Kommentar
Abstimmung über das Energiegesetz: Umweltfreundliches Heizen ist dringend nötig

Das Zürcher Energiegesetz, über das am 28. November abgestimmt wird, birgt punkto Mietentwicklung ein überschaubares Risiko. Ein Nein wäre riskanter. Denn auf dem Weg zur Klimawende ist umweltfreundliches Heizen etwas vom Wichtigsten.

Matthias Scharrer
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Der Klimawandel vermehrt die Wetterextreme: Die Folgen des Sturms «Bernd» von Mitte Juli sind am Üetliberg noch immer unübersehbar. (Zürich, 10.11.2021)

Der Klimawandel vermehrt die Wetterextreme: Die Folgen des Sturms «Bernd» von Mitte Juli sind am Üetliberg noch immer unübersehbar. (Zürich, 10.11.2021)

Matthias Scharrer

Was mit dem Klimawandel vermehrt auf uns zukommen dürfte, haben zwei Ereignisse diesen Sommer drastisch vor Augen geführt: Mitte Juli fegte der Sturm «Bernd» über den Raum Zürich hinweg. Die Folgen sind noch immer sichtbar: Grossflächig knickten etwa auf dem Üetliberg Bäume um. Wo Wald war, sind heute wüste Lichtungen. Unvergessen ist auch das Jahrhunderthochwasser nach sintflutartigen Regenfällen zur gleichen Zeit in Deutschland: Über 180 Menschen verloren dabei ihr Leben.

Dass der Klimawandel zumindest grossteils eine Folge des von Menschen verursachten Treibhausgasausstosses ist, gilt mittlerweile als gesicherte Erkenntnis. Ebenso, dass dadurch extreme Wetterereignisse häufiger vorkommen. Doch damit nicht genug: Langfristig drohen ganze Landstriche unbewohnbar zu werden. Die globale Migration dürfte damit weiter zunehmen. Und Schweizer Bergdörfer geraten ins Rutschen, weil der Bodenfrost nachlässt.

Die gute Nachricht lautet: Wir können etwas dagegen tun. Natürlich ist unser Einfluss auf den Treibhausgasausstoss von Ländern wie China nahezu inexistent, ausser vielleicht, wenn Schweizer Ingenieurinnen und Ingenieure Umwelttechnologien entwickeln, die sich auf dem Weltmarkt durchsetzen. Direkt etwas bewirken lässt sich hingegen im eigenen Alltagsleben. Und hier setzt das Zürcher Energiegesetz an, über das das kantonale Stimmvolk am 28. November entscheidet.

Heizungen verursachen 40 Prozent des CO2-Ausstosses

Eine der grössten Quellen für den Ausstoss des Treibhausgases CO2 sind nämlich die mit den fossilen Energieträgern Öl und Gas betriebenen Heizungen. Sie verursachen hierzulande laut Regierungsrat rund 40 Prozent des CO2-Ausstosses. Und wenn sie nach plus/minus 20 Jahren das Ende ihrer Lebensdauer erreichen, werden bislang noch immer mehr als die Hälfte von ihnen durch neue fossile Heizungen ersetzt.

Das soll sich mit dem neuen Energiegesetz ändern: Fossile Heizungen müssten demnach durch CO2-neutrale Heizungen ersetzt werden, wenn sie ausgedient haben. Statt Ölheizungen gäbe es dann Wärmepumpen oder Holzpelletheizungen oder einen Anschluss an ein Fernwärmenetz, so die aktuell gängigen Lösungen. Auch Biogas wäre erlaubt.

Daneben brächte das neue Energiegesetz weitere umweltfreundliche Neuerungen mit sich: Neubauten müssten einen Teil ihres Energiebedarfs selbst decken, etwa mit Solaranlagen; Elektroboiler- und Heizungen müssten bis 2030 verschwinden; und bei Neubauten dürften nur noch CO2-neutrale Heizungen eingebaut werden, was heute schon ziemlich etabliert ist. Zudem gäbe es mehr Fördergelder für den ökologischen Umbau von Häusern.

