Der Datensatz ist enorm: Über 120'000 Eheeinträge aus den Jahren 1525 bis 1700 hat das Zürcher Staatsarchiv elektronisch erfasst und online zugänglich gemacht. Die Daten stammen aus den erhaltenen Zürcher Kirchenbüchern, historisch bedingt natürlich aus den reformierten.

Wer beispielsweise wissen wolle, ob sein Familienname bereits früher in einer Gemeinde vertreten gewesen sei, könne hier fündig werden, sagt der stellvertretende Staatsarchivar Hans Ulrich Pfister. «Es muss sich aber natürlich um einen Zürcher Namen handeln.» Aus den Daten liessen sich aber viele weitere Erkenntnisgewinne ziehen, sagt Pfister. «Es handelt sich um einen grossen Steinbruch, aus dem man Antworten auf verschiedene Fragen finden kann.» So laden die seit gestern einfach zugänglichen Daten auch nicht nur zum Forschen und Entdecken, sondern auch zum blossen Stöbern und etwas Staunen ein: Während bei einem Teil der Einträge lediglich die Namen der beiden Getrauten, das Datum und die Kirchgemeinde vermerkt sind, enthalten die übrigen Einträge verschiedene zusätzliche Informationen. Diese sind, wie es Pfister formuliert, «besonders aufschlussreich».

Der Pfarrer und die Moral

So wurde in der Kirchgemeinde Schlieren am 30. November 1628 handschriftlich eine Trauung zwischen Hans Meier, Dienstknecht, und Katharina Schmied verzeichnet. Diese Trauung fand, wie es im Kirchenbuch weiter heisst, «ohne Kranz» statt. Das bedeute, die Braut habe keinen Brautkranz mehr tragen dürfen, erklärt Staatsarchivar Pfister. «Die beiden Eheleute hatten sich für die damaligen moralischen Vorstellungen bereits zu gut gekannt.» Im Eintrag der Schlieremer Kirchgemeinde ist denn auch im Weiteren noch vermerkt, dass der Dienstknecht seine zukünftige Frau schon «vor der Hochzeit beschlief».

In zahlreichen weiteren Fällen ist ebenfalls vermerkt worden, dass die beiden Eheleute «ohne Kranz und Schäppeli» – ohne die Zeichen für Jungfräulichkeit – Hochzeit halten mussten. So etwa Andreas Hauenstein, der Elisabeth Fischer in Dietikon im August 1679 heiratete; die beiden hatten sich «Kranz und Schappel verlurstig gemacht durch vilfaltig verübte Leichtsinnigkeit».

Diese Einträge der zuständigen Pfarrer fielen unterschiedlich aus. Einige blieben beim Führen ihrer Listen eher einsilbig, andere formulierten ausführlich, manche auch derb. So steht etwa bei der Trauung von Hans Meier und Elisabeth Bühler in Buch am Irchel eine längere Bemerkung, zu der sich der Pfarrer «wegen langen Leugnens» der vermuteten Schwangerschaft genötigt sah. Und zwischen Eintrag der Hochzeit am 2. Dezember 1679 und der späteren Anmerkung «Kindbetterin» am 21. April 1680 lagen dann ja auch nur fünf Monate. In der selben Kirchgemeinde hielt der Pfarrer bei der Trauung eines anderen Hans Meiers und einer Elisabeth Gutknecht am 20. November 1683 fest, dass die beiden «in Kranz und Schappel zur Kirche gingen» – sie seien es «aber nicht wert gewesen». Denn auch diese Frau entpuppte sich bald darauf als «Kindbetterin».

Manchmal wurde in diesen Zeiten, als die kirchlichen Vorgaben das moralische Leben bestimmten, auch das Gegenteil hervorgehoben. Als in der Kirchgemeinde Birmensdorf am 22. Februar 1681 Jakob Hafner mit Verena Meier vermählt wurde, hielt der Pfarrer explizit fest, dass «beide ehrliche junge Leute» seien. Bei Hans Hägi und Elisabeth Fehr (9. Oktober 1644 in Knonau) steht der zusätzlich Vermerk: «Beide noch jung und ledig».

Und ein Eintrag des Elgger Pfarrers zeigt, dass bei Geburt noch nicht alles verloren sein muss. Als der einheimische Hans Ulrich Hagmann am 16. Juli 1700 eine N. Wegmann aus dem Toggenburgischen ehelichte, hielt der Geistliche fest, dass die «Hochzeiterin» zwar der «Geburth halben papistisch» sei, aber immerhin «von Jugend an zur reform. Konfession bekehrt und aufgezogen» worden sei.

Eine Frage der Kosten

Neben diesen persönlich-moralisch gefärbten Eintragungen lassen sich aus dem grossen Datenschatz weitere, grundlegende Erkenntnisse gewinnen. Naheliegend ist ja beispielsweise, dass unter den 120 000 Eheeinträgen der Name «Rebmann» gerade im Zürcher Weinland oder nahe den Rebbergen um Meilen gehäuft vorkommt. Zudem lassen sich auch Rückschlüsse auf die Wirtschaft des 16. und 17. Jahrhunderts ziehen. Es tauchen vereinzelt immer wieder Berufsbezeichnungen auf; so heiratete Alt-Wachtmeister Hans Meier seine Magd (1678, Eglisau). Und Jakob Rasie aus Aesch und Elisabeth Huber heirateten im Mai 1677 ausserhalb ihrer eigenen Kirchgemeinde. Dies in Affoltern am Albis bei ihrem Chef, dem «Müller zu Loo», der gleichentags Hochzeit hielt. So konnten sie die Kosten tief halten (aus dem gleichen Grund haben auch oft Geschwister am selben Tag geheiratet).

Die Daten zeigen auch die Entwicklung eines Geschlechts auf. Zur Erfassung und zur einfacheren Durchforstung wurden die Namensformen zwar modernisiert und normalisiert, wie Staatsarchivar Pfister sagt. So sind etwa unter Meier alle früheren, aber auch alle heutigen Namensvarianten zusammengefasst worden. Aber oft wird in den Datenbeständen auf die Originalschreibweise hingewiesen. «Die Schreibweise der Familiennamen war bis ins 19. nicht geregelt und konnte sich von Pfarrei zu Pfarrei unterscheiden», sagt Hans Ulrich Pfister. Erst mit der Einführung des staatlichen Zivilstandswesens 1876 wurden sie amtlich festgelegt.

Die reformierten Kirchenbücher gehen auf das Jahr 1526 zurück. Der Zürcher Rat hatte damals die Pfarrer angewiesen, Aufzeichnungen über die in den Kirchen vorgenommenen Taufen und Trauungen zu führen. Viele der ältesten Register sind gemäss einer Medienmitteilung des Regierungsrates verloren gegangen. In diversen Kirchgemeinden setzten die Aufzeichnungen daher erst um 1600 oder später ein. Dennoch sind für die Zeitspanne von 1525 bis 1700 über 120 000 Eheeinträge vorhanden (www.staatsarchiv.zh.ch). Das Staatsarchiv bereitet derzeit die Ehedaten des 18. Jahrhunderts zur Publikation vor.