Zürich
Keineswegs nur Arbeitsbeschaffung – am Gigathlon trainieren Zivilschützer für den Ernstfall

Warum der Gigathlon vom Wochenende Zivilschützer ideal auf eine Katastrophe vorbereitet.

Tobias Bolli
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Zivilschützer im Einsatz für den Gigathlon Switerland Die Kommandozentrale in den Räumen der Saalsporthalle.
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Zivilschützer im Einsatz für den Gigathlon Switerland Der Fahrdienst des Zivilschutzes.
Zivilschützer im Einsatz für den Gigathlon Switerland Ein Zivilschützer vor der Zeltstadt der Athleten in Sihl City.
Zivilschützer im Einsatz für den Gigathlon Switerland Ein Zivilschützer regelt in Uster Buchholz den Verkehr.
Zivilschützer im Einsatz für den Gigathlon Switerland Benjamin Widmer nervt es, wenn Menschen demotiviert sind.
Zivilschützer im Einsatz für den Gigathlon Switerland Zivis notieren sich Nummer und Zeit der Zieleinläufer und -läuferinnen.

Zivilschützer im Einsatz für den Gigathlon Switerland Die Kommandozentrale in den Räumen der Saalsporthalle.

Tobias Bolli

Im Stadion Buchholz in Uster herrscht Trubel. Und das ist noch zurückhaltend ausgedrückt. Fast überquillt der kleine Finnenplatz ob der einströmenden Athleten. Für wenigstens einen Fünftel davon markiert das Stadion erst eine Zwischenstation. Sie haben sich das volle Programm verschrieben. 80 Kilometer mussten sie mit dem Mountainbike durchradeln, in aller Herrgottsfrühe den Zürichsee durchpflügen und zuvor einen Stadtlauf absolvieren. Und nun stürmen sie einfach weiter, der nächsten Etappe entgegen.

Neben jenen Übersportlern und den zahlreichen Zuschauern sind noch andere Menschen zugegen. Sie sind unscheinbarer und lassen sich nicht ohne weiteres in der Menge ausmachen. Remo Fuchs gehört zu ihnen. Er hebt im Schatten ein Trassierband damit die Athleten darunter hindurchschlüpfen können. Die kakifarbene Arbeitshose mit dem blau gefärbten Dreieck weist ihn als Zivilschützer aus. Er ist einer von rund 350 Zivilschützern, die aus den Regionen Uster und Dübendorf sowie aus dem Limmattal zusammengezogen wurden. Vom 7. bis 10 Juli sind sie aufgeboten, rund um die Uhr für einen reibungslosen Ablauf des Gigathlon Switzerland 2017 zu sorgen.

«Schöne Leute, tolles Wetter!»

Im Vergleich zu den vorbeistürmenden Sportbegeisterten mutet Fuchs’ Aufgabe weniger heldenhaft und etwas eintönig an. Doch meistert er sie nicht nur ohne Murren, sondern mit einem immer noch motivierten Ton in der Stimme. Laut und freundlich erklingt sie in Uster auf dem Umschlagplatz. «Sorry, bitte umkehren!» Jemand versucht, einem Gigathleten eine Getränkeflasche nachzutragen. Doch dürfen hier nur Athleten mit Nummer passieren. Gefragt nach seinen Gedanken zum Einsatz gibt Fuchs lachend zu Protokoll: «Schöne Leute, tolles Wetter!» Zu weiteren Ausführungen fehlt ihm die Zeit, schon drängen die nächsten Athleten heran.

«Für mich ist das ein Schritt aus dem Alltag, ich geniesse es, auch wenn wir zuweilen mit mangelndem Ovo-Nachschub zu kämpfen haben.»

Benjamin Widmer, Zivilschützer

Eine Abkühlung vom tatsächlich tollen, schon in den Morgenstunden warmen Wetter konnten sich die Sportler im Zürichsee gönnen. Das Zürichhorn markiert Start- und Endpunkt dieses Intermezzos, das einem gewöhnlichen Sterblichen wohl Herausforderung genug gewesen wäre. Um 9 Uhr steigen hier die letzten Tollkühnen aus dem Wasser und entledigen sich ihrer Neoprenanzüge. Nachdem diese eingesammelt und die Zuschauer weitergezogen sind, lassen sich auch hier einige Männer mit Zivildienstlogo sichten. Roger Albin, der wie viele Zivilschützer bereits um vier Uhr morgens antreten musste, hievt mit seinen Kollegen ein Absperrgitter auf einen Lastwagen. Streckensicherung ist ein wichtiger Aufgabenbereich der Zivilschützer. So soll etwa verhindert werden, dass ein allzu animierter Zuschauer den Radfahrern vor die Speichen springt.

«Ein paar Leerläufe hat es gegeben, aber insgesamt läuft hier alles tip-top.» So das mit authentischem Gesichtsausdruck vorgetragene Fazit. Zwar bekommt Albin von dem Gigathlon nicht viel mit, aber die gute Stimmung scheint auch auf die Zivilschützer abzufärben. Zur Motivation mag beitragen, dass dieser Anlass der grösste ist, der je vom Zivilschutz begleitet wurde. Für die Koordination untereinander und mit dem Veranstalter wurde in der Saalsporthalle eine Kommandozentrale eingerichtet. Dutzende über die Wände verteilte Tabellen zeugen von der Komplexität der Aufgabe.

Vonseiten der Einsatzleitung wird betont, dass der Einsatz nicht nur Arbeitsbeschaffung sei, wie kritische Geister argwöhnen könnten. Vielmehr sei der Gigathlon, so Marcel Wirz, eine Probe für den Ernstfall. «Wir trainieren den Führungsablauf für Katastrophen- und Nothilfe. Dieser wäre zum Beispiel bei einem Stromausfall nicht grundsätzlich anders.» Es gehe darum, die Durchhaltefähigkeit und Organisation der Ablösung zu trainieren. Bei Fehlern seien Konsequenzen vorprogrammiert, weswegen der Gigathlon ein ideales Spielfeld für den Zivilschutz biete.

In der Saalsporthalle stehen derweil einige Zivilschützer hinter einer Theke und schenken Kaffee aus. Griesgrämige Gesichter sucht man auch hier vergebens. «Unmotivierte Leute gehen mir auf die Nerven», so Benjamin Widmer. «Für mich ist das ein Schritt aus dem Alltag, ich geniesse es, auch wenn wir zuweilen mit mangelndem Ovo-Nachschub zu kämpfen haben.» Obschon sich kaum mehr Athleten in der Halle befinden, setzen die Zivilschützer ihre Arbeit fort. Ihre Aktionen mögen im Einzelnen nicht besonders heldenhaft sein, tragen aber in ihrer Gesamtheit dazu bei, an diesem Gigathlon sportliche Herkulestaten zu ermöglichen.