«Misstöne und Leidenschaft» im Vorfeld von Huldrych Zwinglis Amtsantritt als Leutpriester am Zürcher Grossmünster 1519 – das ist eine der Geschichten, die der kürzlich erschienene Sammelband «Querblicke» vereint. Es seien Zürcher Reformationsgeschichten, die sich nicht in die «grosse» Geschichte der Reformation einfügen, schreiben die Herausgeber Peter Niederhäuser und Regula Schmid im Vorwort. Pünktlich zum 500-Jahr-Jubiläum des Amtsantritts Zwinglis in Zürich ist das als Neujahrsblatt der Antiquarischen Gesellschaft in Zürich lancierte Buch publiziert worden.

Doch nun zu den Misstönen und zur Leidenschaft. Sie sind brieflich überliefert. Zwingli regte sich auf. Der Ärger des 34-Jährigen galt einem Konkurrenten aus dem Schwabenland, der ihm die erhoffte Stelle am Grossmünster streitig zu machen schien.

Selbst kein gebürtiger Zürcher, sondern aus Wildhaus im Toggenburg, schrieb Zwingli am 2. Dezember 1518: «Es ist also wahr, dass ein Prophet nichts gilt in seinem Vaterland, wenn solcherweise ein Schwabe dem Schweizer vorgezogen wird.» Und weiter: «Wählen sie nun diesen Schwaben, so mögen sie gewärtig sein, was der dann aus seinem Saustall vorführt.»

Zwingli spielte damit auf das Schimpfwort vom Sauschwaben an, das in der frühen Neuzeit aufkam, erklärt der Historiker Michael Mente in seinem Aufsatz. Die Eidgenossenschaft habe in jener Zeit begonnen, sich selbst zu erfinden und ihre Identität durch die Abgrenzung vom Nachbarn zu erklären. Gerade auch die Humanisten und später die Reformatoren hätten sich trotz europäischer Gesinnung und Vernetzung betont eidgenössisch gezeigt.

Eine verhängnislose Affäre

Der Konkurrent aus dem Schwabenland war nicht das einzige Hindernis für Zwingli auf dem Weg zu seiner Wahl als Grossmünster-Leutpriester: So zeigte der Schweizer Geistliche in einem weiteren Brief Reue für eine Affäre mit einer jungen Frau in Einsiedeln – und diskreditierte sie gleichzeitig als nicht ehrbare Frau mit entsprechendem Lebenswandel. Seine Strategie ging auf: Am 11. Dezember 1518 wurde Zwingli als Grossmünster-Leutpriester gewählt.

Dass ausgerechnet diese Anekdoten in einem Sammelband zum 500-Jahr-Jubiläum der Reformation auftauchen, passt gut zum gegenwärtigen Bemühen, den Zürcher Reformator als Lebemann zu aktualisieren. So schreibt Mente in seinem Aufsatz: «Das Bild von Zwingli wurde in der späteren Wahrnehmung zwinglianischer als zur Zeit des Amtsantrittes.»

Mente ist aktuell Beauftragter der reformierten Zürcher Landeskirche für Projekte und Kampagnenplanung im Rahmen des Reformationsjubiläums. Er ist also massgeblich an der Kampagne beteiligt, die Zwingli nicht mehr allzu zwinglianisch erscheinen lassen will.

Dabei geht es auch um die Wurst – respektive um den «Zürcher Fastenstreit», so ein weiterer Titel aus dem Sammelband. Die in dem Aufsatz vom Historiker Helmut Meyer rekonstruierte Anekdote zählt zu den bekanntesten der Zürcher Reformationsgeschichte: Beim Drucker Christoph Froschauer fand während der Fastenzeit im März 1522 eine Art «open house» für Gegner des Fastens statt. Man traf sich und ass Würste – dem kirchlichen Fastengebot zum Trotz. Zwingli kam auch hinzu. Er soll aber bei Froschauer auf den verbotenen Fleischkonsum verzichtet haben.

Nichtsdestotrotz rechtfertigte er das Wurstessen am 23. März 1522 in einer Predigt: Aus der Bibel lasse sich das Fasten nicht herleiten. Allerdings könne die weltliche Obrigkeit um der Tradition und Ordnung willen die Einhaltung der Fastengebote verlangen.

Damit hebelte Zwingli die kirchliche Tradition gleich doppelt aus: Entscheidend war nicht mehr, was der Papst oder der Bischof sagte, sondern was in der Bibel stand. Und: Wenn schon jemand auf Erden das Sagen hatte, dann der Rat, nicht die Kirche.

Drei Wochen später veröffentlichte Zwingli seine Predigt in gedruckter Form. Die Päpste bezeichnete er darin als korrupt – und bekräftigte so den Bruch mit der alten kirchlichen Hierarchie. Womit wir, anders als von den Herausgebern des Buchs angekündigt, mitten in der «grossen» Geschichte der Reformation wären.

Eidgenössischer Bruderkrieg

Je länger man in den «Querblicken» blättert, umso deutlicher wird allerdings: Die eine, «grosse» Geschichte der Reformation gibt es nicht. Aber das Erbe der Zürcher Reformation erwies sich als gross genug, um über die Jahrhunderte immer wieder anderweitig instrumentalisiert zu werden.

Dies zeigt etwa Regula Schmid in ihrem Aufsatz über den Verbleib der drei Zürcher Fahnen nach der für Zwingli tödlichen Schlacht von Kappel 1531 auf: Während die Zürcher die Rückeroberung einer ihrer in der Schlacht mitgeführten Fahnen feierten, landeten die beiden anderen in Schwyz. Dort wurden sie bis zum Sonderbundkrieg im 19. Jahrhundert zum Symbol der religiösen Spaltung der Eidgenossenschaft – respektive zum Symbol eines Bruderkriegs, der die Geschichte der Schweiz über Jahrhunderte prägte.

Heute befinden sich die drei Fahnen, brüderlich geteilt, in Zürich und Schwyz: Das von den Zürchern heimgebrachte Banner ist im Landesmuseum zu Zürich. Die andern beiden Fähnlein sind im Bundesbriefmuseum in Schwyz.

Auch für den Hochschulstandort Zürich muss Zwingli herhalten: So zieht der Historiker und Chef des kantonalen Hochschulamts, Sebastian Brändli, eine historische Linie von der theologischen Ausbildungsstätte Prophezei, die Zwingli lancierte, zur 1833 gegründeten Universität Zürich.

Das mag etwas sprunghaft wirken. Und es zeigt, dass Geschichte immer auch von der Gegenwart her gedacht wird. Doch es zeigt darüber hinaus: Zwingli bleibt aktuell.

Querblicke. Zürcher Reformationsgeschichten. Herausgegeben von Peter Niederhäuser und Regula Schmid. Chronos Verlag, Zürich 2019.