Dorfposse
Kirchenglocke ein Folterinstrument?

Die Gegner des nächtlichen Glockenschlags in Gossau haben den Weg an den Gerichtshof für Menschenrechte gewählt. Sie vergleichen in ihrer Klage die Kirchenglocken mit Folterinstrumenten.

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Aargauer Zeitung

Alle 15 Minuten verkündet die reformierte Kirche in Gossau die Zeit. Ob das in der heutigen Zeit insbesondere während der Nacht noch sinnvoll ist, darüber wird in der Gemeinde seit Jahren gestritten. Anwohner Christian Frei findet, der Zeitschlag müsse von 21.45 bis 6 Uhr abgestellt werden. Gemeinderat und reformierte Kirchenpflege halten am «kulturellen und traditionellen Wert» des Glockenschlags fest.

Die Behörden wurden erst kürzlich erneut in ihrer Haltung bestätigt. Das Verwaltungsgericht wies zwei Beschwerden von lärmgeplagten Anwohnern ab. Ein Ende setzten die Verwaltungsrichter der Auseinandersetzung aber nicht. Frei kündigt an: «Ich werde den Fall ans Bundesgericht weiterziehen.» Die IG Stiller, die frei gegründet hat, fährt im Argumentarium scharfes Geschütz auf: «Wenn Häftlingen der Schlaf geraubt wird, ist dies eine Verletzung von Art. 3 EMRK, also eine unmenschliche und erniedrigende Behandlung oder sogar Folter». Der Schlaf gelte zudem in Bezug auf die Rechte von Häftlingen als ein elementares Menschenrecht.

Es sei deshalb unhaltbar, «dass die schweizerischen Behörden die angeblich nach wie vor im öffentlichen Interesse liegende Tradition der nächtlichen Zeitglockenschläge stärker gewichteten als die Gesundheitsinteressen der betroffenen (nicht inhaftierten) Bevölkerung», schreibt die IG.

Der Kampf dauert nun schon acht Jahre. Als Christian Frei vor acht Jahren nach Gossau zog, nahm er den Kampf gegen den Glockenlärm gleich selbst in die Hand. Um das morgendliche Fünf-Uhr-Läuten zu bekämpfen, rief er eine Weile jeden Morgen um fünf den Kirchgemeindepräsidenten an. Dem wurde es irgendwann zu bunt und er stellte das Frühleuten ab. Aber noch immer muss Christian Frei mit Oropax schlafen - denn seine Frau besteht auf offenen Schlafzimmerfenster.

Vor Schweizer Gerichten ist er jedoch mit seinem Anliegen gescheitert. Der Gang zum Europäischen Gerichtshof ist für ihn nur konsequent: «Es lohnt sich, sich für die Nachtruhe einzusetzen.» Er bezeichnet sich selbst als ein «von Natur aus hartnäckiger Mensch». «Ich setze mich im Speziellen ein bei Ungerechtigkeiten. Früher habe ich das beim Tierschutz gemacht, ich habe mich beim «Verein gegen Tierfabriken» engagiert. Und ich setze mich gern für Schwächere ein.» So führe er seinen Kampf für die Nachtruhe auch für viele Alte in Gossau, die nicht die Kraft hätten, sich selber zu engagieren. (cls)