Zürich
Kleine Buben spielen in der Schulpause Videogames für Volljährige

Mittag für Mittag spielen Buben von den nahen Schulen in einem Laden im Untergrund des Bahnhofs Stadelhofen Videogames, die sich an Volljährige richten. Verboten ist das in Zürich nicht.

Marius Huber
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Spiele ab 16 oder 18? Kein Thema für die Kids.

Spiele ab 16 oder 18? Kein Thema für die Kids.

Keystone

Die Szene gehört zur derben Mittagsroutine im Untergrund des Bahnhofs Stadelhofen: Eine Gruppe Halbwüchsiger steht im Videospieleladen Soft­ridge um einen Bildschirm versammelt. Sie schaut gebannt zu, wie ein Kollege in einem fotorealistisch dargestellten Inselparadies gerade ein Banditennest wegballert. Kopfschuss, Bauchschuss, Kopfschuss. Er macht das routiniert und ohne sichtliche Regung. Den letzten seiner Gegner packt er bei den Haaren und rammt ihm ein Jagdmesser seitwärts in den Hals, worauf auf dem Monitor eine rote Fontäne in Richtung der Bubengesichter spitzt. Ein Knirps lächelt anerkennend.

Das Spiel heisst «Far Cry 3», ein Actionspiel für Erwachsene. Gemäss den europaweiten Pegi-Altersempfehlungen, auf die sich die Branche in einem Kodex verpflichtet hat, ist es erst ab 18 Jahren empfohlen. Wie zahlreiche andere Spitzentitel auch. Fast jedes fünfte geprüfte Videospiel richtet sich an Jugendliche, die den 16. Geburtstag schon hinter sich haben - was auf viele der Buben, die jeden Mittag zum Spielen am Stadelhofen eintrudeln, kaum zutrifft. Sie kommen von den nahen Schulen.

Verbote, die hier einen Riegel schieben würden, gibt es nicht. Das Bundesgesetz kennt in Bezug auf neue Medien keine Kinder- und Jugendschutzbestimmungen. Und auch auf kantonaler Ebene fehlt in Zürich ein Gesetz, wie es etwa die beiden Basel seit Kurzem haben. Dort hat die Regierung die Pegi-Altersrichtlinien für verbindlich erklärt. Eine Konsequenz davon: Auch wer Videospiele in frei zugänglichen Lokalen laufen lässt, ist für den Jugendschutz verantwortlich. Im Kanton Zürich sind solche Regeln frühestens in ein paar Jahren zu erwarten, falls das Filmgesetz von 1971 entsprechend erneuert wird.

Nur Kinderspiele? Sicher nicht

Anders als beim Alkohol macht deshalb heute in Zürcher Elektronikläden niemand Stichproben, um den Besitzern auf die Finger zu schauen. Die Stadtpolizei appelliert an deren Eigenverantwortung. Mit mässigem Erfolg: Bei der Firma Softridge, die am Hauptbahnhof und in Oerlikon zwei weitere Geschäfte führt, dulden die Verkäufer in der Regel das Treiben der Jugendlichen an den Bildschirmen.

Geschäftsführer Sandro Cimildoro beteuert auf Anfrage, er sei an dieser Problematik «kontinuierlich dran». Es sei für ihn aber kein Thema, nur noch Kinderspiele laufen zu lassen, wie dies einige grosse Elektrodiscounter tun. Das Probespielen sei für ihn eine Kundendienstleistung und ein zentrales Argument in einem widrigen Marktumfeld - Softridge ist einer der letzten Fachhändler in einem Geschäft, das sich zunehmend ins Internet verlagert.

Cimildoro kümmert auch der Verhaltenskodex der Branche wenig, der ihn dazu verpflichtet, Spiele für über 16-Jährige nicht an Orten zu bewerben, die hauptsächlich von jüngeren Konsumenten frequentiert werden. Die meisten seiner Kunden seien Erwachsene, sagt er. «Zudem glauben wir nicht, dass wir auf diese Weise Jugendliche anfixen.» Im Laden habe er immerhin noch eine gewisse Kontrolle - während das im Internet gar nicht mehr der Fall sei.

Was die Firma mache, sei in einem gewissen Sinn sogar Aufklärungsarbeit. «Mit Verboten allein erreicht man nichts.» Den Eltern ist es oft egal. Dennoch: Wenn es um den Verkauf der Spiele geht, hält sich auch Cimildoro rigoros an die Altersempfehlungen, wie er sagt. Im Zweifelsfall lasse er nach den Eltern schicken. Allerdings erlebe er oft, dass diese gar nicht interessiert seien, was ihre Kleinen spielen. Ein Befund, den auch das nationale Programm zur Förderung von Medienkompetenzen teilt und der dort Sorgen bereitet.