Kanton Zürich
Kein Einzelfall: Nach Mutterschaftsurlaub die Kündigung erhalten

Wenn der Schwangerschaftsurlaub vorbei ist, endet der Kündigungsschutz – Entlassungen von Frauen auf diesen Zeitpunkt hin haben zugenommen.

Lina Giusto
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Eine im neunten Monat schwangere Frau bei der Arbeit in einem Zürcher Büro. Keystone

Eine im neunten Monat schwangere Frau bei der Arbeit in einem Zürcher Büro. Keystone

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C. T. (Name der Redaktion bekannt) ist frischgebackene Mutter von Zwillingen geworden. Es ist September 2014. Rechtlich stehen der jungen Mutter vier Monate Schwangerschaftsurlaub zu. Sie entscheidet sich, diesen um einen zweimonatigen unbezahlten Urlaub zu verlängern. Ihr Arbeitgeber willigt ein.

Vier Monate später, es ist Januar 2015. Seit einem Tag ist der Mutterschaftsurlaub von C. T. offiziell vorbei. Es bricht die Zeit des unbezahlten Urlaubes an. Genau an diesem Tag erhält sie per Einschreiben die Kündigung. Für die Entlassung nennt ihr damaliger Arbeitgeber wirtschaftliche Gründe.

Weil der unbezahlte Urlaub gesetzlich schwächer ist als eine Kündigung, beginnt die Kündigungsfrist ab Zustellung des Einschreibens. Deswegen ist der Arbeitgeber von C. T. verpflichtet, den noch ausstehenden Lohn von drei Monaten zu bezahlen. Aber das Geld trifft Ende Monat nicht ein. C. T. steckt in einer misslichen Lage. Weil die Kündigung den unbezahlten Urlaub aufhebt, müsste sie zur Arbeit zurück. Ihr Arbeitgeber dagegen besteht darauf, dass der unbezahlte Urlaub weiterhin gilt.

Anja Derungs, Leiterin Fachstelle für Gleichstellung Stadt Zürich

«Kündigungen nach dem Mutterschaftsurlaub betreffen dreimal häufiger Nicht-Kader-Angestellte.»

C. T. nimmt sich in der Folge einen Anwalt. Dieser handelt einen Aufhebungsvertrag aus, der den Arbeitsvertrag zwischen C. T. und ihrem Arbeitgeber per sofort aufhebt und die Lohnzahlung der drei verbleibenden Monate garantiert.

Die dann beginnende Jobsuche gestaltet sich mit dem finanziellen Druck und den kleinen Zwillingen schwierig. Was bleibt: Ein unschöner Abschied zwischen C. T. und ihrem Arbeitgeber.

Fälle häufen sich

Für C. T. kam die Kündigung ohne Vorgespräch nicht überraschend. Schon während der Schwangerschaft habe sich die Missstimmung in der Firma abgezeichnet. Nachweisen kann sie dies aber nicht. Ihr Arbeitgeber forderte von ihr, dass sie nach dem Schwangerschaftsurlaub mit einem Pensum von 100 Prozent in die Firma zurückzukehren soll. C. T. aber konnte und wollte mit zwei Frischgeborenen nicht fünf Tage die Woche arbeiten.

Wie sich zeigt, ist C. T. kein Einzelfall. «SRF 4 News» berichtete vor kurzem über eine Vervierfachung dieser Fälle seit 2013. «Wir haben in diesem Jahr rund 90 Anfragen zu diesem Thema erhalten», sagt Anja Derungs, Leiterin der Fachstelle für Gleichstellung der Stadt Zürich, auf Anfrage. Bezüglich Branchen und Berufsgruppen könne keine Tendenz festgestellt werden.

Aber: «Kündigungen nach dem Mutterschaftsurlaub betreffen dreimal häufiger Nicht-Kader-Angestellte», so Derungs. Die Kündigung nach Ablauf des Mutterschaftsurlaubes ist rechtens. Lediglich während der gesamten Dauer der Schwangerschaft und bis 16 Wochen nach der Geburt gibt es einen Kündigungsschutz für Mütter.

Entlassungen auf das Ende des Schwangerschaftsurlaubes hin aber geben Anlass für Diskussionen. Derungs sagt: «Diese Entwicklung ist äusserst bedauerlich. Es ist ein Indiz dafür, dass Frauen nicht freiwillig aus dem Arbeitsleben ausscheiden und mit starken Vorurteilen auf dem Arbeitsmarkt zu kämpfen haben.» Hinzu kämen Vorbehalte wegen dem organisatorischen Aufwand von Mutterschaftsvertretungen und Teilzeitanstellungen. «Der stärkere Druck in der Wirtschaft und Vorurteile gegenüber Mütter im Hinblick auf Leistungsfähigkeit, Flexibilität und Verfügbarkeit sind mögliche Gründe für diese Entwicklung», so Derungs.

Eine schwangere Frau bei der Arbeit

Eine schwangere Frau bei der Arbeit

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Gemeinsam Lösungen suchen

Laut Helena Trachsel, Leiterin des kantonalen Gleichstellungsbüro, gäbe es noch Potenzial beim Umgang von Arbeitgebenden und Arbeitnehmenden bei diesem Thema. Es gibt derweil aber auch vereinbarkeitszertifizierte Firmen, die bemüht sind, das Familien- und Berufsleben in Einklang zu bringen. Beispiele hierfür sind die Versicherung Axa Winterthur, der Rückversicherer Swiss Re und der Kinder- und Jugendpsychiatrische Dienst des Kantons Zürich.

Trachsel sagt: «Durch den Mangel an Fachkräften wird von Firmen für werdende Eltern stärker auf familienfreundliche Arbeitszeitmodelle gesetzt, aber auch von den Frauen dezidierter gewünscht. Stärker in die Verantwortung für flexibles Arbeiten müssen jedoch die Väter.» Es läge an ihnen, in Absprache mit den Vorgesetzten Modelle wie Mobile Office zu entwickeln, die eine gelungene Vereinbarkeit von Beruf-und Privatleben ermöglichen.

Silvia Steiner, Bildungsdirektorin des Kantons Zürich, sagte diese Woche im Rahmen eines Vortrages an der Universität Zürich, Frauenförderung gehe nicht nur Frauen etwas an. Die Veranstaltung bildete den Auftakt zum Aktionsplan Chancengleichheit 2017-2020 an der Uni. Denn Frauen sind bei den Studierenden zwar in der Mehrheit. Bei den Professuren aber liegt ihr Anteil bei lediglich 20 Prozent. Eine vorgestellte Studie über den weiblichen Führungsstil kann derweil nicht belegen, dass Frauen oder Männer als Vorgesetzte besser seien. Aber: Frauen in akademischen Führungspositionen seien eher bereit, die Bedingungen für Arbeitskräfte mit Familien zu erleichtern.

Und zum Thema Chancengleichheit diskutierten diese Woche auf einem Podium der liberalen Denkfabrik Avenir Suisse die Verhaltensökonomin, Iris Bohnet und Projektleiter Marco Salvi. Während Bohnet die Hürden für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf in den Köpfen der Frauen und Männer sieht, betont Salvi fiskalische, institutionelle und regulatorische Hemmschwellen.