Zürich
Kinokultur der Zukunft: Wenn der Film das Dessert ist

Auch wenn die Anzahl Plätze abgenommen hat, so gab es in Zürich doch noch nie so viele Kinosäle wie heute. Und bald kommen noch mehr dazu. Doch es gibt Herausforderungen.

Lina Giusto
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Für Kinos wie das Houdini und das Riffraff gehört das Kombinieren von Kulinarik und Filmerlebnis zum Erfolgserlebnis.

Für Kinos wie das Houdini und das Riffraff gehört das Kombinieren von Kulinarik und Filmerlebnis zum Erfolgserlebnis.

Keystone

Die Zahl der Kinosäle in der Stadt Zürich befindet sich auf einem Rekordhoch. Insgesamt 64 Stück zählte das Statistische Amt des Kantons Zürich Ende 2015. Die geringste Zahl an Kinosälen verzeichnete die Stadt 1990: Damals waren es 34. Beinahe so viele wie heute gab es schon einmal, nämlich Anfang der Nullerjahre.

Gerade in Zeiten von Internetstreaming und Netflix überrascht der Rekordwert. Mehr aber noch erstaunt die Zahl der Kinoplätze. Denn diese hat sich seit 1960 mehr als halbiert: Heute sind es rund 10 400 Plätze. Es gibt also mehr Säle und weniger Sitzplätze. Ein Zeichen für das Bedürfnis nach dem wohnzimmerähnlichen Kinoerlebnis?

«Man darf das Angebot nicht überfrachten. Kino soll in erster Linie Kino bleiben.»

Beat Käslin Geschäftsführer, Arthouse Commercio Movie AG

Nicht unbedingt. Die Kitag-Kinos betreiben rund fünf Kinos in der Stadt. Die meisten davon bieten unterschiedlich grosse Säle - mit 40 bis 200 Plätzen ist dort jede Grösse vertreten. Dazu gehört das Abaton mit seinen 12 Sälen und über 1700 Plätzen. Nur noch grösser ist mit seinen 19 Sälen das Arena Kino im Sihlcity. Der Blick auf die Nischenkinos verrät, Säle und Grösse sagen kaum etwas über das Besucherbedürfnis aus. Zu Anbietern von Studiofilmen gehören die Arthouse-Cinemas, die insgesamt sechs Kinos betreiben, sowie die Neugass Kinos, denen die Kinos Riffraff und Houdini gehören. Sie alle bieten in unterschiedlichen Sälen mal mehr oder weniger Zuschauern Platz.

Viele Genüsse treffen zusammen

Ein Abstecher ins Zürcher Seefeld lässt aber eine weitere Trend-Hypothese zu: Das Restaurant Razzia, das als Kino seine Tore 1989 schloss, zeigt seit Anfang diesen Jahres wieder einmal pro Woche im Rahmen eines Cinema-Dinners einen Film (siehe Kontext). Ist Kino heute als ganzheitliches Erlebnis von visuellem und kulinarischem Genuss zu verstehen? Beat Käslin, Geschäftsführer der Arthouse Commercio Movie AG, bestätigt diese Entwicklung: «Die Verschränkung von Gastronomie und Kinokultur gehört seit Beginn zum Arthouse-Konzept, beispielsweise mit dem Restaurant und Kino Commercio. Heute wird dieses Konzept weithin kopiert.» Laufend werde das Angebot mit Festivals, Live-Übertragungen und Podien in den Nischenkinos ausgebaut. Dennoch hat Käslin einen ganz klaren Fokus: «Man darf das Angebot nicht überfrachten. Kino soll in erster Linie Kino bleiben.»

Thomas Berner, Präsident des Zürcher Kinoverbandes, hat zum Rekordwert an Kinosälen eine Vermutung: «Daraus, dass wir heute wieder so viele Kinos in der Stadt Zürich haben, schliesse ich, dass qualitative Studiofilme einen Nerv der Kinobesucher treffen.» Mehr aber noch haben die Eröffnung des Megakinos Sihlcity vor zehn Jahren, wie auch jene des Houdini im Kreis 3 vor drei Jahren laut Berner gezeigt: «Es verträgt wieder mehr Kinos, als es schon bisher gab.»
Die nächsten Kinosäle werden bald eröffnet: im Herbst, wenn das Kulturzentrum Kosmos nahe der Langstrasse den Betrieb aufnimmt. Neben sechs Kinos, Bistro und Bar bietet der Komplex ein Buchladen mit integriertem Café. Zudem planen die Betreiber, regelmässig

Veranstaltungen und Podien durchzuführen. Das Angebot ist immens, jedoch sagt Bruno Deckert, einer der Initianten des Kosmos: «Wir wollen nicht lediglich eine Ansammlung von Dienstleistungen bieten. Mit dem Kosmos wollen wir einen neuen Treffpunkt schaffen.» Ganz einfach, weil es ein Bedürfnis der Bevölkerung sei. «Viele Leute treffen sich heute an einem Ort in der Stadt und entscheiden erst dann, wie sie ihren Abend verbringen», so Deckert. Kosmos gibt der Spontaneität Raum, fasst Deckert das Konzept zusammen: «Wir möchten ein Erlebnis bieten, ohne den Besucher schon im Vorhinein darauf festzulegen.»