Sanierung
Kongresshaus und Tonhalle: Was entrümpelt und aufgefrischt wird

Sagen die Stadtzürcher am 5. Juni Ja, werden Kongresshaus und Tonhalle saniert und umgebaut. Damit wird der Bau zu seinen Ursprüngen von 1939, respektive 1895 zurückkehren.

Katrin Oller
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Der Panoramasaal im Kongresshaus soll abgebrochen und durch eine Terrasse mit einem öffentlichen Restaurant ersetzt werden.

Der Panoramasaal im Kongresshaus soll abgebrochen und durch eine Terrasse mit einem öffentlichen Restaurant ersetzt werden.

Johanna Bossart

Wer heute in einer Konzertpause vom Foyer der Tonhalle Richtung See blickt, sieht Rückseiten: des Panoramasaals, der Küche und der Lüftung. Die Aussicht auf See und Alpen bleibt verborgen. Diese war aber ursprünglich zentral.

1939 integrierten die Architekten Haefeli Moser Steiger die 1895 gebaute Tonhalle in den Neubau des Kongresshauses. Im Innenraum des Ls, das die beiden Hauptgebäude Richtung See bilden, hatten die Architekten einen Gartenhof ausgespart. Dieser wurde in den 1980er-Jahren mit Räumen gefüllt und im ersten Obergeschoss mit dem Panoramasaal ergänzt. Nun soll der Saal abgebrochen werden.

Bewilligen die Stadtzürcher am 5. Juni Ausgaben in der Höhe von insgesamt 240 Millionen Franken, werden die verantwortliche Architektin Elisabeth Boesch und ihre Kollegen den Gebäudekomplex für 165 Millionen Franken sanieren und umbauen. Er soll sich nicht nur gegen den See öffnen, sondern auch gegenüber der Öffentlichkeit. Statt des Panoramasaals entsteht eine Terrasse und darauf ein öffentliches Restaurant in einem Glaspavillon, das das heutige, wenig einladende Lokal im Erdgeschoss ersetzt und zum Publikumsmagnet werden soll.

Die «Knochen» zeigen

Um trotz Abbruch des Panoramasaals keinen Platz einzubüssen, werden unter der Terrasse zwei neue Kongresssäle gebaut. Für denjenigen Richtung See wird ein Stück Garten geopfert. Der heutige Gartensaal wird zum Foyer zwischen den beiden Sälen. Dafür wird er von seiner weiss-braunen 80er-Jahre-Verkleidung befreit. «Wir holen die Knochen zum Vorschein», sagt Boesch auf einem Rundgang durchs Haus. Der Rohbau mit Säulen und Tragstruktur der gewölbten Decke sei hochstehende Ingenieurskunst und soll sichtbar werden.

Das Rückgrat des Ls, das Vestibül des Kongresshauses, ist heute eine Sackgasse, verstopft durch den Club Le Bal. Dieser wird verschwinden. Das Vestibül wird zur 80 Meter langen, durchgehenden Fläche zwischen Clariden- und Beethovenstrasse. So entsteht eine klare Struktur, denn heute fällt die Orientierung im Haus trotz vielen Hinweistafeln schwer.

Beibehalten werden die Ornamente: die schwarz-weissen Bodenplatten und die die Säulen hochrankenden Lampen im Vestibül, wie auch die Deckenpanele im dar-
überliegenden Konzertfoyer der Tonhalle. Dort werden die hängenden Lampen aus den 80er-Jahren durch energetisch bessere ausgetauscht. Die beigen Panele und das teils stark abgegriffene Kratzmuster an der Wand werden «aufgefrischt», sagt Boesch. Auch der zerkratzte Parkettboden hat eine Renovation bitter nötig.

Prunk und Farbe hervorholen

Mit den Ornamenten und Lampen wollten Haefeli Moser Steiger die Natur ins Gebäude holen, erklärt Boesch. Dazu dienen auch Blumenfenster und der Wintergarten zwischen den Foyers, wo heute Dickblatt-, Wolfsmilchgewächse und andere Sukkulenten wachsen. Darin werden Landschaftsarchitekten, die die Masoala-Halle im Zoo gestalteten, für üppigere Botanik sorgen.

Während im Kongresshaus die Spuren der 80er-Jahre-Sanierung getilgt werden, wird man den Tonhallesaal zurückführen ins 19. Jahrhundert. Noch heute ist der Saal spektakulär, wirkt aber abgestumpft und verstaubt. Haefeli Moser Steiger hatten die vergoldeten Stuckaturen durch Bronze ersetzt und die lachsfarbenen Stuckmarmor-Säulen beige übermalt. Jetzt soll der ursprüngliche Prunk und die Farbe hervorgeholt, respektive neu interpretiert werden. Auch die Deckengemälde mit den Komponisten und dem verblichenen Himmel werden in neuem Glanz erstrahlen. Einzig der ursprünglich dritte Kronleuchter wird nicht ersetzt: «Wir wissen nicht, wo der riesige Leuchter geblieben ist – und nicht einmal, wie er aus dem Saal entfernt werden konnte», sagt Boesch.

Die Renovations- und Umbauarbeiten in den Sälen werden am augenfälligsten sein. Es sind aber die Arbeiten im Hintergrund, die die Kosten in die Höhe treiben: Gebäudetechnik, Erdbebensicherheit, Brandschutz und alles, woran zu lange nichts mehr gemacht wurde, weil man auf einen Neubau gehofft hatte. Derzeit hat die Tonhalle eine feuerpolizeiliche Ausnahmebewilligung. Bei einem Nein an der Urne dürften nur noch 750 Zuhörer in den grossen Saal – halb so viele wie heute.

Im Erdgeschoss weicht der Club Adagio neuen Toiletten, Künstlergarderoben und Probezimmern. Heute üben die Musiker in fensterlosen Zimmern und quetschen sich durch eine enge Treppe vom Untergeschoss hinauf zur Bühne. «Wir werden zwar nicht wie andere Häuser eine Künstlercafeteria haben, aber immerhin einen Pausenraum mit Tageslicht», sagt Boesch.

Die neue Aussicht ist die alte

Am Projekt gebe es nichts Luxuriöses mehr, entgegnet Boesch den Gegnern der Vorlage, die die hohen Kosten kritisieren. Nach mehreren Sparrunden sei nur noch übrig geblieben, was für den Betrieb eines Kongress- und Konzertzentrums nötig sei – und die neue Aussicht, die eigentlich die alte ist.