Zürich

Kirchenpfleger leben in günstigen Top-Wohnungen im Kreis 1 — das könnte sich bald ändern

Die Kirche stellt sich Fragen, wie man mit privilegiertem Wohnraum umgehen soll und welche Kriterien bei der Vergabe der Immobilien gelten sollen. (Symbolbild)

Die Kirche stellt sich Fragen, wie man mit privilegiertem Wohnraum umgehen soll und welche Kriterien bei der Vergabe der Immobilien gelten sollen. (Symbolbild)

Mitglieder aus dem Führungskreis der Kirchengemeinde Zürich wohnen in günstigen Top-Wohnungen in der Altstadt. Doch nun stellte sich die Frage wie die Kirche mit privilegiertem Wohnraum umgehen solle und welche Kriterien bei der Vergabe der Immobilien künftig gelten.  

Spitzenleute der Kirche wohnen in günstigen Top-Wohnungen an Top-Lage im Kreis 1. Der Grund: vor der Fusion haben 32 städtischen Kirchgemeinden ihre Immobilien selber verwaltet, und nicht selten wurden die Wohnungen intern abgegeben. Mit der Fusion im vergangenen Jahr schlossen sich die 32 Kirchenpflegen zur grössten reformierten Kirchengemeinde der Schweiz zusammen. Damit hat die neue Kirchgemeinde Zürich zahlreiche Immobilien geerbt. Sie besitzt rund 200 Liegenschaften im Wert von 1 bis 1,5 Milliarden Franken. Dazu zählen 47 Kirchen, 70 Pfarrhäuser, 35 Kirchgemeindehäuser sowie Wohnhäuser, teils mit Geschäftsflächen.

Mit Blick auf die Limmat, gleich neben dem Hotel Storchen, wohnt das Ehepaar Kisker in einer Liegenschaft der Kirche. Noch bis im April steht Henrich Kisker in der Übergangskirchenpflege dem Ressort Finanzen vor. Seine Frau, Gabi Kisker war bis 2018 in der Kirchenpflege St. Peter Kirchengutsverwalterin. Sie ist Architektin und Gemeinderätin der Grünen mit Schwerpunkt Städteplanung, wie der «Tages Anzeiger» berichtet. Die Familie sei vor 30 Jahren an der Stegengasse eingezogen, lange vor ihrem Engagement für die Kirche. Sie zahlten eine Marktmiete und fast ebenso viel für eine Etage wie früher für zwei.

Ein weiteres Beispiel ist Claudia Bertscher. Die 61-jährige Juristin wurde im November in die neue Kirchenpflege gewählt, nachdem sie neun Jahre im Vorstand des reformierten Stadtverbandes tätig gewesen war. Seit 1994 bewohnt sie mit ihrer Familie eine günstige Sechszimmerwohnung. Die Wohnung liegt an der Kirchgasse oberhalb des Grossmünsters und gehört seit vielen Jahren zum Finanzvermögen der Kirche. Bertscher sagte gegenüber der Zeitung lediglich, dass sie eine mit anderen kirchlichen Liegenschaften im Kreis 1 vergleichbare Miete zahle. Sollte sich die Kirche für eine maximale Rendite entschliessen, könne sie sich die Wohnung nicht mehr leisten.

Auf fast gleicher Fläche, über den Bertschers, wohnt die pensionierte Theologin Käthi La Roche. Sie war von 1999 bis 2011 Pfarrerin am Grossmünster. Ohne schlechtes Gewissen, wie sie sagt, nutze sie die Dreizimmerwohnung auch als Büro und Gästezimmer für ihre Enkel. Eine reguläre Marktmiete könne sie sich nicht leisten.

Proteste gegen privilegiertem Wohnraum

Wie viele Spitzenleute der Kirche insgesamt in eigenen Immobilien leben, konnte gegenüber der Zeitung nicht gesagt werden. Die Kirche stellt sich Fragen, wie man mit privilegiertem Wohnraum umgehen soll und welche Kriterien bei der Vergabe der Immobilien gelten sollen.  

Ein Immo-Leitbild aus dem Jahr 2016 postulierte, einen Teil der Liegenschaften auf Marktmieten auszurichten. Nach Protesten gegen diesen Ansatz sollte die Strategie überarbeitet werden, was allerdings bis heute nicht geschehen ist. Laut Michael Hauser, zuständiger Kirchenpfleger für die Immobilien, hat die Kirchenpflege vor einem Jahr entschieden, bei Wohnungsvermietungen künftig transparent vorzugehen. Die Wohnungen würden ausgeschrieben und nicht mehr unter der Hand vergeben. Mit der Fusion will die Kirchengemeinde die Immobilienverwaltung zentralisieren und professionalisieren.

Verwandte Themen:

Autor

Larissa Cathomen

Meistgesehen

Artboard 1