Zürich West

Kritische Töne zum Trendquartier: Zürich West im Schneider

Die bisherige Entwicklung im ehemaligen Zürcher Industriequartier ist von keinerlei kritischen Fragen gestört worden. Keystone

Die bisherige Entwicklung im ehemaligen Zürcher Industriequartier ist von keinerlei kritischen Fragen gestört worden. Keystone

Studie zeigt: Den Aufwertungsgewinnen steht wenig öffentlicher Nutzen gegenüber. Nun ist fertig mit der «Lobhudelei», obwohl weiterhin viele Fakten ungeklärt sind.

Die Idee, eine Studie in Auftrag zu geben, habe man Ende 2011 gehabt, als das neue Tram Züri-West in Betrieb ging und die «Lobhudelei» zur bisherigen Entwicklung im ehemaligen Zürcher Industriequartier von keinerlei kritischen Fragen gestört worden sei. Dies erklärte Felicitas Huggenberger, Geschäftsleiterin des MV Zürich, gestern. Dass es so lange gedauert habe, bis man das Papier nun präsentieren könne, liege daran, dass sich die Datenlage als prekär herausgestellt habe.

Autor der Studie ist Philipp Klaus des auf Fragen der Stadtentwicklung spezialisierten Büros Inura Zürich Institut. Er hat die öffentlich zugänglichen Quellen von Prospekten, über Internetseiten und Zeitungsartikel bis zu Gestaltungsplänen gesichtet. «Nach wie vor bleiben aber viele Fakten unklar», sagte er. Wo Zahlen genannt werden, lägen ihnen entsprechend zurückhaltende Annahmen zugrunde. Eine der in der Studie genannten Zahlen ist 1,8 Milliarden Franken. So hoch wird der Wertzuwachs der etwa 90 Hektaren bebaubares Land in Zürich West seit 1990 beziffert. Allein in den letzten zehn Jahren haben sich die Preise auf heute rund 3000 Franken verdoppelt. An Einzelbeispielen wird der Mechanismus dargelegt.

Die Gewinne bleiben privat

Für die Studie wurden vier Projekte unter die Lupe genommen, die 2011 oder 2012 abgeschlossen wurden oder sich 2012 im Bau befanden. Es sind dies die Areale Maag Plus, Toni, Löwenbräu und Hardturmpark. Sie umfassen ein für Schweizer Verhältnisse sehr grosses Volumen, wird festgehalten. Weiter wird darauf hingewiesen, dass die involvierten grossen Immobilienfirmen alle als Holdings organisiert sind, die über viele Möglichkeiten zur Steueroptimierung verfügen. Den grossen Aufwendungen der öffentlichen Hand für die Infrastruktur stünden entsprechend wenig staatliche Einnahmen gegenüber. Und auch von den neu zugezogenen Wohnungsmietern und -eigentümer fliesse nicht allzu viel an den Fiskus. Denn nicht nur, dass der Wohnanteil in Zürich West tief geblieben ist – die meisten der neuen Wohnungen sind gross und teuer. Nicht selten dienen sie daher als Zweitwohnsitz oder einfach als Kapitalanlage für anderswo steuerpflichtige Personen.

Das Stigma von einst

«Wohnpolitisch hat Zürich West bisher keinen Beitrag zur Lösung unseres dringendsten Problems, dem Mangel an bezahlbaren Wohnungen, geleistet», sagte MV-Präsidentin Huggenberger. Von einer «nicht ganz strategiekonform verlaufenen Entwicklung» sprach Jacqueline Badran, SP-Nationalrätin und Vorstandmitglied im MV Deutschschweiz. Sie verwies darauf, dass sich die Stadt Zürich Ziele gesetzt hat für die Stadtentwicklung bis 2025. Dazu gehören etwa preisgünstiger Wohnraum, soziale Durchmischung, Raum fürs Gewerbe und ökologisches Bauen gemäss Vorgaben der 2000-Watt-Gesellschaft. So betrachtet, sei es fast schon grotesk, was da in Zürich West entstanden sei.

Wobei Badran als Gemeinderätin in den entscheidenden Jahren ja hätte Einfluss nehmen können, wie sie selbstkritisch anmerkte. Drei Gründe nannte sie, warum sie und andere es nicht vermehrt getan haben: Das Stigma «Zürich ist gebaut» lastete schwer, die Architekten verlangten nach der Möglichkeit des grossen Wurfs und man glaubte an den Zuzug von guten Steuerzahlern.

Eine andere Entwicklung wäre möglich gewesen, sagte Klaus und nannte als Beispiel den neuen Stockholmer Stadtteil Hammarby Sjöstad. «Noch ist in Zürich West nicht alles verbaut», fügte er an. Es gelte zu handeln.

Die Studie kann beim MV Zürich für 20 Franken bezogen werden.

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