Das Publikum konnte froh sein, dass die Podiumsdiskussion zur Manifesta 11 nicht in einem geschlossenen Raum stattfand. Obschon auf dem Pavillon of Reflections unter freiem Himmel debattiert wurde, herrschte dort dicke Luft. Trotz wohlwollender Statements dominierte die scharfe Kritik der Vertreter der Zürcher Kunstszene an der Direktion der Kunstbiennale und ihrem Kurator Christian Jankowski den lauen Sommerabend. Für den emotionalen Tiefpunkt sollte schliesslich ein älterer Herr sorgen: Er verlangte von den Verantwortlichen «hier und jetzt» die Zusage, dass sie den Mitarbeitenden der Manifesta den bisher ausgebliebenen Lohn innert einer Woche auszahlen.

Dabei begann der Abend ganz friedlich. Gut drei Viertel der 100 Tage dauernden Wanderbiennale unter dem Titel «What people do for money» sind um. Für eine erste Bilanz luden die Direktorin Hedwig Fijen und Kurator Jankowski zehn Beteiligte ein, ihre Sicht auf den Kunst-Grossevent wiederzugeben. Es sei schon immer ein wichtiger Teil der Manifesta gewesen, die eigene Arbeit kritisch zu betrachten, sagte Fijen noch, bevor Moderator Hannes Hug den Diskussionsteilnehmern das Wort erteilte.

Darunter waren mit Cabaret-Voltaire-Direktor Adrian Notz sowie den Künstlern Nicole Bachmann, Patrick Hari und C. E. Meier vier Zürcher Akteurinnen und Akteure der Manifesta. Sie, wie auch Kunsthistorikerin Marianne Wagner und Kunsthaus-Kuratorin Cathérine Hug, warfen ein vorwiegend positives Licht auf die ersten 75 Manifesta-Tage. Bachmann nannte es eine Bereicherung, dass so viele internationale Künstler in Zürich wirken. Notz zeigte sich erfreut über die vielen Besucher, die sich mit einer eigenen Performance Zugang zu seiner Zunft der Künstler verschafften. Und Peter Haerle, Direktor Stadt Zürich Kultur, bezeichnete die Biennale als «Versuch, Kunst und Gesellschaft zusammenzubringen», der in die Geschichte eingehen werde: «Darauf kann Zürich stolz sein», sagte er.

Zürcher nicht eingebunden

Das sahen Valerie Thurner, die an der Manifesta Kunstführungen anbietet, und Andreas Marti, Leiter des Zürcher Off-Space-Kunstraums Dienstgebäude, anders. Sie kritisierten die Direktion scharf. Die lokale Kunstszene sei in die Biennale kaum eingebunden worden und wenn, dann spiele sie höchstens eine Nebenrolle. «Die Zürcher Künstler sind sauer», sagte Marti. Die Organisatoren hätten es verpasst, ein wirkungsvolles Bindeglied zu schaffen, um sie in die Manifesta einzubetten. Thurner ging sogar noch weiter: Dass die «Parallel Events» der lokalen Akteure eine derart marginale Rolle spielten, verstärke in ihren Augen den Eindruck, dass der Kulturanlass nicht mehr sei als Standortmarketing. «Hier dient Kunst dem Ansehen der Stadt. Doch was haben städtische Kunstschaffende davon?», fragte sie.

Mit dem Engagement der Manifesta zielten die Behörden keineswegs nur auf die Aussenwirkung ab, entgegnete ihr der städtische Kulturdirektor Haerle. Die Einbindung von Zürcher Beiträgen sei der Stadt von Beginn weg ein grosses Anliegen gewesen. Er sei erschrocken, als die Organisatoren verkündet hätten, dass für die «Parallel Events» kein Budget da sei. Zwar sammelte man darauf rund 200 000 Franken bei Sponsoren und Stiftungen. Doch angesichts von über 300 Projektbewerbungen reichte dies bei weitem nicht: Es musste streng juriert werden. «Wir haben gemacht, was wir konnten», sagte Haerle.

Manifesta-Direktorin Fijen gab zu bedenken, dass es kaum möglich sei, alle Erwartungen zu erfüllen. «Über allem steht der Wille, auch jenes Publikum anzulocken, das sich sonst kaum für Kunst interessiert», erklärte sie. Sein Ziel, fügte der an diesem Abend ansonsten sehr zurückhaltende Jankowski an, sei es daher gewesen, den Besuchern möglichst überraschende Arbeiten zu bieten.

Einige Zuschauern stellten aber gar die Kernabsicht der Biennale infrage. So etwa die Zürcher Kuratorin Vesna Tomse. Dieser Zielsetzung widerspreche, dass sich die Veranstaltungsorte vornehmlich auf das Stadtzentrum konzentrieren, sagte sie: «Müsste man nicht eher nach Altstetten oder Schlieren, um neues Publikum zu erreichen?» Sauer aufgestossen sei den städtischen Kunstschaffenden laut Tomse vor allem, dass Geld und Freiwilligenarbeit an der Manifesta nur in die Ebene der global agierenden Künstler fliesse statt von oben in die lokale Ebene. Befremdlich wirke es, wenn dann – wie bei ihrem Vorschlag für die «Parallel Events» geschehen – Off-Spaces als Veranstaltungsorte nicht berücksichtigt werden, weil sie mangels eines zweiten WCs die Anforderungen nicht erfüllten.

Ein Fragezeichen beseitigt

Eigentlich müsse das Motto der Wanderbiennale lauten «What people do without getting any money», fand ein älterer Zuschauer. Schliesslich hätten viele Angestellte der Manifesta noch keinen Rappen Lohn gesehen. Er richtete deshalb die eingangs erwähnte Forderung an die Verantwortlichen. Der stellvertretende Manifesta-Direktor Peter Paul Kainrath konnte ihn beruhigen: Weil viele der Angestellten aus dem Ausland kämen, habe dies zu einem erhöhten Arbeitsaufwand beim Quellensteueramt geführt. «Wir stehen aber zu den getroffenen Abmachungen und die Löhne werden so bald wie möglich ausbezahlt», versprach Kainrath. Damit war zumindest eines der Fragezeichen beseitigt, die am Ende dieses Abends im Raum standen.