Die kleine Kirche Wetzwil ist eine klassische Hochzeitskirche. Sie liegt idyllisch inmitten von Wiesen hoch über Herrliberg am Zürichsee. Vor zwanzig Jahren standen die Brautpaare im Sommer Schlange, um in Wetzwil heiraten zu können. «Damals fanden im Sommer zwei bis drei Hochzeiten pro Wochenende statt», sagt Dora Ledergerber, Sigristin der Kirche Wetzwil. Das sei heute nicht mehr so. 2018 lassen sich gerade noch zwei Paare in der Kirche trauen.

Heiratswillig sind die Paare aber immer noch. Jährlich werden um die 8'500 Ehen im Kanton Zürich geschlossen. 2017 waren es 8234. Aber immer weniger Paare lassen sich in Kirchen trauen. 2017 wurden 621 Ehen in reformierten Kirchen geschlossen, 750 in katholischen. Zusammen sind das nur rund 17 Prozent aller Trauungen.

Die anderen heirateten etwa in Restaurants, ehemaligen Industriehallen, Scheunen oder draussen. Diesen Trend kennt auch die Wetzwiler Sigristin Dora Ledergerber bestens. Ihre Familie führt in Herrliberg den Hof Schlattgut, wo auch Anlässe stattfinden, vor allem Hochzeiten: «Bis Ende 2019 sind wir bereits ausgebucht», sagt sie.

Kirche ist nicht mehr die Regel

Gegen den jahrzehntelangen Rückgang der kirchlichen Trauungen will die reformierte Landeskirche nun etwas unternehmen. Am 23. September stimmen die Reformierten im Kanton über eine Teilrevision der Kirchenordnung ab (siehe Zweittext). Darin ist auch eine Öffnung der kirchlichen Handlungen vorgesehen.

Diese müssen nicht mehr «in der Regel» – wie die heutige Formulierung lautet – in der Kirche stattfinden. Vielmehr können Taufen «in begründeten Fällen», Trauungen «auf Anfrage des Brautpaares» und Abdankungen «auf Wunsch der verstorbenen Person» auch ausserhalb von Kirchen durchgeführt werden.

Einer, der dies schon länger so handhabt und sich für die Umformulierung in der Kirchenordnung eingesetzt hat, ist Andrea Marco Bianca, Pfarrer in Küsnacht und Vizepräsident des reformierten Kirchenrats. Etwa die Hälfte der Paare, die Bianca traut, heiraten nicht in kirchlichen Räumen, sondern zum Beispiel in einem Rebberg im Tessin, einer Villa im italienischen Stresa, in Mallorca oder auf einem Heuballen unter einem Baum. Solange ein würdiger Rahmen gegeben sei, würde er keinen Ort kategorisch ausschliessen, sagt der Pfarrer.

Diese Trauungen finden keinen Eingang in die Statistik der reformierten Kirche des Kantons Zürich. Traut Bianca ein Paar in einer Kapelle im Bündnerland, wird die Trauung dort gezählt, traut er jemanden im Wald, erscheint diese in keiner Statistik.

Anders ist dies bei den Katholiken, wie ein Sprecher der katholischen Kirche im Kanton Zürich sagt. Die katholische Kirche handhabe die Frage nach der Örtlichkeit unbürokratisch. Prinzipiell finden Trauungen oder Taufen in der Kirche statt. In begründeten Situationen könne man eine Ausnahme machen. Dann liege die Verantwortung beim Priester oder Gemeindeleiter.

Pfarrer sind die Profis

Viele Paare seien heute kaum mehr in Kirchen und wollten nicht dort heiraten, weil das Gebäude nicht zu ihnen passe, sagt Bianca. Vielmehr suchten Brautpaare heute zuerst die Lokalität des Festes und schauten dann, wer sie dort trauen könne. «Viele finden im Internet teure Ritualbegleiter, dabei sind wir Pfarrpersonen hier die Profis.» Als Pfarrer könne er biblische Werte übersetzen in heutige Worte. Für die Brautpaare zeige sich Gott oder der Glaube oft nicht in der Kirche, sondern in ihrer Beziehung zueinander.

«Bewusster Systemwechsel»

Die Anpassung in der reformierten Kirchenordnung sei klein, bedeute aber einen bewussten Systemwechsel, sagt Bianca. «Es setzt ein anderes Verständnis der Kirche voraus – weg vom Festgefahrenen der Organisation, hin zum Mobilen der Mitglieder.» Er sieht darin eine Chance für die reformierte Kirche. Die Öffnung der kirchlichen Handlungen passe auch gut zum 500-Jahr-Jubiläum der Reformation.

Dieser Punkt in der Kirchenordnung war im Kirchenparlament allerdings nicht unumstritten. Vor allem bei der Taufe – einem der beiden reformierten Sakramente – hegten manche Synodale Zweifel und wollten an der ursprünglichen Formulierung festhalten.

Bislang musste die reformierte Taufe im Gemeindegottesdienst stattfinden, für gewöhnlich am Sonntagmorgen. Damit kann die Gemeinde das neue Mitglied willkommen heissen. «Die wenigen älteren Menschen, die heute an einem Sonntag noch in der Kirche sind, entsprechen kaum mehr der Gemeinde als Ganzes», hält Bianca dagegen. Auch Familie und Freundeskreis des Kindes können die Gemeinde verkörpern.

Natürlich bedeute eine Taufe oder Trauung ausserhalb der Kirche mehr Aufwand für die Pfarrperson und ein Bruch mit fixen Mustern, räumt Bianca ein: «Man muss das gerne machen.» Er lasse sich nur für die Spesen für Anreise und Übernachtung vom Brautpaar bezahlen. Sonst ist die Dienstleistung eines Pfarrers für Kirchenmitglieder kostenlos.