Heute und morgen steht ein junger Iraker aus Uerikon zum zweiten Mal vor Gericht. Er hat 2012 vor dem Zürcher Klub Kaufleuten einen Hombrechtiker erstochen und einen der beiden Brüder des Opfers schwer verletzt. Das Bezirksgericht Zürich verurteilte den heute 25-Jährigen im vergangenen Jahr wegen Mordes und versuchter vorsätzlicher Tötung zu einer Freiheitsstrafe von 16 Jahren. Ein Komplize, der dem Täter zur Flucht verhalf, erhielt eine bedingte Geldstrafe. Ein weiterer Mittäter, der dem Iraker das Butterfly-Messer überreicht haben soll, wurde freigesprochen.

Die Staatsanwaltschaft und die Familie des Opfers haben den Fall weitergezogen, weil sie die Strafen als zu mild empfinden. Die Familie stört sich insbesondere daran, dass der Komplize, der dem Täter das Messer ausgehändigt haben soll, straffrei davon gekommen ist. Nebst dem Schmerz über den Verlust, der durch die juristische Aufarbeitung wieder hochkommt, ist die Familie des Opfers auch einem finanziellen Risiko ausgesetzt: Verliert sie den Fall, muss sie die Gerichts- und Anwaltskosten übernehmen. Ihre Anwältin schätzt diese auf rund 16'000 Franken.

Über 80 Personen spenden
Aus diesem Grund hat Cengiz Ajdini, ein langjähriger Freund des Ermordeten, im Juli auf Facebook eine Sammelaktion gestartet. Seit vergangener Woche ist klar: Der benötigte Betrag ist zusammengekommen. Dies freut Ajdini, der schon einmal eine Solidaritätsaktion für seinen mit 23 Jahren ermordeten Freund lanciert hat. Kurz nach der Tat hatte er über Facebook zu einem Trauermarsch in Zürich aufgerufen. Rund 500 Personen nahmen daran teil. Und die Solidarität hält immer noch an: Über 80 Personen hätten der Opferfamilie Geld zugesichert, sagt Ajdini. Sie müssen den Betrag aber nur überweisen, wenn der Fall verloren geht und somit auch tatsächlich Kosten anfallen.

«Die Anteilnahme ist beeindruckend», sagt der in Hombrechtikon aufgewachsene Ajdini. Er erzählt vom Gymi-Schüler, der 20 Franken zahlt, aber auch von Personen, die bis zu 1000 Franken spenden. Ein Tattoo-Studio in Stäfa etwa steuert die Einnahmen eines ganzen Tages, rund 800 Franken, bei. Und vor kurzem hat sich ein Angestellter einer Hombrechtiker Pizzeria bei Ajdini gemeldet, der im Restaurant ein Kässeli aufgestellt hatte.

Anfängliche Skepsis weicht Erleichterung
Bei den Spendern handelt es sich überwiegend um Personen, die den Ermordeten gekannt haben. Die Solidarität habe auch die beiden jüngeren Brüder des Opfers beeindruckt, die zu Beginn etwas skeptisch gegenüber der Aktion gewesen seien, sagt Ajdini. Mit ihnen steht er regelmässig in Kontakt. «Sie sind erleichtert, denn die finanzielle Last war gross.» Der Hombrechtiker will es aber nicht bei der finanziellen Unterstützung belassen. Er wird am Prozess teilnehmen und auch auf diese Art Anteilnahme signalisieren. Die Familie hingegen wird nicht anwesend sein. Zu gross ist der Schmerz.