Limmatstadt
Kleine Geschichte Zürichs: «Sie köpften gar den Bürgermeister»

Thomas Lau rollt in seinem Buch «Kleine Geschichte Zürichs» die Entwicklung der Limmatstadt während der letzten Jahrhunderte auf. Auf knapp 200 Seiten präsentiert er ein Geschichtsbuch, wie man es gerne hat.

Tobias Engelsing
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Limmatstadt Zürich

Limmatstadt Zürich

Dass die Zürcher bei ihren Landsleuten übermässig beliebt seien, wird kaum jemand behaupten. Der einst verbreitete Spottname «Zürischwob» bündelte die alten Vorbehalte:

Der herrische, selbstgefällige Zürcher sei eigentlich mehr Schwabe als Eidgenosse. Der Vorwurf kam nicht von ungefähr, denn in der Tat hielt die selbstbewusste freie Reichsstadt Zürich den Beitritt zum Bund der Eidgenossen lange nur für eine politische Option unter mehreren.

Die wirtschaftlich aufstrebende, politisch in Europa gut vernetzte Stadt schloss Bündnisse mit den Reichsstädten Oberschwabens und hatte keinerlei Interesse am Streit mit den Habsburgern.

Junge Eidgenossenschaft

Als sich die beiden Machtblöcke des Reichs und der jungen Eidgenossenschaft jedoch im 15. Jahrhundert immer deutlicher voneinander schieden, wurde es eng für die Zürcher.

Eine militärische Niederlage führte schliesslich 1450 die Entscheidung herbei: Aus dem Streit um Territorialrechte im Toggenburg entwickelte sich der «Alte Zürcherkrieg» an dessen Ende Zürich auf Druck der sieben alten Orte der Eidgenossenschaft beitreten musste.

Doch der Schmerz über den Beitritt wurde durch eine Ausdehnung der Herrschaft im Land gemildert. Und so erwuchs aus der Schmach eine neue Blüte und für Zürich brach 1450 ein Zeitalter des Reichtums und des politischen Aufstiegs an.

Klosterstadt mit ihrer Verehrung

Davon und von den Anfängen der Klosterstadt mit ihrer Verehrung der heiligen Märtyrer Regula und Felix bis zur protestantisch geprägten Wirtschafts- und Kulturmetropole der Schweiz im 20. Jahrhundert erzählt eine neue Zürcher Stadtgeschichte.

Auf knapp 200 Seiten präsentiert Thomas Lau, Geschichtsprofessor an der Universität Fribourg, ein Geschichtsbuch, wie man es gerne hat: Übersichtlich, spannend und gespickt mit Anekdoten, die den Lauf der Geschichte für den Laien manchmal mehr erhellen, als dicke Schwarten, die niemand lesen mag.

Da erscheint uns beispielsweise der Zürcher Bürgermeister Hans Waldmann, den der Zürcher Rat 1489 köpfen liess, nachdem er seinen Mitbürgern als erfolgreicher Söldnerführer und korrupter Zunftpolitiker zu bedrohlich geworden war.

In Grandson, Murten und Nancy hatten Schweizer Söldner grosse Ritterheere geschlagen. Das sogenante «Reislaufen» wurde zu Hause jedoch nicht kritiklose hingenommen. Ein ehemaliger Feldprediger namens Huldrych Zwingli geisselte den eidgenössischen «Fleischhandel» scharf.

Kritik am Söldnerdienst

Was als Kritik am Söldnerdienst begann, endete in der Zürcher Reformation von 1523. Sie wollte den Sündenpfuhl Zürich ins neue Jerusalem der Sittlichkeit und des Patriotismus verwandeln.

Das berühmte «Wurstmahl» des Buchdruckers Froschauer, an dem Zwingli unter Bruch des vorösterlichen Fastengebots teilnahm, machte den Reformator weithin bekannt.

Zwingli starb 1531 in der Schlacht von Kappel, doch Zürich blieb reformiert. Im intellektuellen Klima der Kirchenreform blühten Buchdruck und Verlagswesen.

Das «protestantische Rom» zog Humanisten und Wissenschaftler an und Zürich wurde zu einer der damals bedeutendsten Gelehrtenstädte.

1700 hatte Zürich 10000 Einwohner

Um 1700 hatte Zürich erst 10000 Einwohner, doch jährlich strömten Hunderte Einwanderer aus Frankreich, Italien und Deutschland zu. Sie alle brachten Wissen und Erfahrungen mit.

Zürich wuchs rasant, die Seidenindustrie blühte, erste Bankhäuser mit internationalen Niederlassungen wurden gegründet.

In der «aufgeklärten Tugendrepublik» entstanden Paläste des Frühkapitalismus, aber es sprudelten auch die Steuereinnahmen, mit denen Bildungseinrichtungen, die Universität und Sozialwerke gegründet wurden.

Den Quantensprung zur europäischen Grossstadt vollzog Zürich im 19. Jahrhundert mit der Mechanisierung der Textilindustrie. Die industrielle Produktion brauchte auch schnellere Verkehrsverbindungen:

1835 fuhr das erste Dampfschiff auf dem Zürichsee und der spätere Gründer der Credit Suisse und Organisator der Gotthartbahn, «Eisenbahnkönig» Alfred Escher, trieb die Verkehrserschliessung des Landes voran.

1880er-Jahren zählte Zürich 100000 Einwohner

In den 1880er-Jahren zählte Zürich schon 100000 Einwohner. Bald waren die eleganten Boulevards, Salons und Cafés der Stadt an der Limmat die Treffpunkte, an denen sich bis in unsere Tage die intellektuelle, kulturelle und wirtschaftliche Elite Europas begegnen sollte.

Damit war Zürich zur grössten und weltläufigsten Stadt der Schweiz geworden.