Sanatorium Kilchberg
Keine Scheinkrankheit: Klinik für Burnout-Patienten eröffnet morgen

Eine Klinik speziell für Burnout-Patienten nimmt morgen ihre Arbeit auf. Obwohl Burnout-Therapie-Stationen oft den Ruf von Wellnessoasen hätten, sei die Krankheit keine «durch Marketing aufgeblasene» Modeerscheinung, sagt die Chefärztin.

Sophie Rüesch
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Sanatorium Kilchberg Klinik für Burnout-Patienten
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In der Sauna soll Stress abgebaut werden
Die Zimmer sollen so wenig an Spital erinnern wie möglich, sagt Sanatoriumsdirektor Peter Hösly
Die Räume erinnern eher an Hotelzimmer
Hier werden die Stressgeplagten empfangen
Im Behandlungszimmer gibts Massagen
Die Burnout-Station Belvedere hat zehn Zimmer
Das Sanatorium Kilchberg thront über dem Zürichsee
Das Esszimmer im Gemeinschaftsbereich
Das Belvedere-Team Katja Cattapan, Tobias Ballweg und Christian Seeher
Den Patientinnen und Patienten steht ein eigener Spa-Bereich zur Verfügung
Das Zentrum für stessbedingte Erkrankungen soll eine Ruheoase sein

Sanatorium Kilchberg Klinik für Burnout-Patienten

Sophie Rüesch

Die Diagnose Burnout ist in aller Munde. Spätestens seit die Zürcher SVP-Nationalrätin Natalie Rickli sich letzten Herbst öffentlich zur chronischen Überlastung bekannte, ist das Krankheitsbild landauf, landab ein bekannter Begriff. Dass es im bislang prominentesten Fall eine SVP-Politikerin traf, mag auch dabei geholfen gehaben, eine Krankheit, die in der Partei gern mal als «Scheinkrankheit» abgestempelt wurde, salonfähig zu machen. Im Nachzug outete sich sogar Übervater Christoph Blocher als einst Ausgebrannter.

Ob Scheinkrankheit oder nicht: Erschöpfungskrankheiten grassieren - und faszinieren. «Burnout ist attraktiv», sagt Katja Cattapan, die Chefärztin Privatstationen des Sanatoriums Kilchberg, und meint damit nicht die immer noch weitverbreitete Haltung, ein Burnout sei ein Vorwand, um sich eine nette Auszeit zu verschaffen. Denn dass es sich dabei um eine ernstzunehmende Krankheit handelt, ist für das Ärzteteam des Zentrums für stressbedingte Erkrankungen in Kilchberg keine Frage.

Symbalance: Ein Therapiekonzept in 3D

Das am Sanatorium Kilchberg entwickelte Therapiekonzept SymBalance beruht auf einem 3-D-Modell, das die Entstehung eines Burnouts in drei Dimensionen verortet. Das Modell unterscheidet zwischen einer objektiven, einer subjektiven und einer existentiellen Dimension: Die objektive Dimension beschreibt ein tatsächliches Ungleichgewicht zwischen Anforderungen und persönlichen Ressourcen, bei der subjektiven Dimension hingegen steht die individuelle Einschätzung dieses Ungleichgewichts im Zentrum. Diese kann von den tatsächlichen Bedingungen erheblich abweichen und hat ihren Ursprung typischerweise in mangelndem Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und überschätzten Leistungserwartungen. Die existentielle Dimension befasst sich mit der Frage, in welchem Masse sich das Individuum über dieses erlebte Ungleichgewicht definiert, also wie fest die subjektive Differenz zwischen Leistung und Leistungserwartung das Selbstverständnis beeinflusst. Aufgrund dieser Aspekte wird nach einer ersten Abklärung eine massgeschneiderte Therapie für die Betroffenen gestaltet. (rue)

Obwohl Burnout-Therapie-Stationen oft den Ruf von Wellnessoasen hätten, sei die Krankheit keine «durch Marketing aufgeblasene» Modeerscheinung, sagt Cattapan. Vielmehr sei ein Burnout «ein Phänomen der postmodernen Leistungsgesellschaft und eine gesellschaftliche Realität». Und zwar eine teure Realität: Das Schweizerische Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) schätzt, dass der Faktor Stress für jährlich über 4 Milliarden Franken volkswirtschaftlichen Schadens verantwortlich ist.

«Nur» Stress oder Burnout?

Dass die Krankheit mitunter mit Imageproblemen zu kämpfen hat, liegt wohl auch an der unscharf verlaufenden Grenze zwischen einem ausgewachsenen Burnout und lediglich dem Gefühl, unter Stress zu stehen. Konstante Belastung ist heutzutage nichts Aussergewöhnliches - wer mit dem alltäglichen Leistungsdruck schlechter umgehen kann als andere, steht schnell im Verdacht, ein Weichei oder ein Simulant zu sein.

Ausschlaggebend für die Diagnose Burnout ist aber kein empirisch messbarer, objektiver Leistungsdruck, sondern der individuelle Umgang mit subjektiv wahrgenommenen Erwartungen. Armita Tschitsaz, Psychologin und Leiterin des Bereichs Prävention und Forschung am Zentrum für stressbedingte Erkrankungen, erklärt: «Der Unterschied zwischen einem Burnout und normalem Stress liegt darin, dass die Betroffenen im Alltag nicht mehr funktionieren können.»
In der Privatstation «Belvedere», die zum Zentrum für stressbedingte Erkrankungen gehört, sollen diese Patienten ihre Batterien wieder aufladen können. Neben Einzel- und Gruppentherapie sollen ihnen Zimmer und Aufenthaltsräume mit Seeblick, ein eigenes Spa, Meditation, Ernährungsberatung sowie Physio-, Musik-, und Kunsttherapie dabei helfen.

Eigens erarbeitetes Therapiekonzept

Das Zentrum in Kilchberg sei bislang die einzige Klinik in der Region, die eine spezifisch auf Burnouts zugeschnittene Therapie anbiete, sagt Psychologe und Philosoph Tobias Ballweg, der für das Theoriekonzept mitverantwortlich zeichnet. Mit «SymBalance» hat das Zentrum eine eigene Behandlungsmethode entwickelt (siehe Box). Im Raum Zürich seien sie hiermit die ersten, die mit einem «theoretisch fundierten, integrativen Konzept für die Burnout-Behandlung» arbeiten, so Ballweg. Und das Konzept zieht: Wenn die Klinik morgen ihre Arbeit aufnimmt, werden fünf der zehn Zimmer auf der Station bereits besetzt sein. «Eine Startbelegung von 50 Prozent ist für uns sehr erfreulich», sagt Sanatoriumsdirektor Peter Hösly.

Das stationäre Therapieprogramm sieht einen 42-tägigen Aufenthalt vor, in dem sich die Patientinnen und Patienten der Ursachen ihrer Erschöpfung bewusst werden und Strategien für einen baldigen Wiedereinstieg ins Arbeitsleben entwickeln sollen. Nach den sechs Wochen auf der Station soll ihnen zudem weiterhin ein ambulantes Angebot zur Verfügung stehen. Ergänzt wird das Konzept durch Präventiv-Programme.

Das Angebot ist für Privatversicherte via ärztliche Überweisung gedacht; wer sich die rund 1000 Franken für einen Tag im «Belvedere» leisten kann und möchte, kann sich aber auch versicherungsunabhängig behandeln lassen. Zu einem späteren Zeitpunkt ist auch ein Angebot für Grundversicherte geplant, wobei laut Hösly Therapie wie Unterbringung «abgespeckt» daherkommen sollen.