Pilotprojekt

Kinder eine Auszeit schenken: Paten sollen Kinder und psychisch angeschlagenen Eltern entlasten

Einfach mal unbeschwert Kind sein: Ponto sucht Paten für Kinder mit psychisch kranken Eltern.

Einfach mal unbeschwert Kind sein: Ponto sucht Paten für Kinder mit psychisch kranken Eltern.

Kinder mit psychisch kranken Eltern haben es nicht leicht. Ein Pilotprojekt sucht rund um Zürich Patinnen und Paten, um die Kinder und ihre Eltern einen Nachmittag pro Woche zu entlasten.

Wenn Eltern psychisch erkranken, leiden auch ihre Kinder. Sie machen sich Sorgen und können sich in der Schule nicht mehr konzentrieren. Manche werden laut und auffällig, andere ziehen sich zurück. Beim Institut Kinderseele Schweiz in Winterthur geht man davon aus, dass in der Schweiz mehr als 300'000 Kinder und Jugendliche mit einem psychisch kranken Elternteil aufwachsen. Das Risiko dieser Kinder, selber psychisch krank zu werden, liegt zwischen 25 und 55 Prozent. Bei Kindern von gesunden Eltern liegt das Risiko bei 10 bis 20 Prozent.

Hier möchte Ponto ansetzen. Das neue Projekt von Pro Infirmis und Espoir will solchen Kindern Patinnen und Paten zur Seite stellen. «Ein verlässliches, erwachsenes Gegenüber», wie Espoir-Geschäftsführerin Lucia Schmid sagt. Espoir begleitet im Auftrag von Sozialbehörden jährlich rund 250 Kinder und Familien in Not und ist «von der Kinderseite» her auf die schwierige Situation der Kinder mit psychisch erkrankten Eltern aufmerksam geworden. Zeitgleich wollte Pro Infirmis, wo betroffene Eltern beraten und unterstützt werden, das Thema aufgreifen. «So sind wir uns zugeflogen», wie Schmid sagt.
Seit August 2019 läuft das Pilotprojekt Ponto, das von der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften (ZHAW) wissenschaftlich begleitet wird. Nachdem ein Konzept entwickelt wurde, suchen Espoir und Pro Infirmis nun geeignete Patinnen und Paten.

«Kein Hütedienst»

Paten können Paare, Familien oder Einzelpersonen sein, sagt Rina Lombardini, die die Patenschaften koordiniert. Es müssten weder Pädagogen noch Akademiker sein, sondern Leute, die den Kindern einen Nachmittag pro Woche eine unbeschwerte Zeit schenken wollen. Egal, ob die Paten mit dem Kind
auf den Spielplatz gehen, bei sich zu Hause kochen oder dem Kind Platz und Zeit geben, mal in Ruhe Lego zu spielen. «Es soll eine Auszeit sein, in der die Kinder mal nur das tun können, was sie selber wollen, ohne stets Rücksicht nehmen zu müssen.»

Es müsse allen klar sein, dass es sich bei Ponto nicht um einen Hütedienst handle, sagt Lombardini. Die Anforderungen an die Patinnen und Paten sind gute Gesundheit, stabile Lebensumstände und keine Einträge im Strafregisterauszug sowie im Sonderprivatauszug. Sie werden von Espoir vor allem zu Beginn eng begleitet und erhalten zur eigenen Orientierung eine Schulung zu den häufigsten psychischen Erkrankungen und welche Auswirkungen diese auf eine Familie haben können.

Rina Lombardini hofft, bald die ersten Paten mit den Familien zusammenzubringen. Während dreier Monate wird geschaut, ob die Chemie stimmt. Idealerweise wohnen die Paten in der Nähe der Familien. Auf der Suche nach Paten hat Espoir den ursprünglich auf die Stadt Zürich begrenzten Radius ausgeweitet und richtet sich nun an die Stadt und die Agglomeration. Ausgenommen ist Winterthur, da dort der Verein Familien- und Jugendhilfe Winterthur (FUJH) ein ähnliches Programm anbietet.

Ponto wird vollumfänglich durch Spenden finanziert sowie durch Beiträge der Gesundheitsförderung Schweiz, des Lotteriefonds des Kantons und des Sozialdepartements der Stadt Zürich. Mit rund einer halben Million Franken ist die Finanzierung des Projekts für drei Jahre gesichert. Paten werden nicht vergütet, erhalten aber eine Spesenentschädigung. Die Eltern zahlen einen Unkostenbeitrag von 80 Franken im Monat. Lucia Schmid betont aber, dass die Kosten kein Ausschlusskriterium seien: «Da findet man meist eine Lösung.»

Kein Machtkampf

Auch wenn es gewünscht sei, dass die Paten die Eltern kennen und zum sozialen Umfeld der Familie gehören, stehe das Kind im Zentrum, sagt Lucia Schmid. Es soll zu keinem Machtkampf kommen zwischen den «fehlerhaften» Eltern und den «tollen» Paten. «Das Ziel ist ein respektvoller Umgang auf Augenhöhe.»

Die Zeit, die die Kinder mit ihren Paten verbringen, soll der betroffene Elternteil seiner Genesung widmen. Sei dies eine Beratung bei Pro Infirmis oder einfach mal die Füsse hochlegen, um Kraft zu sammeln für den Alltag mit der Familie. Die Teilnahme am Projekt setzt voraus, dass sich die Eltern eingestehen, dass sie krank sind und dass ihre Kinder von einer Auszeit profitieren. Es dürfen keine von den Behörden angeordnete Kindesschutzmassnahmen bestehen. «Die Freiwilligkeit bei allen ist essenziell», sagt Lucia Schmid. Schliesslich gehe es um ein Geschenk, keinen Zwang. Auch die Kinder sollen zustimmen können.

Deshalb richtet sich Ponto an Kinder im Alter von 4 bis 15 Jahren. Ein Nachmittag pro Woche sei zu wenig Zeit, um mit einem Kleinkind eine Bindung aufzubauen, sagt Schmid. Für Ältere seien wiederum andere Jugendliche wichtiger als erwachsene Bezugspersonen. «Die Kinder sind nicht zu unterschätzen», sagt Schmid. Sie haben viel eigene Kraft, die man mobilisieren und unterstützen könne, damit sie trotz der schwierigen Situation zu Hause gesund bleiben.

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