Wir treffen den Gastronomen Koni Frei im Restaurant Volkshaus, an dem er beteiligt ist. Der 69-Jährige fährt mit seinem roten StahlVelo vor, betritt das Lokal und entschuldigt sich als Erstes für die Tischanordnung im Eingangsbereich. Wo man sich normalerweise an ein riesiges Zifferblatt setzen kann, stehen nun ganz normale Tischreihen. «Eine Atmosphäre wie in einem Kirchgemeindehaus», sagt Frei und versichert, das Zifferblatt komme bald zurück – obwohl die Gäste die neue Bestuhlung mögen. Während der Austern-Woche erwies sich der ungewöhnliche Tisch-Ersatz als unpraktisch.

Herr Frei, die Mieten explodieren im Quartier. Was passiert mit dem Chreis Cheib?

Koni Frei: Es ist schon schaurig. Die Häuser werden jeden Tag teurer. Das liegt vor allem an der zentralen Lage. Von hier bist du in sieben Minuten am Hauptbahnhof. In London müsste man vier Stunden fahren bis an den Flughafen. Von hier aus dauert es zwanzig Minuten.

Der Kreis vier lag schon früher zentral. Aber heute kann man bei Ihnen im Restaurant Volkshaus Austern schlürfen. Das passt ja nicht unbedingt ins Büezer-Quartier.

Das finde ich nicht. Da sehe ich gar keinen Widerspruch. Das Restaurant Volkshaus war früher praktisch leer. Der Kaffee kostete vielleicht die Hälfte, aber man konnte die Brühe nicht trinken. Ich versuche, mit meinen Nischen progressiven Heimatschutz zu machen. Die klassische alte Kneipe erhalten, aber auf eine neue Art betreiben. Der Kreis vier hat sich verändert. Ich renne nicht einem Proletariat nach, das es gar nicht mehr gibt. Nicht einmal die Italiener sind noch hier. Die wohnen nun auch alle in Altstetten. Ich versuche, die Realität zu akzeptieren und das Heimatgefühl wieder anzuregen. Zum Beispiel mit Volksmusik im Volkshaus.

Vor einem Jahr haben Sie zusammen mit Fredy Burger und anderen das Café Bank übernommen. Nun werden Sie durch den Gastro-Riesen Bindella ersetzt. Ärgert Sie das?

Nein, für mich ist Bindella der beste Gastronom in Zürich. Er ist absolut professionell, aber was er macht, ist etwas ganz anderes. Er hat Restaurants in der ganzen Deutschschweiz, ich beschränke mich auf den Kreis vier.

Woran sind denn die Ambitionen fürs Café Bank gescheitert?

Wir haben uns darauf geeinigt, dass die Zusammensetzung – fünf verschiedene Parteien – nicht funktioniert hat.

Als Sie gestartet sind, haben Sie das noch als Stärke gepriesen.

Tja, im Nachhinein ist man immer schlauer. Die Idee, mit einer breiten Trägerschaft finde ich nach wie vor gut.

Ich habe den Eindruck, die Bars und Restaurants in Zürich gehören immer den gleichen Leuten. Es gibt eine Art Gastro-Mafia, bestehend aus drei, vier Gruppen, die sich den Markt aufteilen. Stimmt der Eindruck?

Mafia ist natürlich übertrieben, aber es hat schon was. Hausbesitzer vermieten ihre Bars lieber an Leute, die schon Erfahrung haben. Auch die Stadt macht das so. Wenn du als junger Mann ohne Erfahrung kommst und eine Bar aufmachen möchtest, hast du keine Chance. Es braucht jemanden als Garanten. Weil ich schon viel Erfahrung habe und die Szene kenne, erhalte ich im Wochentakt neue Angebote. Ich lehne aber meistens ab. Die Vermietungspolitik hat ihre Schattenseiten. Es besteht die Gefahr der Eintönigkeit.

Lohnen sich Ihre Beteiligungen? Wie viel haben Sie auf der Seite?

Nichts. Mein Geld steckt in den Läden. Die Banken geben einem ja keinen Kredit. Ich habe ein kleines Chalet in den Bergen von meinem Vater geerbt, aber Vermögen habe ich keines. Ich bin aber auch nicht unglücklich, dass ich kein Bösch-Boot und keine Rolex habe. Aber hey, ich habe früher in besetzten Häusern gewohnt und wir haben uns das Rindsfilet aus dem Container geholt.

