Kantonsrat
Kontroverse um die jährliche Grippeimpfung

Die Volksvertreter durften sich am Montag im Rathaus impfen lassen. Eine stossende Werbeaktion der Pharmaindustrie, schimpfte ein Impfkritiker. Blödsinn, konterte ein Arzt.

Thomas Schraner
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Impfen oder nicht? Letztlich eine persönliche Entscheidung.

Impfen oder nicht? Letztlich eine persönliche Entscheidung.

Keystone

Alt Kantonsrat Oskar Denzler (FDP, Winterthur), Arzt, begann 2007 damit: mit der jährlichen Impfaktion im Kantonsrat. Die Volksvertreter dürfen sich seither jeweils in der Ratspause gegen Grippe impfen lassen. Der Impfstoff wird von der Kantonsapotheke gratis zur Verfügung gestellt, die Kantonsräte bezahlen einen Unkostenbeitrag. Diesmal geht der Erlös an die Theodora Stiftung für Spitalclowns.

Die Impfaktion gibt regelmässig Anlass zu Scharmützeln. Als militanter Gegner ist Biobauer Urs Hans (Grüne, Turbenthal) bekannt. Er stand schon vor Gericht, weil er seine Kühe nicht gegen die Blauzungenkrankheit impfte. Mit einer persönlichen Erklärung trat er am Montag im Parlament ans Mikrofon. Die Impfaktion sei eine ärgerliche Werbeveranstaltung der Pharmalobby. Das Ganze sei gleich seltsam, wie wenn im Kantonsrat ein Winzer eine Weinaktion mit Häppchen durchführen dürfte. «Der einzige Unterschied ist», so Hans, «dass die Kurz- und Langzeitnebenwirkungen von Wein bekannt sind.»

Die Kronzeugen

Als Kronzeugin dafür, wie schädlich Impfungen seien, führte Hans alt Ratspräsidentin Regula Thalmann (FDP, Uster) an. Nach der Impfung im Kantonsrat sei sie drei Monate lang krank gewesen. Sie lasse sich nicht mehr impfen. Thalmann bestätigte auf Anfrage die Geschichte, die allerdings viele Jahre zurück liegt. Es stimme, dass sie sich nicht mehr impfen lasse. Eine grundsätzliche Impfgegnerin sei sie aber nicht. Möglicherweise habe sie die Impfung schlecht vertragen, vielleicht habe aber auch eine andere Ursache die Krankheit ausgelöst.

Die zweite Kronzeugin von Hans heisst Stefanie Dettling. Die 18-jährige Gossauerin ist amtierende Miss Handicap und seit ihrem ersten Lebensjahr querschnittgelähmt. Ursache: Eine Quecksilbervergiftung, kombiniert mit einem Impfschaden. Dettling bestätigte auf Anfrage den Sachverhalt, räumt aber ein, dass die Ursache ihres Leidens nicht erwiesen sei. «Aber es kann gut sein, dass es so ist wie vermutet.» Man vermute, Zahnfüllungen ihrer Mutter hätten während der Schwangerschaft bei ihr die Quecksilbervergiftung verursacht und das Immunsystem so stark geschwächt, dass sie später allergisch auf die Impfung reagiert habe. «Ich lasse mich jedenfalls nicht mehr gegen Grippe impfen», sagt sie, «nur noch gegen das Allernötigste.»

Allergie und Angst

Nach Hans trat der Zürcher Arzt Josef Widler (CVP), Leiter der Impfaktion, ans Rednerpult. «So viel Blödsinn in einer einzigen Minute habe ich noch nie gehört», nervte er sich und erläuterte den Nutzen der Aktion. Was Hans erzähle, sei gefährlich. Etwa dann, wenn es dazu führe, dass ein Kind nicht gegen Hirnhautentzündung geschützt werde. Später sagte Widler auf Anfrage, er wolle die Impffrage nicht zur Religion emporstilisieren. «Für mich gibt es zwei gute Gründe, sich nicht impfen zu lassen: eine Allergie oder Angst.» Wer Angst davor habe, solle einfach verzichten. Von den 180 Kantonsräten liessen sich gestern 45 impfen, 15 mehr als letztes Jahr.