Breite Parteienmehrheit für das neue Energiegesetz

Im Kantonsrat hatte das neue Energiegesetz eine breite Mehrheit hinter sich: FDP, die Mitte, EVP, GLP, Grüne, SP und AL stimmten dafür. Allein die SVP war dagegen – und kündigte ein Referendum des Hauseigentümerverbands an. Wegen dieses Referendums kommt es nun zur Abstimmung.

Die Gegnerinnen und Gegner der Vorlage kritisieren vor allem einen Punkt: die Vorgabe, eine fossile Heizung am Ende ihrer Lebensdauer durch eine CO2-neutrale Heizung zu ersetzen. Sie warnen, dass dadurch die Mieten steigen würden. Denn, so ihr Argument: Hauseigentümer würden bei diesem vorgegebenen Heizungsersatz oft gleich das ganze Haus ökologisch sanieren. Dadurch würde das Wohnen generell teurer.

Ganz von der Hand weisen lässt sich dieses Argument nicht. Leerkündigungen von Häusern bei ökologischen Sanierungen mit anschliessend teurerer Neuvermietung kommen laut einer Studie durchaus vor. Und das wohlgemerkt schon heute, auch ohne die Änderung des Energiegesetzes. Gut möglich, dass manche Hausbesitzer diese Entwicklung unter dem Vorwand der neuen gesetzlichen Vorgaben zum umweltfreundlichen Heizungsersatz noch verstärken würden.

Fünf-Prozent-Klausel gegen Kostenexplosion

Allerdings: Erzwungen würde dies durch das neue Gesetz keineswegs. Denn es verlangt politisch pragmatisch den ökologischen Heizungsersatz, nicht aber umfassende Sanierungen. Um eine Kostenexplosion zu verhindern, enthält das zur Abstimmung kommende Energiegesetz zudem eine Fünf-Prozent-Klausel. Sie besagt, dass beim Heizungsersatz wieder eine fossile Heizung eingebaut werden darf, falls die absehbaren Kosten über die gesamte Lebensdauer der Heizung ansonsten um mehr als fünf Prozent stiegen. Aufschub beim ökologischen Heizungsersatz wäre zudem in Härtefällen bis drei Jahre nach dem nächsten Hausbesitzerwechsel möglich.

Mit anderen Worten: Das neue Energiegesetz ist so ausgestaltet, dass Wohnen deswegen nicht teurer werden muss. Im Gegenteil, es kann sogar billiger werden. So sind bei Wärmepumpen zwar die Investitionskosten höher als bei Öl- und Gasheizungen; dies wird aber langfristig mehr als ausgeglichen durch tiefere Energiekosten. Einen grösseren Kostenanstieg verhindert zudem besagte Fünf-Prozent-Klausel.

Ein Beitrag, den wir leisten können und sollten

Fazit: Heizen ohne Treibhausgasausstoss ist ein dringend nötiger Beitrag, den wir leisten können und sollten, um den Klimawandel zumindest ein wenig zu bremsen. Das neue Zürcher Energiegesetz zielt daher aus guten Gründen in diese Richtung und macht verbindliche Vorgaben dazu.

Gleichzeitig gewährleistet es, dass sich das Wohnen allein wegen des Heizungsersatzes nicht massiv verteuert. Wenn ökologische Sanierungen da und dort zu höheren Mieten führen, so liegt dies in der Verantwortung der Hauseigentümer und nicht an der Gesetzesvorlage.

Ganz gratis ist die Energie- und Klimawende aber nicht zu haben. Der Preis für ein unvermindertes Verheizen von Öl und Gas wäre jedoch massiv höher: Der Klimawandel und die damit verbundenen Naturkatastrophen wären kaum zu bremsen.

Und noch etwas: Wenn hierzulande statt in fossile in CO2-neutrale Heizungen investiert wird, fliesst das Geld nicht mehr in Erdöl produzierende Länder, sondern vermehrt in zukunftsträchtige technische Innovationen. Das könnte den Standort Schweiz stärken.

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