Stichwort besetzte Häuser. Offenbar gibt es in Zürich kein wichtigeres Thema im Wahlkampf als das Koch-Areal. Es geht um Lärm und Bauvorschriften. Haben Sie sich beim Häuserbesetzen an solche Vorschriften gehalten?

So halb. Ich mache seit 28 Jahren Disco. Wir hielten uns nicht an die Vorschriften der Wirtschaftspolizei und auch die Bauvorschriften beachteten wir nicht, wenn wir sie als ungerecht empfanden. Aber die feuerpolizeilichen Vorschriften habe ich immer eingehalten. Da geht es um Leben und Tod.

Also sollen sich auch die Besetzer daran halten?

Ja, das finde ich, aber grundsätzlich bin ich der Meinung, es braucht die besetzten Häuser. Eine Stadt lebt von solchen Projekten. Dass manchmal ein paar Leute einen Seich machen und wie in Bern Autos anzünden, ist leider nicht immer ganz zu verhindern. Ich bin gegen solche Aktionen, aber es ist auch nicht so schlimm, wie es jetzt dargestellt wird. Die ganze Kreativität, die in besetzten Häusern entsteht, entwickelt eine unglaubliche Dynamik, die oft sogar dem entgegenläuft, was die Hausbesetzer wollen.

Die Hausbesetzer als Vorboten der Quartieraufwertung?

Man sieht es auf der ganzen Welt. Wenn die Hausbesetzer kommen, dann fängt die Gentrifizierung an. Zuerst gibt es ein heruntergekommenes Quartier mit viel Leerstand. Dann kommen die Hausbesetzer und die Journalisten schreiben darüber, es kommen die Grafiker und die hippen Läden. Die Mieten steigen und die Hausbesetzer werden so Opfer ihres eigenen Erfolges.

In Zürich werden besetzte Häuser nur geräumt, wenn es ein neues Projekt gibt. Die Stadt stellt den Besetzern sogar das eigene Koch-Areal zur Verfügung. Die Besetzer wiederum installieren Schallschutztüren auf Verlangen der Stadt. Hat das noch etwas mit Hausbesetzung zu tun?

In Zürich kann man heute ja sogar eine illegale Party anmelden. Das ist ein Widerspruch in sich. Aber das hat sich bewährt. Politik ist halt nicht nur Paragrafenreiterei, sondern auch ein Management des Ermessensspielraums.

Würden Sie, wären Sie heute noch einmal jung, eine solche Jugendbewilligung für eine «illegale Party» eingeben?

Nein, es ist eigentlich Chabis (lacht). Aber so ist der Kapitalismus. Er ist widersprüchlich.

Sie waren auch schon selber auf dem Koch-Areal. Finden Sie, die Besetzer verhalten sich gut?

Ich war am Anfang der Besetzung mal dort. Grundsätzlich geht es um die Verhältnismässigkeit. Was die Klagen angeht: Klar gibt es Lärm und Dreck bei einer solchen Besetzung, aber das gehört halt dazu. Man nimmt ja niemandem etwas weg, wenn man ein Haus besetzt. Die Leute, die Häuser leerstehen lassen, sind selber schuld.

Wie sehen Sie das als Gastronom: Sie müssen alle Regeln einhalten, aber die Besetzer nicht?

Das ist doch ein Witz. Ich kenne Leute, die haben früher selber Häuser besetzt und kaum haben sie eine legale Bar, motzen sie darüber, dass sie nun Vorschriften einhalten müssen. Wenn es lustiger ist, ins Koch-Areal zu gehen, dann liegt das Problem beim Barbetreiber, er ist zu teuer oder zu langweilig.

Sie werden im Mai 70 Jahre alt. Wie lange machen Sie noch weiter?

Fidel Castro hat gesagt, Revolutionäre gehen nie in Pension. Aber ich finde die Pensionierung kein gutes Konzept. Solange ich Ideen habe, mache ich noch weiter. Aber klar, ich muss nicht mehr um morgen um drei die Kasse machen im Club.

Gehen Sie noch in den Ausgang?

Ja, ich habe ein neues Projekt. Im Casa Antica in Klosters machen wir eine Generationen-Disco. Die Alten und die Jungen feiern zusammen. Das möchte ich nach Zürich holen.

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