Kinderbetreuung
Bei jeder dritten kontrollierten Krippe gab es Beanstandungen

Zu wenig oder ungenügend ausgebildetes Personal sowie schlechte Arbeitsbedingungen in Kinderkrippen sorgte in den letzten Jahren für Schlagzeilen. Nun fordern Zürcher Kantonsrätinnen mehr unangemeldete Kontrollen.

Matthias Scharrer
Merken
Drucken
Teilen
Um die Qualität der Kinderkrippen steht es nicht überall zum Besten.

Um die Qualität der Kinderkrippen steht es nicht überall zum Besten.

Keystone

Wie steht es um die Qualitätssicherung in den Kinderkrippen? Das fragten drei Kantonsrätinnen, nachdem die Onlinezeitung «Republik» Ende 2019 Missstände beim schweizweiten Branchenführer Globegarden aufgedeckt hatte. Die Rede war von Personal mit teils ungenügender Ausbildung, das zu grosse Kleinkindergruppen betreuen musste, von zu knappen Budgets fürs Essen und häufigen Personalwechseln als Folge dieser Arbeitsbedingungen. Globegarden wies die Vorwürfe zurück und verweist unter anderem auf ein Urteil des Zürcher Verwaltungsgerichts, wonach Globegarden die gesetzlichen Vorgaben korrekt umgesetzt habe. Auch eine Untersuchung der Stadt Zürich hatte Globegarden weitgehend entlastet.

Doch der Vorstoss von Karin Fehr (Grüne, Uster), Judith Stofer (AL, Zürich) und Selma L'Orange Seigo (Grüne, Zürich) führte zu einem regierungsrätlichen Bericht, den das Parlament am Montag debattierte. Aus dem Bericht geht hervor, dass es in vielen der vom Kanton beaufsichtigten Krippen Beanstandungen gab. Und dass auch die Aufsicht über die Krippen personell knapp dotiert war.

1,8 Vollzeitstellen für die Krippenaufsicht

Der Kanton, an den die Gemeinden die Aufsicht bis letztes Jahr abgeben konnten, setzte dafür gerade mal 1,8 Vollzeitstellen ein. Mit diesem Personal bearbeitete er in den Jahren 2015 bis 2019 insgesamt 75 Gesuche um Betriebsbewilligungen und 264 Gesuche um Erneuerungen oder Anpassungen von Betriebsbewilligungen, wie Bildungsdirektorin Silvia Steiner (CVP) sagte.

Dabei sei es zu 195 Aufsichtsbesuchen gekommen. In rund 64 Fällen gab es Beanstandungen, hauptsächlich wegen des Personalbestands, der Belegung der Kindergruppen und der Ausbildung des Krippenpersonals. «In den meisten Fällen handelte es sich um geringfügige Mängel», sagte Steiner. Doch auch solche wirken sich auf die Betreuungsqualität aus, wie der Regierungsrat in seinem Bericht festhält. Zudem habe nur ein kleiner Teil der ordentlichen Aufsichtsbesuche unangemeldet stattgefunden.

Das kantonale Amt für Jugend und Berufsberatung (AJB) ging im Zeitraum 2015 bis 2019 rund 50 Hinweisen auf mögliche Missstände vor Ort nach. Der Grossteil dieser Aufsichtsbesuche fand unangemeldet statt, wie der Regierungsrat weiter schreibt. In rund der Hälfte dieser Fälle mussten die Krippen in ihren Betrieben Verbesserungen vornehmen, in einzelnen Fällen sei es auch zum Entzug beziehungsweise der Nichterteilung einer Bewilligung gekommen. Von Rechts wegen muss jede Kinderkrippe mindestens alle zwei Jahre von sachkundigen Vertretern der Aufsichtsbehörde besucht werden, wie die Regierung festhält.

Im Kantonsrat stiessen die Ergebnisse des regierungsrätlichen Berichts auf Kritik. Dass es in rund einem Drittel der vom Kanton beaufsichtigten Fälle zu Beanstandungen kam, bereite grösste Sorgen, sagte Karin Fehr. Die Kantonsrätin der Grünen fügte an:

«Um die Betreuungsqualität in den Kinderkrippen ist es manchenorts nicht zum Besten bestellt. Das sollte uns zu denken geben.»

Dass nun seit 2020 die Gemeinden ihre Aufsichtspflicht an andere Gemeinden delegieren können, sei ein Rückschritt. Die Wurzeln des Problems lägen in mangelhaften strukturellen und finanziellen Rahmenbedingungen der Kindertagesstätten.

«Die Betreiber der Kitas sparen beim Personal», fügte Sylvie Matter (SP, Zürich) an. Und: «Praktikantinnen ohne entsprechende Ausbildung werden allein gelassen.» Matter forderte, dass vermehrt unangemeldete Kontrollbesuche in Krippen stattfinden sollten. Zudem sollten Gespräche mit den Eltern über die Nahrungsaufnahme und Windelfüllung hinausgehen.

Dem Ruf nach mehr unangemeldeten Kontrollen schloss sich auch Andrea Gisler (GLP, Gossau) an. «Die Gemeinden stehen in der Pflicht, Hinweisen nachzugehen», so die Grünliberale weiter.

«Die Richtlinien müssen eingehalten werden»

Der einzige Mann, der sich in der Debatte äusserte, war Rochus Burtscher (SVP, Dietikon). «Die Richtlinien müssen eingehalten werden», sagt er. Es hätte seiner Ansicht nach aber genügt, wenn die Verfasserinnen der kantonsrätlichen Interpellation mit dem AJB gesprochen hätten.

Einen Ruf nach mehr Staat hielt Astrid Furrer (FDP, Wädenswil) für unnötig. «Wir finden, auch die Eltern müssen einen Blick auf die Krippen haben, nicht nur der Staat», sagte die Freisinnige. Zudem seien Kennzahlen wie jene zur vorgeschriebenen Raumgrösse in Krippen «nicht massgeblich».

Pro Gruppe höchstens elf Kinder

Dem widersprach AL-Kantonsrätin Stofer: «Kinder brauchen genügend grosse Räume. Zudem braucht es gut ausgebildetes Krippenpersonal.» Vorgeschrieben sind im Kanton Zürich pro Kindergruppe 60 Quadratmeter. Eine Kindergruppe darf höchstens elf Kinder zählen, wobei Kinder unter 18 Monaten anderthalbfach und Kindergartenkinder nur halb zählen. Pro Kindergruppe muss mindestens eine ausgebildete Betreuungsperson und ab sieben belegten Plätzen mindestens eine zweite Betreuungsperson anwesend sein, wie der Regierungsrat schreibt.

Während die Interpellation mit der Debatte des Regierungsratsberichts erledigt ist, fordert ein Postulat aus den Reihen von SP, AL und GLP, das der Kantonsrat am Montag mit 122:48 Stimmen guthiess, vom Regierungsrat eine umfassende Strategie für die frühkindliche Betreuung. Dadurch müsse erreicht werden, dass auch Kinder aus benachteiligten Familien die bestehenden Angebote tatsächlich nutzen, heisst es im Postulat. Einzig die SVP stimmte dagegen. Der Regierungsrat hat nun zwei Jahre Zeit, dazu Stellung zu nehmen. Laut Bildungsdirektorin Steiner entspricht die Forderung der Postulanten ohnehin dem Regierungsprogramm.