Zürich

Kritik am neuen Lern-Tool des Kantonsrats: zu komplizierte Texte

Anhand eines Flipperkastens sollen die Benutzer lernen, wie ein Gesetz entsteht. (Archivbild)

Anhand eines Flipperkastens sollen die Benutzer lernen, wie ein Gesetz entsteht. (Archivbild)

Durchzogene Noten für «The Lawmaker», die neue Erklär-Plattform des Zürcher Kantonsrates. Experten sagen: Die Texte sind teilweise nur für Akademiker verständlich. Die Parlamentsdienste sind anderer Meinung.

Am Montag stellte der Kantonsrat seine Lernplattform «The Lawmaker» vor. Sie richtet sich an Schülerinnen und Schüler auf der Sekundarstufe, also Jugendliche ab 12 Jahren. Anhand eines Flipperkastens sollen die Benutzer lernen, wie ein Gesetz entsteht.

Erklärt wird dabei unter anderem, was Kommissionen und Fraktionen sind. Ob die Jugendlichen den Inhalt verstehen, ist offen. Die Autoren von «The Lawmaker» erklären zum Beispiel den Ablauf einer Motion mit dem Einleitungssatz: «Ein Ratsmitglied will den Regierungsrat verpflichten, einen Entwurf beispielsweise für eine Gesetzesänderung auszuarbeiten.» Es folgen 14 Schritte, die das Ping-Pong zwischen Kommission, Kantonsrat und Regierung aufzeigen.

«Eine ganze eigene Sprache»

«Ein Parlament hat seine ganz eigene Sprache. Diese ist manchmal etwas sperrig, gehört aber zu seiner DNA», sagte Christian Gyger, Mediensprecher der Parlamentsdienste, gegenüber der Nachrichtenagentur Keystone-SDA.

Eine Analyse mit dem sogenannten Flesch-Grad, einem Lesbarkeits-Index, bestätigt dieses Urteil. Anhand eines Algorithmus können Texte in «sehr leicht» bis «sehr schwer» unterteilt werden. Massgebend für die Beurteilung sind unter anderem die Satzlängen des Textes: Je kürzer ein Satz, desto leichter verständlich ist er.

Gemäss Flesch-Grad sind von 14 ausgewählten Texten des Lernspiels zwei «mittelschwer» und neun «schwer» verständlich. Zwei Texte zu den Stichworten «Parlamentarische Initiative» und «Interpellation» sind so geschrieben, dass sie gemäss Flesch-Grad eigentlich nur von Akademikern verstanden werden.

Gyger wehrt sich gegen diese Einschätzung. «Der Flesch-Grad betrachtet den Text für sich alleine, ohne die grafische Umgebung und die User-Experience der gesamten Web-App zu berücksichtigen.» Das Resultat mittels Flesch-Grad sei deswegen verzerrt dargestellt.

«Der Flipperkasten hilft sehr eingeschränkt»

Anderer Meinung ist die Juristin Nicola Pridik, die sich auf Rechtskommunikation spezialisiert hat. Sie kreiert unter anderem juristische Schaubilder, die komplizierte Abläufe einfach erklären sollen. «In den Texten tauchen immer wieder Fachbegriffe auf, die nicht erklärt werden, weil es dazu andere Texte gibt.»

Das Lernspiel setze voraus, dass man die anderen Texte bereits gelesen, verstanden und den Inhalt parat habe. Der Flipperkasten helfe nur sehr eingeschränkt, die Abläufe und Zusammenhänge im Einzelnen zu verstehen.

Kann man komplexe Begriffe wie «Motion» in einfacher Sprache überhaupt ausdrücken? «Ja, kann man», so Pridik auf Anfrage. Dazu sei es aber manchmal erforderlich, die Inhalte zu reduzieren, damit die Zielgruppe überhaupt etwas damit anfangen könne.

Diese Kritik teilt auch der Verein «Einfache Sprache Schweiz». «Die Autoren hätten die Fachbegriffe erklären müssen, entweder im Text oder durch ein Glossar», so Vereinsgründer Peter Fischer. (sda)

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1