Gefährdungsmeldungen
Kesb: Weniger Massnahmen zum Kindesschutz seit Gesetzesänderung

Immer noch hallt der Fall Flaach - durch den die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (KESB) überhaupt in aller Munde kam - nach. Die Kesb der Stadt Zürich hat seit der Gesetzesänderung 2013 nicht mehr Massnahmen verordnet.

Katrin Oller
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Die Stadtzürcher Zahlen von 2005 bis 2015 zeigen, dass die Anzahl angeordneter Massnahmen seit der Gesetzesänderungen nicht gestiegen. (Symbolbild)

Die Stadtzürcher Zahlen von 2005 bis 2015 zeigen, dass die Anzahl angeordneter Massnahmen seit der Gesetzesänderungen nicht gestiegen. (Symbolbild)

KEYSTONE

Die Kesb als herzloses Beamtenkonstrukt, das Eltern ihre Kinder wegnimmt – gegen solche Vorurteile kämpfen die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörden (Kesb) im Kanton Zürich besonders seit dem «Fall Flaach», wo eine Mutter Anfang 2015 ihre beiden Kinder tötete und der Kesb dafür die Schuld gab.

Grosses Misstrauen spürt auch die Kesb der Stadt Zürich, die mit 95 Mitarbeitern die grösste Deutschschweizer Behörde in diesem Bereich ist. Sie ist seit langem als professionelle Behörde organisiert und nicht erst seit der Gesetzesänderung von 2013 wie die Kesb auf dem Land.

«Der Aufwand, die Massnahmen zu erklären, mit den Betroffenen das Gespräch zu suchen sowie Vorwürfe und Beleidigungen sind seit Flaach merklich gestiegen», sagte Michael Allgäuer, Präsident der Kesb Zürich, gestern an einem Mediengespräch. Behördenmitglied Käthi Dellenbach ergänzte: «Durch Flaach ist mir bewusst geworden, dass wir alle zum Ziel einer Hetze werden könnten.» Das sei eine zusätzliche Belastung.

Vor allem über Polizeirapport

Die Stadtzürcher Zahlen von 2005 bis 2015 zeigen, dass die Anzahl angeordneter Massnahmen nicht gestiegen ist seit der Gesetzesänderung. Pro 10 000 Erwachsenen waren es pro Jahr immer zwischen 15 und 19 Erwachsenenschutzmassnahmen. Leicht rückläufig sind die Massnahmen bei den Kindern. Hier waren es zwischen 81 und 100 Massnahmen pro 10 000 Minderjährige. Fremdplatziert wurden seit der Gesetzesänderung gleich viele Kinder wie zuvor.

Vor allem über Polizeirapporte, aber auch die Schulen und die Sozialen Dienste erfährt die Kesb von gefährdeten Kindern. Etwa 1900 Gefährdungsmeldungen gingen im Bereich Kindesschutz pro Jahr ein. Alle Meldungen werden geprüft und bei Gefährdung wird genau abgeklärt. Lediglich bei 26 Prozent der Fälle wurden Massnahmen angeordnet. «Dann erhalten die Eltern nicht etwa nur einen Brief», sagte Allgäuer. Vielmehr rede man mit allen Beteiligten und habe erreicht, dass 80 bis 90 Prozent der Massnahmen im Einverständnis mit den Betroffenen angeordnet werden konnten.

«Kreativität und Hartnäckigkeit»

Die Kesb sei bemüht, dass den Eltern die Kinder nicht einfach weggenommen werden. Dies zeigt auch eines der präsentierten Fallbeispiele: Der Vater von Tim (6) und Anna (12) hat Alkoholprobleme und schlägt ihre Mutter. Deshalb haben die Geschwister einen Beistand. Dieser hat nach dem letzten Vorfall zu Beginn des Jahres bei der Kesb den Antrag gestellt, die Kinder im Heim oder bei einer Pflegefamilie zu platzieren, da sich die Mutter nicht vom Vater trennen konnte.

Ein Kinderanwalt war aber nach Anhörung der Kinder der Ansicht, dass es für sie besser wäre, bei der Mutter zu bleiben, der Vater aber nicht mehr nach Hause kommen darf. Die Kesb könnte zwar die Fremdplatzierung der Kinder anordnen, darf aber keinem Erwachsenen befehlen, wo er zu wohnen hat. Schliesslich konnte der Vater aber überzeugt werden, und die Kinder durften zu Hause bleiben. «Wir mussten mit Kreativität und Hartnäckigkeit vorgehen, da es für den Vater eine grosse Schmach bedeutete, von zu Hause auszuziehen», sagte Käthi Dellenbach, die für den Fall zuständig ist.

Massgebend sei für die Behörde, was dem Kind aufgrund seiner Fähigkeiten in der konkreten Situation am meisten diene, sagte Allgäuer. Dabei gehe es nicht darum, den Eltern Vorwürfe zu machen, diese seien oft überfordert.