Zürich
Kulturama-Direktorin Claudia Rütsche: «Der Mensch ist gar nicht soweit weg von der Urzeit»

Die Museumsdirektorin Claudia Rütsche war bereits im Alter von 13 Jahren von Knochen und Fossilien fasziniert. Heute ist sie Direktorin des «Museums des Menschens», welches das kommende Wochenende sein 40-jähriges Bestehen feiert.

Matthias Scharrer
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«Das entdeckende Staunen, die Neugier verbindet uns mit der Urzeit», sagt Kulturama-Direktorin Claudia Rütsche.

«Das entdeckende Staunen, die Neugier verbindet uns mit der Urzeit», sagt Kulturama-Direktorin Claudia Rütsche.

Limmattaler Zeitung

Das erste, was der Besucher des Kulturama schon von Aussen durchs Schaufenster erblickt, sind zwei Skelette: Eines stammt von einem Braunbären, eines von einem grossen südamerikanischen Vogel namens Nandu. Auf dem Vorplatz lädt eine Sitzbank in Knochenform zum Verweilen ein.

Knochen sind auch im Inneren des Museums allgegenwärtig. Doch das «Museum des Menschen» in Zürich, das dieses Wochenende sein 40-jähriges Bestehen feiert, ist alles andere als eine knochentrockene Sammlung von Objekten aus grauer Vorzeit. Im Gegenteil: Auf lebendige und anfassbare Art zeigt es auf, wie sich der Mensch und seine tierischen Vorläufer im Laufe der Jahrmillionen entwickelt haben – und wie die Entwicklung weitergeht.

Museumsdirektorin Claudia Rütsche legt Wert darauf, dass der Museumsbesuch auch Spass machen soll: «Mein Ziel ist nicht, dass die Besucher in Ehrfurcht vor den Ausstellungsstücken erstarren. Es geht darum, Erlebnisse zu vermitteln.» Da darf durchaus mal ein menschliches Skelett in Eiskunstlauf-Pose stehen – oder ein Dinosaurierskelett mit Bauarbeiterhelm.

Rütsches Einsatz fürs Kulturama begann schon mit 13 Jahren: Sie nahm als Schülerin an einer Ausgrabung mit Museumsgründer Paul Muggler teil. «Mit Hammer und Meissel suchten wir im Jura nach Fossilien», erinnert sie sich. Ihre Faszination für Fossilien und Knochen als Zeichen der langen Geschichte des Lebens war entfacht. Auch deshalb sagt Rütsche: «Ich bin ein Skelett-Fan.»
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Nach der Matur studierte Rütsche Geschichte, Paläontologie und urgeschichtliche Archäologie – und arbeitete in allen möglichen Funktionen fürs Kulturama.
Knochen sind im Inneren des Museums allgegenwärtig. Doch das «Museum des Menschen» ist alles andere als eine knochentrockene Sammlung von Objekten aus grauer Vorzeit. Im Gegenteil: Auf lebendige und anfassbare Art zeigt es auf, wie sich der Mensch und seine tierischen Vorläufer im Laufe der Jahrmillionen entwickelt haben – und wie die Entwicklung weitergeht.
Die Sammlung entstand durch über 800 Ausgrabungen, sowie durch Austausch und Handel mit anderen Knochenbegeisterten.
Musemumsdirektotin Rütsche legt Wert darauf, dass der Museumsbesuch Spass machen soll. Es gehe darum Erlebnisse zu vermitteln. Daher dürfe durchaus mal ein Dinosaurierskelett mit Bauarbeiterhelm stehen.
Das Kulturama zeigt viele Exponate, welche sowohl die Zeit der alten Ägypter, als auch jüngere historische Entwicklungen thematisiert.
«Der Mensch ist gar nicht so weit Weg von der Urzeit, was seinen Körper und sein Verhalten betrifft», so die Museumsdirektorin.
Ansicht der Ausstellung.
Das Kulturama zeigt viele Exponate, welche sowohl die Steinzeit, als auch jüngere historische Entwicklungen thematisiert.
Auch ein Herz eines Wals ist im Kulturama ausgestellt.
Das Museum bietet eine grosse Auswahl an geführten Anlässen durch das Museum für jung und alt.
Der Titel der Jubliäumsausstellung im Kulturama lautet: «Wieviel Urzeit steckt in dir?»

Rütsches Einsatz fürs Kulturama begann schon mit 13 Jahren: Sie nahm als Schülerin an einer Ausgrabung mit Museumsgründer Paul Muggler teil. «Mit Hammer und Meissel suchten wir im Jura nach Fossilien», erinnert sie sich. Ihre Faszination für Fossilien und Knochen als Zeichen der langen Geschichte des Lebens war entfacht. Auch deshalb sagt Rütsche: «Ich bin ein Skelett-Fan.»

