Sozialprojekt
Kein normaler Betrieb in der Schule Käferholz in Neuaffoltern

Sozialprojekte haben nicht selten das Ziel, Jugendliche von der Strasse zu holen. «Gorilla» macht das Gegenteil: Jugendliche sollen raus auf die Strasse – und Freestyle-Sport machen.

Michael Rüegg
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Ernährung und Bewegung: Der Gorilla auf der Smartphone-App erklärt, wies geht.zvg

Ernährung und Bewegung: Der Gorilla auf der Smartphone-App erklärt, wies geht.zvg

Neuaffoltern: Einer der letzten Flecken in der Stadt Zürich, wo die Mieten einigermassen bezahlbar sind. Hier zieht hin, wer in den begehrten Quartieren nichts findet. Es ist einer der Orte, den Schweizer Familien gerne meiden, weil sie sich vor zu vielen ausländischen Kindern in der Schule fürchten.

Die Schule Käferholz ist so eine Schule. Doch statt gelangweilt im Klassenzimmer zu sitzen, spielen die Jungen und Mädchen Akrobatik-Frisbee, üben Breakdance oder stellen sich am improvisierten Buffet ein Birchermüesli zusammen. Es herrscht kein normaler Schulbetrieb, sondern ein ganztägiger «Gorilla-Workshop».

«Gorilla», das ist ein Projekt der «Schtifti Foundation», die gegen Bewegungsmangel und Ernährungssünden bei Jugendlichen ankämpft. Mit anderen Worten: Mit dem Projekt will die Stiftung Jugendliche vom Fernsehsofa holen und ihnen Red Bull und Chips-Tüte nehmen. «Gorilla» arbeitet nicht mit Massensportarten, sondern setzt gezielt auf Freestyle.

Das Projekt bedient sich zudem einer Sprache, die bei den Teenagern anzukommen scheint. Der Vorteil: Gesundheitsförderung klingt nicht angestaubt, sondern angesagt. Den Jugendlichen werden keine «Erwachsenensportarten» wie zum Beispiel Wandern oder Velofahren schmackhaft gemacht, sondern Freestyle-Disziplinen, also zeitgemässer Nischensport.

Im Schulhaus Käferholz trainieren die Schülerinnen und Schüler einen ganzen Tag lang Breakdance, Capoeira (eine brasilianische Mischung aus Tanz und Akrobatik mit Kampfsport-Elementen), Footbag (da kickt man einen mit Sand gefüllten kleinen Ball herum) oder Skate-Disziplinen. Die Workshopleiter, ein gutes Dutzend, sind unglaublich cool, haben krasse Ohrringe, tief ins Gesicht gezogene Mützen und noch tiefer hängende Hosen.

«Gorilla» setzt auf verschiedene Kanäle, vom Kochbuch über Website, Smartphone-App bis hin zu Unterrichtsmodulen: Jugendliche registrieren sich auf der Website und sammeln mit Bewegung und richtiger Ernährung Punkte. Diese Punkte können sie wiederum in Prämien umtauschen. Das 2010 lancierte Programm feiert einen Erfolg nach dem anderen, gewann unter anderem den renommierten Worlddidac-Award.

Das Problem am Freestyle-Sport auf der Strasse ist allerdings, dass er im Winter keinen Spass macht. Deshalb hat «Gorilla» seinen Wirkungskreis nun erweitert. Im Winter, so die Projektverantwortlichen, sollen die Kinder raus aus der Nebelsuppe von Städten wie Zürich und rauf in die Berge. Denn davon hätten wir in der Schweiz genug, meint Schtifti-Geschäftsführer Roger Grolimund, und sagt: «Viele der Jugendlichen, auf die wir treffen, waren noch niemals in den Bergen.»

Zusammen mit den Bergbahnen Graubünden als Kooperationspartner will «Gorilla» nun die Bergwelt erobern. «In dieser Saison wollen wir vierhundert Kindern auf die Skipiste bringen», sagt Myriam Keller von «Graubünden Ferien», in drei Jahren sollen es tausend sein. Die Bergbahnen stellen dieses Jahr für «Gorilla»-User 170 Skipässe zur Verfügung. Zudem können Jugendliche Gruppenreisen mit Skilehrer gewinnen, sechs Schulklassen können zusammen einen kostenlosen Skitag inklusive Transfer, Materialmiete und Verpflegung erleben. Allerdings muss man dafür erst Punkte sammeln und das Glück haben, zu den Gewinnern zu gehören. Doch Grolimund relativiert: «Die Hürden sind nicht so hoch. Die nötigen Punkte hat man leicht beisammen, die Chancen auf einen Preis sind viel grösser als bei anderen Wettbewerben.»

Die kostenlosen Angebote sind nötig, denn: «Skifahren ist kein günstiger Sport», sagt der Präsident der Graubündner Bergbahnen, Silvio Schmid. «Und gerade Kinder von ausländischen Familien fahren kaum Ski», erklärt Grolimund. Die Initianten hoffen, dass in einigen Jahren wie beim Fussball auch im Skirennsport ausländische Namen an der Tagesordnung sind.

Vorerst setzt «Gorilla» ganz seiner Philosophie entsprechend auf Freestyle-Skifahren. Für ihr Projekt haben sie zwei Nachwuchstalente gewonnen, die Bündnerin Nina Ragettli und den Zürcher Vincent Schmid aus Hausen am Albis. Zudem bietet die Band Dabu Fantastic, die diesjährigen Gewinner des Swiss Music Awards, ein exklusives «Meet & Greet». Die Skidestinationen selber nehmen die Ideen von «Gorilla» bereitwillig auf. So soll es in den Bergrestaurants künftig ein gesundes «Gorilla-Menü» geben, für 19 Franken inklusive Getränk. Bergbahnen-Präsident Schmid findet das richtig, «angesichts der Tonnen von Pommes frites, die wir jede Saison den Berg hinauf tragen».

Finanziert wird «Gorilla» von Sponsoren, einige davon erbringen Leistungen für die Trägerstiftung. Die Mittelbeschaffung sei nicht einfach, sagt Geschäftsführer Grolimund. Enttäuscht ist er, dass die Nahrungsmittel-Industrie sich trotz intensiver Bemühungen nicht an seinem Projekt beteiligt. Denn in ihr sieht er eines der Hauptprobleme für die ungesunde Ernährung der Jugendlichen. «Die verdienen viel Geld mit Teenagern, aber nehmen ihre Verantwortung nicht wahr.»

Für Infos und Anmeldungen:
www.gorilla.ch