Occupy
Kontroverse um Gastrecht der Occupy-Aktivisten in der Kirche St. Jakob

Dass die Kirche St.Jakob der Occupy-Bewegung Gastrecht bietet, stösst bei den Reformierten auf gemischte Reaktionen: Sowohl Zustimmung, aber auch Kirchenaustritte, beispielsweise der Zürcher SVP-Gemeinderat Roger Liebi.

Thomas Schraner
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Bei Verena Mühlethaler, seit Anfang 2010 Pfarrerin in der Offenen Kirche St. Jakob am Stauffacher, glühten gestern die Telefondrähte. Pausenlos musste sie Fragen von Medien, Anwohnern und Gläubigen beantworten und sich nebenbei auch um die neuen Gäste der Bewegung «Occupy-Paradeplatz» kümmern.

Ihnen hat die reformierte Kirchgemeinde Aussersihl Gastrecht bis am 5.Januar angeboten. Benutzen dürfen die Besetzer Vorplatz, Foyer und Toiletten der Kirche sowie einzelne Räume des Kirchgemeindehauses. Im Gegenzug mussten sie sich zu Spielregeln bekennen, unter anderem zu Gewaltlosigkeit und Sauberkeit.

Bisher 15 Austrittsdrohungen eingegangen

«Rund 15 Austrittsdrohungen sind bis jetzt eingegangen», sagt Mühlethaler auf Anfrage, die meisten mit der Begründung, die Kirche mische sich zu sehr in die Politik ein und setze sich für eine Bewegung ein, die Recht und Ordnung verletze. «Wir wollen eine offene Kirche sein, die eine Plattform bietet für gesellschaftliche Probleme», entgegnet die Pfarrerin den Kritikern. Im Grunde halte die Kirche dieselben Werte wie die Besetzer hoch: Menschenrechte, Gerechtigkeit, Gewaltlosigkeit und Frieden.

Ob aus den Austrittsdrohungen ernst wird, ist offen. Wer austreten will, muss dies gegenüber der Kirchgemeinde schriftlich bekunden. Die Präsidentin der zuständigen Kirchgemeinde Aussersihl, Jutta Müller, sagt auf Anfrage, bis gestern seien sechs Austrittsschreiben eingegangen.

«Das hat eine lange Vorgeschichte»

Zu den prominenten Abtrünningen gehört der Zürcher SVP-Gemeinderat Roger Liebi. «Das Gastrecht allein würde diesen Schritt nicht rechtfertigen», räumt er ein. «Aber was in der Kirche St. Jakob passiert, hat eine lange Vorgeschichte». Er meint damit die Tradition dieser Kirche, mit provokativen Aktionen von sich reden zu machen. Gastrecht gab sie Anfang 2009 etwa protestierenden Sans Papiers.

Liebi nervt sich, dass sein Berufsstand, die Banker, kollektiv in den Schmuck gezogen würden. Als Aufruf zum Austritt wolle er seine Aktion aber nicht verstanden wissen, betont Liebi.

Ebenso viele positive Reaktionen

Die negativen Reaktionen sind nur die eine Seite: «Ich habe mindestens so viele zustimmende Reaktionen erhalten», sagt Pfarrerin Mühlethaler. Diese stammten von Leuten, «die es toll finden, was wir da machen.» Ein kirchlicher Amtsträger habe ihr geschrieben, er sei stolz auf die Kirchgemeinde und würde sofort in die Kirche eintreten, wäre er nicht schon dabei.

Gratuliert hat auch Grossmünsterpfarrer Christoph Sigrist. Wofür genau? «Ich habe Frau Mühlethaler zu ihrer Haltung gratuliert», präzisiert Sigrist, «dass sie hin steht und Verantwortung übernimmt.» Inhaltlich könne er zur Bewegung nicht viel sagen, da er sie zu wenig kenne. Als Armeeseelsorger habe er kürzlich aber viel mit Leuten aus der Teppichetage zu tun gehabt, deren Kritik an der Finanzwelt ähnlich töne wie jene der Occupy-Leute. «Alle sagen, man hat nichts gelernt aus der Finanzkrise.» Allerdings sieht Sigrist nun eine grosse Hilflosigkeit.