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Konflikte in der Ausgangsmeile: Die Einen feiern, andere reden von Lärmterror

Wochenende für Wochenende feiern Tausende in Zürich – Anwohner ächzen unter der Belastung. «Ich bin am Ende», sagt der geplagte Bewohner eines Zürcher Quartiers. Dabei sehe er sich sogar als toleranten Menschen.

Thomas Schraner
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Nacht wird es zwar auch auf der Zürcher Langstrasse – Ruhe kehrt hier aber zwischen all den Lokalen, den sogenannten «Nachtcafés», nicht ein.

Nacht wird es zwar auch auf der Zürcher Langstrasse – Ruhe kehrt hier aber zwischen all den Lokalen, den sogenannten «Nachtcafés», nicht ein.

David Baer

Menschenlärm störe ihn eigentlich nicht, sagt Hans Schumacher, der seit 40 Jahren in derselben Wohnung in der Nähe der Langstrasse wohnt. Er könne mit dem Lärm der erlebnishungrigen Menschen leben, die vor allem an Wochenenden das Quartier in Beschlag nehmen. Grölen, Schreien und Lachen bis in die Morgenstunden mache ihm nicht so viel aus. «Aber das dauernde Bum-bum-bum an Wochenenden macht mich kaputt», sagt der 70-Jährige, der früher unter anderem als Taxifahrer arbeitete. «Ich liege im Bett, kann nicht einschlafen und habe vor Wut einen Adrenalinschub.» In solchen Fällen stehe er wieder auf, stülpe sich Kopfhörer über, stelle den Fernseher an und betrinke sich manchmal, um richtig abschalten zu können.

Polizeistatistik: Beschwerden nach Mitternacht sind vor allem Lärmklagen

2127 Gastwirtschaften gibt es gemäss den neuesten verfügbaren Zahlen (2013) in der Stadt Zürich. 646 von ihnen haben eine Nachtbewilligung. Sie müssen also nicht um Mitternacht schliessen, sondern dürfen bis in die Morgenstunden offen haben. Die Stadtpolizei Zürich bezeichnet sie als «Nachtcafés». Zu diesen führt sie eine Statistik über die Zahl und Art der Zwischenfälle, die sich zwischen Mitternacht und sieben Uhr morgens ereignen.

Im Journal erfasst sie folgende Kategorien: Körperverletzung, Tätlichkeiten, Lärm, Sachbeschädigung, Trunkenheit, Verkehrsunfall mit Nichtgenügen der Meldepflicht, Hinderung einer Amtshandlung, Wegweisungen, Gewalt sowie Drohung gegenüber Beamten. 3836 Einträge verzeichnete die Stadtpolizei im vergangenen Jahr. Die Lärmklagen machten dabei über die Hälfte aus: 2164. Die Anzahl der Journaleinträge schwankte in den letzten fünf Jahre nur geringfügig. (tsc)

Das Hämmern der Bässe stammt, so Schumachers Wahrnehmung, aus den Lokalen rund um die Piazza Cella an der Langstrasse: Die Longstreet-Bar, die Piranha-Bar, die Lambada-Bar, die Negresco-Bar und andere Lokale gehören dazu. Die Gegend zählt laut der Vizepräsidentin des Quartiervereins Kreis 4, Alexandra Otto, zu den Hotspots der Ausgehszene – mit allen Begleiterscheinungen.

Schumacher wandte sich mit seinen Sorgen an den Quartierverein. Bei der Polizei habe er schon mehrfach interveniert, ohne dass sich dauerhaft etwas geändert habe. Viel bewirken könne der Quartierverein allerdings auch nicht, sagt Otto. «Immerhin hören die Behörden eher auf uns als auf Einzelpersonen.»

Von Jahr zu Jahr lauter

Er sei es leid, von der Polizei immer dieselbe Bemerkung zu hören: «Wer hier wohnt, muss mit Lärm rechnen.» Wenn die Polizei vorbeikomme, werde es jeweils für kurze Zeit ruhiger. Bald sei es aber wieder wie zuvor. In den letzten fünf Jahren hat sich das Problem laut Schumacher zugespitzt. «Ich bin am Ende», gibt er ohne Aufregung zu Protokoll. «Was ich hier erlebe, ist Lärmterror. Es ist wie ein Hammerwerk, das Bum-bum macht.» Dürfen die das eigentlich, fragt er sich.

