Wohltätigkeit
Kirche unterstützt öffentlichkeitswirksam Sozialprojekte

Die römisch-katholische Kantonalkirche unterstützt dieses Jahr drei Bildungsprojekte. Dass sie dies anlässlich ihres Jubiläums zur Anerkennung öffentlichkeitswirksam tut, hat auch politische Gründe. Die Kirchensteuer soll abgeschafft werden.

Michael Rüegg
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Bei der «Sozialfirma» arbeiten Menschen mit und ohne psychische Beeinträchtigung. Für Reinigungs- und Hauswartarbeiten erhalten alle einen marktüblichen, erwirtschafteten Lohn – statt IV oder Sozialhilfe.

Bei der «Sozialfirma» arbeiten Menschen mit und ohne psychische Beeinträchtigung. Für Reinigungs- und Hauswartarbeiten erhalten alle einen marktüblichen, erwirtschafteten Lohn – statt IV oder Sozialhilfe.

Zur Verfügung gestellt

Inhaltlich gesehen hat Marcel Morf keinen Grund, die Delegation der Zürcher Katholiken anzuschreien. Der Geschäftsführer der «Sozialfirma» hat allen Grund, den anwesenden Vertretern des Synodalrats und der Synode dankbar zu sein. Dass er sein Projekt mit lauter Stimme vorstellt, liegt an seinen beiden Mitarbeitern, die keine zehn Meter entfernt einen Dohlendeckel mithilfe eines Hochdruckgeräts reinigen.

Es ist eine kleine Produktdemonstration, die auf einem alten Industrieareal in Winterthur stattfindet, angereist sind Kirchenvertreter und eine Handvoll Journalisten. Den Lärm produzieren ein junger Bursche und sein etwas älterer Chef, ein eingespieltes Team. Der jüngere ist «leistungsbeeinträchtigt». Auf dem freien Arbeitsmarkt würde er vermutlich keine Stelle finden, eine Lehrstelle schon gar nicht.

Echte Arbeit statt IV

Menschen wie er leben von der IV oder Sozialhilfe, finden allenfalls Arbeit in einer geschützten Werkstätte. Bei der Sozialfirma ist er ein normaler Angestellter mit einem üblichen Lohn, wie er für Reinigungs- und Unterhaltsarbeiten bezahlt wird. Dereinst, nach bestandener Ausbildung, sollte er auf dem Arbeitsmarkt bestehen können, so das Ziel.

Das 2009 gegründete nicht gewinnorientierte Unternehmen besteht rund zur Hälfte aus Mitarbeitern mit psychischen Beeinträchtigungen und zur Hälfte aus solchen ohne. Ihre Dienstleistungen bietet sie im Rahmen marktüblicher Konditionen an.

Weil sie sich preislich im oberen Bereich der Skala bewegen, sei dafür die Dienstleistung top, sagt die Vizepräsidentin des Verwaltungsrates, Anita Bäumli. «Premium Partner» nennt sich das. Unternehmen erhalten nicht nur die Leistungen eines Reinigungs- oder Hauswartungsunter- nehmens, sie erwerben zusätzlich ein gutes Gewissen.

Die Sozialfirma ist eine von drei Institutionen, denen die katholische Kirche im Kanton Zürich aus Anlass des 50-Jahre-Jubiläums ihrer Anerkennung je 100 000 Franken schenkt. Das Geld wollen Morf und Bäumli in den Bereich Ausbildung investieren.

Lehrstellen für schwierige Fälle

Eine andere unterstützte Institution ist die Stiftung Berufslehr-Verbund Zürich. Sie ermöglicht derzeit 230 Jugendlichen, die nur schwer eine Lehrstelle finden, Berufslehren in Unternehmen. Und zwar meist in solchen, die normalerweise keine Lernenden ausbilden können - etwa weil der Chef keine Meisterprüfung hat. Was den Ausbildungsbetrieben an Know-how fehlt, ergänzt die Stiftung. Sie stellt auch die Lehrverträge aus.

Wenn eine Firma Pleite geht, besteht der Lehrvertrag so weiter. Beim von der Kirche unterstützten Projekt bieten ansässige ausländische Unternehmen unter der Leitung der Stiftung und in Zusammenarbeit mit dem Ausländerbeirat der Stadt Zürich Lehrstellen für Jugendliche mit Migrationshintergrund an.

Der dritte Begünstigte ist die Stiftung Märtplatz in Freienstein. Sie wird mit dem kirchlichen Beitrag eine Manufaktur ausrüsten, in der Jugendliche mit psychischen oder sozialen Defiziten Keramik herstellen können. Die Stiftung bildet junge Menschen aus, die vielfach auf eine lange Therapiegeschichte zurückblicken und anderswo keine Ausbildung erhalten würden.

Drohende Kirchensteuer-Initiative

Bis 2017 verteilt die Kirche jährlich 300 000 Franken an soziale Einrichtungen und Betriebe. Dass sie dies anlässlich ihres Jubiläums zur Anerkennung öffentlichkeitswirksam tut, hat auch politische Gründe: Im Kanton Zürich gelangt voraussichtlich nächstes Jahr die von den Jungfreisinnigen lancierte Initiative «Weniger Steuern fürs Gewerbe» zur Abstimmung. Sie will die Kirchensteuern für juristische Personen abschaffen.

Bei einer Annahme der Initiative würden die Kirchen im Kanton Zürich rund 106 Millionen Franken pro Jahr verlieren. Geld, das ohnehin nicht für Gottesdienste und dergleichen ausgegeben werden darf. Die Kirchen setzen es für soziale, kulturelle und Bildungszwecke ein. Sie müssen gegenüber dem Kanton alle vier Jahre Rechenschaft über die Verwendung dieser Mittel ablegen.

Gegner der Initiative schätzen, dass die Kirchen Leistungen für die Allgemeinheit im Wert von etwa 265 Millionen Franken erbringen. Der Wegfall eines Teils dieser gemeinnützigen Angebote würde die Gesellschaft empfindlich treffen, so ihr Argument.

Weihbischöfliche Unterstützung

Während der Bischof von Chur, Vitus Huonder, keinen Hehl aus seinen Sympathien für die Abschaffungs-Initiative sowie eine Trennung von Kirche und Staat macht, stellen sich die Zürcher Geistlichen hinter ihre Kantonalkirche. So würdigte der ehemalige Weihbischof Peter Henrici vergangenen Sonntag in seiner Festpredigt zum 50-Jahr-Jubiläum die kirchenstaatsrechtlichen Strukturen und dankte gar Gott dafür.

Henrici betonte auch, wie wichtig die Diakonie für die Kirche sei: «Gut so, macht so weiter, grosszügig und selbstvergessen», und ergänzte dies mit einem der wohl berühmtesten Bibelzitate: «Geben ist seliger als nehmen.»

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