Migrationsentscheid
Kein Asyl: Tschetschenische Familie muss gehen

Trotz Solidarität und Unterstützung wird eine Familie nach vier Jahren in Kilchberg ausgeschafft.

Natalie Wenger
Merken
Drucken
Teilen
Die Bevölkerung in Kilchberg hatte sich mit der Familie solidarisiert.

Die Bevölkerung in Kilchberg hatte sich mit der Familie solidarisiert.

Keystone

Aller Widerstand nützt nichts. Die tschetschenische Familie, welche seit vier Jahren in Kilchberg zu Hause ist, muss die Schweiz verlassen. Das Wiedererwägungsgesuch, das sie im Juli einreichte, wurde im Verlauf des Augusts vom Staatssekretariat für Migration (SEM) abgelehnt. Die Familie muss die Schweiz verlassen.

Derweil setzen sich immer mehr Menschen dafür ein, die Rückschaffung der sechsköpfigen Familie zu verhindern. Über 1300 Unterstützer zählt die Website hierzuhause.ch mittlerweile. Diese haben Eltern ins Leben gerufen, deren Kinder mit den tschetschenischen Mädchen in die Schule gingen. «Wir haben alles versucht, um einen maximalen Druck auf die Behörden auszuüben, damit sie ihren Entscheid überdenken», sagt Ronie Bürgin, einer der Initianten. Gebracht hat es wenig.

Das SEM begründet seinen Entscheid damit, dass die Bedrohung der Familie bei einer Ausschaffung nicht gegeben sei. Die psychischen Beschwerden des Vaters, der nach dem Ausschaffungsbefehl ins Sanatorium Kilchberg eingeliefert werden musste, erachtet das SEM als zweifelhaft. Die Tatsache, dass er so kurz nach dem ablehnenden Urteil des Bundesverwaltungsgerichts hospitalisiert werden musste, weise darauf hin, dass die Beschwerden durch die Stresssituationen im Hinblick auf die bevorstehende Ausschaffung ausgelöst worden seien. Die diagnostizierte posttraumatische Belastungsstörung infolge von Kriegserlebnissen könne auch in der Russischen Föderation behandelt werden.

Der Vater, Timur, musste aufgrund des jüngsten Entscheids erneut in eine psychiatrische Klinik eingewiesen werden. Auch das seelische Wohl von Khedi und ihren Kindern wird von den Ärzten beobachtet, teilen die Initianten von hierzuhause.ch mit. «Ich glaube nicht, dass die Familie die Rückschaffung verkraften könnte», sagt Ronie Bürgin. Seiner Meinung nach ignorieren die Behörden die Tragweite einer Rückschaffung.

Kinder werden entwurzelt

Die Integrationsbemühungen der Familie aus Tschetschenien lassen die Behörden nicht als Asylgrund gelten. «Dass die Kinder entwurzelt werden, ist dem SEM egal», sagt Bürgin. Die Behörden sähen die schnelle Integration der Kinder in der Schweiz gar als Beweis dafür, dass sie keine Probleme haben würden, sich in Tschetschenien wieder zu integrieren. Die russische Sprache könnten die Kinder mit Unterstützung der Eltern rasch erlernen.

Die Initianten von hierzuhause.ch verweisen auf die Gesetzesgrundlagen, die im Zusammenhang mit Asylgesuchen gemäss Schweizer Recht zu beachten seien. Laut diesem steht das Wohl der Kinder bei einer Wegweisung an erster Stelle. Die Dauer des Aufenthalts sei als wichtiger Faktor zu werten, da Kinder nicht ohne guten Grund aus einem vertrauten Umfeld herausgerissen werden sollten, heisst es in einem Beschluss des Bundesverwaltungsgerichtes. Eine starke Assimilierung in der Schweiz könne eine Entwurzelung zur Folge haben, wodurch eine Wegweisung unzumutbar wäre.

Rekurs als letzte Möglichkeit

«Wir mussten damit rechnen, dass wir mit dem Widererwägungsgesuch nicht durchkommen», sagt Ronie Bürgin. Sie seien letztlich daran gescheitert, dass sie keine neuen Aspekte geltend machen konnten. Das SEM habe sich bei seinem Urteil aber auch einiges rausgenommen.

Die Initianten von hierzuhause.ch geben sich aber nicht geschlagen. «Wir haben uns dazu entschieden, als letzte Option vor dem Bundesverwaltungsgericht eine Beschwerde gegen das Urteil zu führen und ¬dabei das Kindswohl in den Mittelpunkt zu stellen», sagt Ronie Bürgin. Er betont, dass das Komitee keine politischen Absichten verfolge. «Unser Engagement ist einzig dem Verbleib der Familie aus Tschetschenien gewidmet.»