Die Antwort, welche die Allgemeinde Polizeiverordnung (APV) gibt, lautet Nein. Betreiber von Bars und Clubs müssen ab 22 Uhr die Nachtruhe einhalten, in der Sommerzeit freitags und samstags ab 23 Uhr. Geht die Polizei mit Lärmklagen im Langstrassengebiet etwas lockerer um als anderswo? Judith Hödl, Sprecherin der Stadtpolizei, verneint. Die Stadtpolizei gehe jeder Klage nach, allerdings nach Massgabe ihrer Ressourcen. «Sind unserer Einsatzkräfte aber in einem grösseren Ereignis eingebunden, kann eine Lärmklage erst in zweiter Priorität behandelt werden.»

Zum konkreten Fall von Schumacher könne sie nichts sagen, sagt Hödl. Wenn sich jemand über Lärm beklage, überprüfe die Polizei jeweils zuerst die Situation vor Ort. Bei zu lauter Musik könne sie im Wiederholungsfall ein Musikverbot verhängen. Schlimmstenfalls könnten die Behörden die Nachtbetriebs-Bewilligung oder das Patent entziehen. Zahlen darüber, wie oft dies schon geschehen ist, gibt es nicht.

An einem schönen Sommerwochenende können laut Hödl bis zu 80 Klagen eingehen. Die Lärmquellen sind vielfältig. Häufig seien private Partys oder Nachbarschaftslärm die Ursache.

Zu den Störenfrieden in seinem Wohngebiet zählt Schumacher etwa die Piranha-Bar. Konfrontiert mit den Klagen, sagt Inhaber Orhan Öztas, davon wisse er nichts. Er halte sich an die Regeln und habe weder mit Anwohnern noch mit der Polizei Probleme. Einzig während der Fussballweltmeisterschaft habe er einen im Freien aufgestellten Lautsprecher auf Geheiss der Polizei wieder hineinzügeln müssen. «Nachbarn, die ein Problem haben, sollen doch vorbeikommen, damit wir das besprechen können», sagt er. Schumacher weiss noch nicht, ob er das Angebot annehmen will.

«Nachtcafés» versiebenfacht

Dass der Ausgehlärm zugenommen hat, bestätigt auch die Quartierbeauftragte des Polizeidepartements, Alexandra Heeb. «Das ist ein grosses Thema für die Stadt.» In den letzten zehn Jahren habe sich die Zahl der Bars und Beizen mit Nachtbewilligung (im Polizeijargon Nachtcafés) auf 646 versiebenfacht. Sie dürfen bis in die frühen Morgenstunden offen halten. Dass die Ansprüche der Ausgehfreudigen mit dem Ruhebedürfnis der Anwohner kollidieren, liege auf der Hand. Das Problem stelle sich in allen Städten, sagt Heeb, die Mitglied einer Arbeitsgruppe des Städteverbandes ist. Allerdings in kleinerem Massstab. Basel vergibt sechs Mal weniger Nachtbewilligungen.

Keine Dauerlösungen

Gibt es in einem Quartier anhaltende Lärmkonflikte, wird die Quartierbeauftragte beigezogen. Finden sich Lösungen? «Ja, aber oft nicht auf Dauer», sagt Heeb. Man müsse immer wieder von neuem das Gleichgewicht suchen. Eine Lösung am runden Tisch fand man in einem andern Fall im Kreis 4, wo es ebenfalls Probleme wegen lauter Musik von Lokalen gab. Er drang ins Freie, wenn Gäste etwa wegen Rauchpausen ein und aus gingen oder draussen lärmten. Die Lokalbesitzer verpflichteten sich schliesslich, einen Flyer aufzulegen, auf dem um Rücksicht auf die Nachbarn gebeten wird. Zudem wurden Lärmschleusen bei Türen eingebaut. «Es gibt aber Orte, die kann man nicht ruhig machen», räumt Heeb ein. Dazu gehörten die Seepromenade, die Werdinsel – oder die Langstrasse, wo der Wohnanteil bei 60 Prozent liegt. Gerade dort liege die Toleranzschwelle der Anwohner aber oft höher als in klassischen Wohngebieten.

Als toleranter Mensch sieht sich auch Schumacher – jedenfalls gegenüber Menschenlärm. Auf das Hämmern der Bässe reagiert er aber mittlerweile so allergisch, dass er auf der Piazza Cella die Flucht ergreift, wenn er sie hört – auch in gedämpfter Lautstärke.