an der Partymeile im «Chreis Chäib» noch jemand wohnen wolle, bezweifelt sie. «Für drei Monate ist das vielleicht lustig, doch spätestens dann geht einem der 24-Stunden-Lärm auf den Sack», sagt sie. «Und: Besoffene, Junkies und Prostituierte gibt es hier immer noch, auch wenn mittlerweile alles ein bisschen versteckter ist.»

2013 stellen Sinka & Weiss aus

Ob der Projektraum sich anderswo niederlassen wird, kann Eppstein noch nicht sagen. Sie werde zwar oft auf passende Liegenschaften aufmerksam gemacht. Doch sie suche aktiv keinen neuen Raum, auch deshalb nicht, weil sie nach bald 17 Jahren in Zwischennutzungen langsam müde sei. Ausserdem hegt sie Zweifel daran, ob ein Projekt in dieser Form an einem anderen Ort funktionieren würde. «An der Langstrasse herrscht allgemein eine höhere Toleranzgrenze. Es wäre nicht möglich, so etwas, wie wir es hier machen, an einem anderen Ort zu machen», glaubt sie.

Doch noch steht die Perla-Mode. Nach einer Winterpause sollen ab Mitte Februar wieder regelmässig Veranstaltungen in den Ausstellungsräumen stattfinden. Auch die Mieter für das voraussichtlich letzte Jahr stehen bereits fest: Die Galeristen-Jungstars Sinka&Weiss werden sich vorläufig in der Perla-Mode niederlassen, für April ist ein Festival der Theatergruppe Friction aus den Reihen der Zürcher Hochschule der Künste geplant. Eppstein ist froh, dass sich nun ein Generationenwechsel abzeichnet. «Vielleicht kann ich die Verantwortung dann mal übergeben», sagt die 45-Jährige und geht zurück ins Parterre, um sich um zwei junge Gastkünstler zu kümmern.

Informationen zum Programm finden Sie hier.