Claudio Thoma

Rütsches Einsatz fürs Kulturama begann schon mit 13 Jahren: Sie nahm als Schülerin an einer Ausgrabung mit Museumsgründer Paul Muggler teil. «Mit Hammer und Meissel suchten wir im Jura nach Fossilien», erinnert sie sich. Ihre Faszination für Fossilien und Knochen als Zeichen der langen Geschichte des Lebens war entfacht.

Auch deshalb sagt Rütsche: «Ich bin ein Skelett-Fan.» Nach der Matur studierte sie Geschichte, Paläontologie und urgeschichtliche Archäologie – und arbeitete in allen möglichen Funktionen fürs Kulturama.

Anfangs belächelt

Dessen Gründer, ursprünglich Maschinenbauingenieur und Unternehmer, hatte das Museum 1978 im Alter von 60 Jahren aus privater Initiative eröffnet. Anfangs sei der Quereinsteiger Muggler von vielen etablierten Museumsmachern belächelt worden, sagt Rütsche. Doch beim Publikum stiess dass Kulturama auf Anklang. Heute zählt es mit jährlich über 25 000 Eintritten zu den Top Ten unter den Stadtzürcher Museen.

Mugglers Sammlung, die er bei über 800 Ausgrabungen sowie im Austausch und Handel mit anderen aufbaute, bildet noch immer den Grundstock des Museums. Rütsche, die 1996 Mugglers Nachfolgerin wurde, setzt ihren Schwerpunkt auf die Vermittlung der Sammlung. Bildschirme verwendet die 47-Jährige dabei möglichst sparsam. Dafür gibt es vor allem im Museumsteil «Erlebnispfad» viel anzufassen, auszupacken, auseinanderzunehmen.

Museen liegen im Trend

Obwohl – oder gerade weil – Wissen dank Smartphone heute in fast jeder Hosentasche greifbar ist, liegen Museen im Trend: Die Zahl der Museumsbesuche in der Schweiz stieg laut Bundesamt für Statistik zuletzt auf 13,2 Millionen Eintritte im Jahr 2016 an. Neuere Zahlen liegen noch nicht vor. Auch die Top 10 der Stadtzürcher Museen verzeichneten allesamt steigende Besucherzahlen. Spitzenreiter ist das Kunsthaus mit 318 580 Eintritten im Jahr 2016, gefolgt vom Landesmuseum (276 216) und dem Zoologischen und paläontologischen Museum der Universität Zürich (143 155), wie der jüngsten Ausgabe des Statistischen Jahrbuchs der Stadt Zürich zu entnehmen ist.

Auf den weiteren Plätzen folgen das Museum Rietberg, das Helmhaus, das Museum für Gestaltung, die Kunsthalle, die ETH-Ausstellungen des Instituts für Geschichte und Theorie der Architektur, Focus Terra (früher geologisch-mineralogische Ausstellung der ETH) sowie das Kulturama, das nun über Pfingsten sein 40-jähriges Bestehen feiert. Auch die Zahl der Museen im Kanton Zürich ist zuletzt gestiegen, von 159 im Jahr 2015 auf 176 ein Jahr später. Eine Ausnahme sticht punkto Museumsboom ins Auge: Die Ortsmuseen in den Stadtzürcher Quartieren haben mit rückläufigen Besucherzahlen zu kämpfen.

Die neue Museumsdirektorin hatte sich während des Studiums intensiv mit der Geschichte der Museen in der Schweiz befasst. Für sie ist klar: Die im Bildungsbürgertum verwurzelten Museen müssen sich weiter öffnen, um Zukunft zu haben.
«Museen sind eine Schnittstelle zwischen formaler Bildung und Freizeit», sagt Rütsche. «Sie haben ein riesiges Potenzial, das noch nicht überall ausgeschöpft wird.» Dazu müsse man an die Lebenswelten der Besucherinnen und Besucher andocken. «Der Besucher soll nicht in einer passiven Rolle sein, sondern anfassen dürfen, Fragen stellen.»

Der Titel der Jubiläumsausstellung im Kulturama lautet denn auch: «Wieviel Urzeit steckt in dir?» Darauf angesprochen, sagt Rütsche, der Mensch sei gar nicht soweit weg von der Urzeit, was seinen Körperbau und sein Verhalten betreffe. «Auch das entdeckende Staunen, die Neugier verbindet uns mit der Urzeit.»

Zum 40-Jahr-Jubiläum ist das Kulturama (Englischviertelstrasse 9, 8032 Zürich) über Pfingsten von Samstag bis Montag gratis geöffnet (jeweils 13 bis 17 Uhr). Das Festprogramm reicht von Spezialführungen übers Steinzeitschmuck-Basteln bis hin zum Steinzeit-Zvieri.