Zürich
Können Zürcher Autofahrer bald auf dem Pannenstreifen zur Arbeit fahren?

Zwischen Wädenswil und Richterswil soll die A3 in Zukunft auf sechs Spuren befahrbar sein. Das Konzept hat sich bereits am Genfersee bewährt.

Markus Hausmann
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Weil das Verkehrsaufkommen steigt, soll die Autobahn zwischen Wädenswil und Richterswil bald auf sechs Spuren befahrbar sein.

Weil das Verkehrsaufkommen steigt, soll die Autobahn zwischen Wädenswil und Richterswil bald auf sechs Spuren befahrbar sein.

Maria Schmid

Am Genfersee hat sie sich bewährt. Nun will das Bundesamt für Strassen (Astra) die Massnahme auch auf der A3 am Zürichsee einsetzen: die sogenannte temporäre Pannenstreifenumnutzung, kurz PUN. Auf PUN-Abschnitten dürfen Verkehrsteilnehmer während Stosszeiten den Pannenstreifen als Fahrbahn benutzen.

Am Zürichsee plant das Astra ein PUN-Projekt für den fünf Kilometer langen Abschnitt zwischen Wädenswil und Richterswil. Das zeigen Pläne, die im Wädenswiler Bauamt auflagen. Läuft alles nach Plan, geht die PUN 2027 in Betrieb. Auf anderen Strecken im Kanton Zürich soll die Massnahme schon früher angewendet werden.

Bund rechnet mit Verkehrszunahme von einem Viertel

Das Teilstück Wädenswil– Richterswil ist laut Astra ein Engpass. Hier befährt und verlässt besonders viel Verkehr die Autobahn. Auf der A3 zwischen den beiden Anschlüssen verkehren im Durchschnitt über 62'000 Fahrzeuge pro Tag. Tendenz steigend: Der Bund rechnet bis in 15 Jahren mit einer Zunahme von knapp einem Viertel. Schon heute ist die A3 auf besagtem Abschnitt so stark belastet, dass der Verkehr zu Spitzenzeiten stockt.

Bei den Ein- und Ausfahrten häufen sich dann jeweils die Unfälle. Laut Astra ist jeder zweite davon ein Auffahrunfall. Die Pannenstreifenumnutzung soll also Abhilfe schaffen. Das Ziel: weniger Unfälle sowie besserer Verkehrsfluss und damit geringere Umweltbelastung.

Für das 50-Millionen-Projekt muss unter anderem das Autobahntrassee verändert werden. Denn die Pannenstreifen müssen auf 3,5 Meter verbreitert werden. Die zusätzliche Fläche will das Astra gewinnen, indem es den begrünten Streifen in der Mitte der Autobahn verschmälert. Für das Projekt sind auch Signalportale nötig. 19 Stück an der Zahl. An diesen Balken, die die Autobahn quer überspannen, werden die Lichtsignale montiert. Leuchten sie grün, ist der Pannenstreifen befahrbar. Hinzu kommen elektronische Anzeigen für das Tempolimit. Denn bei aktivierter PUN werde die erlaubte Höchstgeschwindigkeit von 120 km/h auf 100 km/h oder 80 km/h reduziert.

Wegen Pannenstreifen ging es auch schon vor Gericht

Unumstritten sind Pannenstreifenumnutzungen nicht. Vor allem wenn die Streifen permanent befahrbar sind. So plante es das Astra etwa auf der Autobahn zwischen Pratteln und Rheinfelden. Der Verkehrs-Club der Schweiz hatte sich 2018 vor Gericht erfolgreich dagegen gewehrt. Die Kritik: Die Kapazität werde wesentlich erhöht, was Mehrverkehr generiere.

Das Verwaltungsgericht bestätigte in seinem Urteil, dass das Astra ungenügend abgeklärt habe, ob das Projekt allfällige Verkehrsumlagerungen mit sich bringe. Und wie steht es diesbezüglich um die PUN am Zürichsee? Das Astra betont in den Projektunterlagen mehrfach: Die temporäre PUN werde «nur bei Bedarf» in Betrieb genommen. Die Kapazität werde nicht erhöht.

Wo sonst noch Pannenstreifen umgenutzt werden

Nach aktuellem Stand erfolgt die Pannenstreifenumnutzung (PUN) auf der A3 zwischen Wädenswil und Richterswil im Jahr 2027. Auf anderen Strecken im Kanton Zürich soll sie schon früher angewandt werden:

- Auf der A1 zwischen den Verzweigungen Zürich-Nord und Brüttisellen sollen die Pannenstreifen laut dem Bundesamt für Strassen (Astra) frühestens ab 2023/24 zu permanenten Fahrspuren umfunktioniert werden.

- Ein PUN-Projekt ist auch für die Westumfahrung geplant. Das Astra rechnet damit, den Pannenstreifen zwischen dem Limmattalerkreuz und Urdorf-Nord in Fahrtrichtung Luzern circa ab 2024 als Fahrspur freigeben zu können.

- Der A1-Abschnitt zwischen Effretikon und Winterthur-Ohringen wird derzeit ebenfalls baulich angepasst. Dabei lässt das Astra auch Signalportale aufrichten, «die technisch für einen PUN-Betrieb ausgerüstet sind». Der Termin für eine mögliche Inbetriebnahme sei aber «noch nicht abschliessend festgelegt» worden. Die baulichen Massnahmen dienten nur als Übergangslösung bis zur geplanten Inbetriebnahme eines 6-Spur-Ausbaus zwischen Winterthur-Töss und der Verzweigung Winterthur-Ost.

- Im Rahmen des Ausbaus der Nordumfahrung wurden die Pannenstreifen der A1 zwischen Zürich-Seebach und Zürich-Affoltern bereits für einen möglichen PUN-Betrieb vorbereitet. Ob ein solcher überhaupt nötig wird, hänge von der Verkehrsentwicklung auf dem Nordring ab, sagt das Astra. Mit dem nun abgeschlossenen Ausbau auf je drei Spuren pro Fahrtrichtung sei die Kapazität auf dem Abschnitt ohnehin schon erhöht worden. (ham)