Zürich
«Killerkanten» erregen den Ärger von Zürcher Velofahrern

Zürich will endlich Velostadt werden. Ein Hindernis auf dem Weg dahin sind scharfkantige Randsteine an Orten, wo die Veloroute ein Trottoir kreuzt. Die Randsteine sind jedoch nötig, damit sich Sehbehinderte orientieren können.

Valentin Kimstedt
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«Killerkanten» sind für Velofahrer ein Dorn im Auge. (Symbolbild)

«Killerkanten» sind für Velofahrer ein Dorn im Auge. (Symbolbild)

Sie haben eine Höhe von drei Zentimetern oder eine Schräge mit 25 Prozent Steigung – das bringt den Fahrern einen ordentlichen Ruck ins Rad. Im Jargon hat sich der Ausdruck «Killerkante» eingebürgert.

Bei den Zürcher Velofahrern, wo so mancher schmale Reifen unterwegs ist, kann man verschiedene Techniken zur Überquerung der Hindernisse beobachten:

Die einen bremsen ab und lupfen das Vorderrad. Andere beschreiben in letzter Sekunde einen Bogen, um mit schrägem Einfallswinkel die Steigung zu verringern. Manche jagen einfach drüber, ungeachtet der Höhe und Schräge des Randsteins. In jedem Fall ist die Situation für die Velofahrer unangenehm.

Durchgehenden Randsteine sind nötig

Die durchgehenden Randsteine sind nötig, damit sich Sehbehinderte mit ihrem Stock daran orientieren können. Dementsprechend ist eine minimale Randsteinhöhe von drei Zentimetern vorgeschrieben.

Der Unmut der Velofahrer darüber ist gross. «Ich bekomme immer wieder Mails, in denen Velofahrer ihrem Ärger Luft machen», sagt Urs Walter, Velobeauftragter der Stadt Zürich. Auch sei das Thema in verschiedenen Medien präsent. Nun hat der Bund sich der Sache angenommen.

Das eidgenössische Büro für die Gleichstellung von Menschen mit Behinderung und das Bundesamt für Strassen (Astra) beginnen nächste Woche mit einer Testreihe. Das Ziel ist eine neue und landesweit verbindliche Norm, mit der Blinde sicher ihres Weges gehen, aber auch Velos, Rollstühle und Rollatoren die Randsteine gut überqueren können.

Test im «Randsteingarten»

Getestet wird in einem sogenannten «Randsteingarten», den die Stadt Zürich zur Verfügung stellt. Wer auf der Förrlibuckstrasse fährt, kann die Randsteinentwürfe auf Höhe des Mühlewegs versuchsweise schon mal überqueren.

Der eigentliche Test beginnt aber am 21. November und wird gemeinsam von der Fachstelle für behindertengerechtes Bauen und Pro Velo durchgeführt.

Bis 10. Dezember werden Vertreter der betroffenen Gruppen den Garten systematisch ertasten und überqueren. Eventuell sollen auch die Eindrücke der Öffentlichkeit in die Studie mit einfliessen. Das sei aber noch offen, sagt Monika Hungerbühler von Pro Velo.

Für die Norm kommen acht Randsteinformen infrage, die in Höhe und Neigung variieren. Hinzu kommt ein Exot, dessen Schräge eine Sinuskurve beschreibt. Zusätzlich wird die Zahnlückenvariante getestet: eine für Velofahrer angenehm flache Schräge, die aber schmal genug ist, dass blinde Passanten mit dem Stock das andere Ende der Lücke erreichen können.

Besondere Aufmerksamkeit gilt einer Randsteinform, welche die Fachstelle für behindertengerechtes Bauen bereits 2003 zur Richtlinie erkoren hat.

Pro Velo war schon damals zum Test eingeladen. Infolge missverständlicher Kommunikation nahm der Verband jedoch nicht teil. Die Form mit der Schräge wurde bereits verbaut, doch aus Gründen handwerklicher Toleranz nicht immer gleich präzise. Die aktuellen Tests sollen zeigen, ob auch diese Variante Stein des Anstosses war.

Ergebnisse werden ausgewertet

Die Metron AG, die sich unter anderem mit Raum- und Verkehrsplanung beschäftigt, wird die Ergebnisse auswerten und voraussichtlich Ende des Jahres veröffentlichen.

«In letzter Minute», sagt Eva Schmidt von der Fachstelle für behindertengerechtes Bauen, denn im kommenden Frühjahr soll die neue Norm in die Vernehmlassung gehen. In Kraft treten soll sie voraussichtlich Anfang 2014. Das gesamte Projekt mit seinen zahlreichen Beteiligten wird mit etwa 170000 Franken zu Buche schlagen. Die Kosten tragen der Bund und die Stadt Zürich.

Baustellengeplagte können indes aufatmen: Die vorhandenen Randsteine werden nicht ersetzt, sagt Hungerbühler. Die Normen werden zukünftigen Umbauten dienen.