Videospiel
Kein Ninja oder Baller-Soldat: In diesem Game ist der Spieler ein Flüchtling

Ein Jungunternehmen will mit dem Game «Cloud Chasers» bewegen. Politische Aussagen sollen damit keine gemacht werden – zumindest fast keine.

Silvan Gisler
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In Cloud Chasers ist der Gamer ein Migrant auf der Suche eines besseren Lebens_004
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Flüchtlingsgame

In Cloud Chasers ist der Gamer ein Migrant auf der Suche eines besseren Lebens_004

http://cloudchasersgame.com/

Francisco streift durch die Wüste, an seiner linken Hand die kleine Tochter Amelia. Suchend nach Wasser und der Richtung. Das Ziel: das erlösende Reich über den Wolken. Die Sonne brennt, die Energien sind am Ende. «War es wirklich eine gute Idee, von zu Hause wegzugehen?», fragt sich Francisco. Doch blieben sie zu Hause, würden sie verhungern. Sie fliehen.

Die Szene stammt aus «Cloud Chasers»: ein Spiel über Flüchtlinge, entwickelt in einem Zürcher Studio. Statt Superheld mit Knarre oder Imperator mit Heer spielt man also auf dem Smartphone oder dem Tablet Flüchtling mit nichts. Mit der einzigen Mission, die schöne Welt zu erreichen. Ein Ansatz, der für Furore sorgt: Das Ausland berichtet, die Game-Community weltweit lädt es fleissig runter, die Experten ehren es mit Preisen und Nominationen.

«Wenn du ein Flüchtling wärst, wärst du fähig, zu überleben?», fragen die Macher aus Zürich im Trailer zum Spiel – und plötzlich wird so aus den Flüchtlingsschicksalen ein Exportgut aus der Schweiz mit Unterhaltungscharakter. Darf man das?

Kein Lehrmittel

«Ja, man darf», findet Moritz Zumbühl. Der Geschäftsführer von «Blindflug-Studios», welche das Game entwickelt haben, sitzt im Café Volkshaus beim Helvetiaplatz und sinniert über Games und ihre Verantwortung. «Wir sind Spielehersteller, die Games sollen spannend sein, Spass machen», sagt er, stellt jedoch gleich klar: «Mit Spass meine ich Engagement: Das Spiel soll hineinziehen, Emotionen hervorrufen und somit zum Nachdenken anregen!» Die Spieler sollen hoffen, so wie Amelia und Francisco. Identifikation, nennt sich das.

Das Spiel, auch wenn oder gerade weil fiktional, sieht Zumbühl als Möglichkeit, sich mit der Flüchtlingsthematik auseinanderzusetzen. «Wir sind kein Lehrmittel, welches Antworten auf die komplexe Flüchtlingsthematik liefert. Aber wir bieten sozusagen einen Startpunkt zur Reflexion.»

Sie hätten viel Zeit in die Recherche investiert, um dem Thema gerecht werden zu können. «Natürlich machten wir uns auch Gedanken, ob Leute die im Zürcher Kreis 4 aufgewachsen sind, überhaupt das Recht haben, über etwas ein Spiel zu machen, das keiner von uns je erlebt hat. Aber ich hoffe, es ist uns gelungen.» Die Macher wollten bewusst kein reales Beispiel nehmen. Das Game spielt in keiner spezifischen Gegend, und der Grund für die Flucht ist nicht ein Krieg, sondern drohnen-artige Maschinen, welche die Wolken und somit das Wasser wegsaugen – als Analogie zum Klimawandel. Wasser ist das knappe Gut. Auf dem Weg zum Ziel muss Amelia darum regelmässig mit einem Drachen gen Himmel fliegen und in den Wolken Wasser sammeln, immer auf der Hut vor Drohnen und Gipfeln.

Industrie hat Verantwortung

«Cloud Chasers» ist bereits das zweite Game, welches «Blindflug-Studios» auf den Markt bringen und in dem sie ein ernstes Thema behandeln: Vor zwei Jahren kreierte die Firma, welche aus der Agentur «Feinheit» hervorging, das Atombomben-Spiel «First Strike», in dem es um Abrüstung geht. Die Macher gehören damit zu einer neueren Generation von Game-Herstellern, die sich mit gesellschaftlichen Themen befassen.

«Games sind die wichtigste Kunstform des 21. Jahrhunderts», sagt Moritz Zumbühl, «doch noch sind sich grosse Teile der Branche dieser Verantwortung noch nicht bewusst.» Das sei jedoch normal: Andere Kunstformen wie Literatur, Filme oder Bilder hätten ja auch schon viel länger Zeit gehabt, sich mit dem eigenen Schaffen und dessen Auswirkungen zu beschäftigen.

Zumbühl und seine Kollegen sehen sich als Künstler. Und als solche bewegen sie sich per se in einem politischen Raum – insbesondere wenn sie wie nun mitten in der Flüchtlingskrise ein Flüchtlings-Game auf den Markt bringen. Das sei kein Kalkül gewesen, betont Zumbühl. Aber natürlich hätten sie sich vor einem Jahr, als es darum ging, ein neues Game zu entwickeln, von der Problematik stark beeinflussen lassen.

Das Game an und für sich ist somit eine politische Aussage. Doch eine politische Agenda möchte Zumbühl dahinter nicht versteckt wissen. «Das Spiel ist zum einen darum bewusst fiktional. Und zum anderen sagen wir in diesem Spiel nicht, was richtig oder falsch ist. Du erhältst bei ‹Cloud Chasers› keine Lösungen.»

«Jeder darf es versuchen»

Dass Klimaflüchtlinge, wie sie Francesco und Amelia abbilden, nun auch stärker in der internationalen Aufmerksamkeit auftauchen, sei bei der Konzeption des Spiels noch nicht absehbar gewesen. Gerade der Begriff «Klimaflüchtlinge» ist jedoch bereits hochgradig politisch aufgeladen: Viele Politiker – nicht zuletzt in der Schweiz – würden diesen das Recht auf Asyl absprechen.

Auf die brisante Frage, wer darf kommen und wer nicht, liefert das Spiel keine Antworten, doch natürlich hat Moritz Zumbühl eine persönliche Meinung. «Die Beweggründe für einen Flüchtling sind entgegen landläufiger Vorstellung sehr individuell, darum ist die Frage auch nicht so einfach zu beantworten. Aber ich persönlich glaube stark, dass die wenigsten einfach so dauerhaft wegwollen. Und wenn du dann doch all diese Strapazen, diesen ganzen Weg auf dich nimmst, dann muss eine Notwendigkeit da sein.» – Hat denn jeder ein Recht auf ein besseres Leben? – «Jeder hat das Recht, es zu versuchen, das ist das Mindeste.»

Inzwischen ist Amelia tot. Sie flog beim Versuch, Wasser zu fangen, mit ihrem Drachen in die Drohne. Die Reise zu einem besseren Leben ist zu Ende. Man fühlt mit Amelia und Francisco mit, ist traurig. 230 verschieden miteinander kombinierbare Ereignisse hat das Game. Nächster Versuch.