Energie
Kleinkraftwerk mit High-Tech-Inventar

Alois Rohrers Kleinkraftwerk in Rüti ist gebaut wie ein grosses – mit Staudamm, Stausee und modernster Steuerung. Rohrer hat Millionen ins Werk investiert. Doch ums Geld geht es ihm nicht.

Michael von Ledebur
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Limmattaler Zeitung

Auf der Höhe des Pilgerstegs in Rüti, dort, wo sich der Fluss tief ins Grundtal eingräbt, steht, von allen Blicken geschützt, ein schmuckes Häuschen mit rosa getünchter Fassade. Zwischen den Felsmauern plätschert die Jona als Wasserfall zu Tal. Vor dem Haus steht Alois Rohrer und strahlt. «Im Frühling, wenn der Fluss viel Wasser führt, tobt und stäubt es hier unten», sagt er. «Als ich diesen Ort zum ersten Mal sah, sind mir fast die Tränen gekommen.»

Turbine seit 1918 in Betrieb

Die Macht des Wassers, die Alois Rohrer jeden Frühling spürt, wird im Innern des rosaroten Hauses zu Energie umgewandelt. Zwei Turbinen treiben darin Generatoren an. Die eine Turbine ist ebenso alt wie das Gebäude – seit über 90 Jahre verrichtet sie ihren Dienst.

Angetrieben wird sie von Wasser, das mit einem Druck von 4,2 Bar in dicken Rohren fliesst. Alois Rohrers Kleinwasserkraftwerk versorgt 400 Rütner Haushalte mit Strom und produziert jährlich 1,3 Millionen Kilowattstunden. Der einzige Ausstieg aus der Schlucht führt über einen zwei mal zwei Meter breiten Kamin, der vom rosaroten Haus in die Höhe ragt. Weil das Kraftwerkgebäude unter einem überhängenden Felsen erbaut wurde, durchstösst der Kamin Gestein und Erdreich, ehe er die Oberfläche erreicht.

Im Innern windet sich eine enge, 200 Stufen hohe Wendeltreppe in die Höhe, die Alois Rohrer oft mehrmals täglich überwindet. Auch Stromkabel und Wasserrohre sind darin untergebracht.

Wer den Wasserrohren folgt, gelangt zu einem 12 Meter hohen Damm, hinter dem sich die Jona zu einem 11 000 Quadratmeter grossen See aufgestaut hat.

Es ist die grösste Staumauer im Kanton Zürich. Mit ihrer gewölbten Konstruktion gleicht sie ihren grossen Verwandten in den Schweizer Alpen. Und tatsächlich sagt Alois Rohrer: «Das Kraftwerk ist eine Miniatur-Ausgabe eines Grosskraftwerks. Einmalig.» Normalerweise seien Kleinwasserkraftwerke simpel konstruiert.

45 Personen beschäftigt

Das Kraftwerk am Pilgersteg jedoch verfügt wie die grossen Kraftwerke über Staudamm, Turbinenhaus und Wasserschloss. Letzteres ist eine Art Turm über dem Turbinenhaus, der dazu dient, bei Bedarf Wasserdruck aus den Leitungen abzuleiten. Stolz erzählt Rohrer, dass die Staumauer selbst dem grossen Hochwasser standgehalten habe, das Rüti 1938 heimsuchte. Erbaut wurde das Kleinstkraftwerk von der Firma Hesco im Jahre 1918.

Seit 1995 befindet es sich im Besitz von Alois Rohrer. Der 68-Jährige ist Inhaber der Firma Alro im aargauischen Rudolfstetten, die 45 Personen beschäftigt und sich auf Steuerungssysteme für Wasserkraftwerke spezialisiert hat. Seine Firma war unter anderem am Bau der Steuerung des AKWs Mühleberge beteiligt; gerade kürzlich hat sie Wasserkraftwerkprojekte in Engelberg und in Ennenda realisiert.

Das Kerngeschäft von Rohrers Firma ist die Planung und der Bau von Steuerungssystemen im Auftrag der Kunden. Nebenbei besitzt Rohrer ein Kleinwasserkraftwerk im Kanton Glarus und eben das Werk am Pilgersteg. Gut 1,2 Millionen Franken hat Rohrer seinerzeit dafür bezahlt.

Weil das Tobel auch vor dem Bau des Kraftwerks für Fische nicht durchgängig war, kann Rohrer ökologisch produzieren und den Strom als Ökostrom ins Rütner Netz einspeisen und erhält dafür 17 Rappen – weit über dem Marktpreis, der zwischen 6 und 8 Rappen liegt. Der Unterschied wird der Gemeinde aus dem Förderfonds für Ökostrom der nationalen Netzgesellschaft Swissgrid vergütet. Rohrer macht mit seinem Kraftwerk einen jährlichen Umsatz von etwa 200 000 Franken.

Besonders lukrativ sei das Geschäft nicht, sagt Rohrer. Er schmunzelt. «Meine Frau beklagt sich immer, weil ich immer wieder in das Kraftwerk investiere», sagt der gebürtige Kärntner, der seit über 50 Jahren in der Schweiz lebt. Und fügt an, was längst offenkundig ist: «Das Kraftwerk ist eine Herzensangelegenheit.»

«Spülgenehmigung» erteilt

Rohrers neuestes Projekt ist der Einbau einer weiteren Turbine. Sie setzt bisher ungenutztes Potenzial frei. Sie wird durch Restwasser angetrieben, dessen Menge vom Kanton vorgegeben ist. Weil Rohrer einen tonnenschweren Schieber mit einem Motor ausrüsten liess, ist es ihm möglich, per Knopfdruck Wasser durch den Kanal abzuleiten.

Die nötige «Spülgenehmigung» musste Rohrer eigens vom Kanton einholen. Rohrer wird nicht müde, die Effizienz des Kraftwerks stetig zu verbessern. «Früher wurden hier 0,6 Megawattstunden produziert, heute sind es 1,4 Megawattstunden», sagt er stolz. Die Turbinen stünden nie lange still, weil er Reparaturen prompt erledige.

Und bei der Ausstattung seines Kleinkraftwerks macht er keine Kompromisse. Als Fachmann für Kraftwerksteuerungen kennt er den Markt genau. So kommt es, dass das Kleinkraftwerk am Pilgersteg mit derselben Technologie gesteuert wird wie moderne Grosskraftwerke. Rohrer kann jeden einzelnen Schalter fernbedienen und beherrscht so den Wasserzufluss zentimetergenau. Er erfährt es als Erster, wenn die Jona Hochwasser führt – via Internet von jedem Ort der Welt aus.

Um Missbräuche zu verhindern, ist die Steuerung auf E-Banking-Niveau verschlüsselt. Entsprechend läuft das Kraftwerk unbemannt und ist völlig automatisiert. Eine Million Franken hat Rohrer bisher in den Ausbau der denkmalgeschützten Anlage gesteckt – eine weitere Million wird folgen. Kommendes Jahr sollen die beiden Turbinen durch moderne Maschinen ersetzt werden.