Kaufleuten
Kaufleuten-Gründer Fredi Müller: «Man will den Verstand verlieren»

Für den Club-Gründer Fredi Müller haben exzessive Partys etwas Heilsames. Im Interview spricht er über die ideale Party, steigende Gewalt beim Feiern, Alkohol, Drogen und seine Zuwendung zur Spiritualität.

Marius Huber
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Fredi Müller «Ja, manche Menschen holen sich ihre Balance im Rausch und an Partys.»

Fredi Müller «Ja, manche Menschen holen sich ihre Balance im Rausch und an Partys.»

Stevan Bukvic/ tilllate.com

Herr Müller, Sie geben mir Rätsel auf: Als Gründer und Betreiber des Kaufleuten-Clubs haben Sie aus Zürich eine Partystadt gemacht, gleichzeitig sind Sie stark der Spiritualität zugewandt. Wie passt das zusammen?

Fredi Müller: ch bin spirituell, seit ich denken kann. Ich bin einfach an den Geheimnissen der Existenz interessiert - das ist für mich Spiritualität. Viele verlieren das Interesse an solchen Themen, sobald sie als Erwachsene mit der eigenen Existenzerhaltung beschäftigt sind. Dabei braucht der Mensch beide Seiten, das Materielle und das Spirituelle. Einseitigkeit ist ungesund.

Was heisst das konkret in Ihrem Alltag?

Über Spiritualität gäbe es viel zu sagen. Aber ein einfaches Beispiel: Ich habe als Workaholic lange ein enormes Pensum bewältigt und habe das nur geschafft, weil ich den Ausgleich im Kontakt mit der Natur suchte. Dort kann ich die Batterien aufladen.

Befriedigen Spiritualität und Partys letztlich ein ähnliches Bedürfnis?

Immerhin suchen Leute, die ins Kaufleuten gehen, dort auch einen Ausgleich. Ja, manche Menschen holen sich ihre Balance im Rausch und an Partys. Sie suchen dort zum Beispiel einen Ausgleich zur Berufskarriere, suchen Liebe, Gesellschaft, Geborgenheit. Aber der Rausch ist Ersatzbefrie- digung und ein psychisches Wagnis.

Sie verkaufen einem Banker also eine ganz andere Art des Ausgleichs, als Sie selbst gut finden.

Nein, nein, ich hole mir den Ausgleich auch auf beide Arten, so wie das mancher Banker auch tut. Das war ja nur ein Beispiel. Abgesehen davon bin ich kein Missionar.

Was ist denn das Gute am Feiern?

Das Gute am Feiern?

Ja - jetzt denken Sie aber lange nach?...

Das Leben wird gefeiert, das ist das Gute! Man kann dies auf sehr verschiedene Arten tun. Auch ganz banal, indem man an Silvester eine Flasche Wodka kauft, eine Flasche Champagner, auf die Quaibrücke geht, das Feuerwerk anschaut und in der Gegend herumprostet.

Wie sähe die ideale Neujahrsparty aus?

Vielleicht eine nächtliche Skitour unternehmen, wenn der Mond hell scheint. Und wenn man Alkohol mag, nimmt man eine Kanne Glühwein mit.

Das wäre Ihr Ideal?

Ja, das gefällt mir, weil es die Essenz des Festes trifft. Der Gedanke eines Neuanfangs muss für mich in dieser speziellen Nacht das Herz der Party sein. Bloss weil der Sekundenzeiger Mitternacht zeigt, ist noch kein Jahreswechsel gefeiert. Das Feierliche liegt doch im Entschluss zu einem besseren Leben. In der freien Natur geht das für mich besser als im Tumult eines Discobetriebs. Es ist aber auch dort möglich - und ich kann meinen Lebensunterhalt ja nicht damit verdienen, dass ich die Leute zu nächtlichen Skitouren einlade.

Warum müssen Partys exzessiv sein?

Unsere Gesellschaft hat dem Leben ein enges Korsett verpasst. Es ist nicht natürlich, dass einer jeden Tag brav von neun bis fünf arbeiten geht. Zu viel Struktur und zu wenig Fantasie werden im Exzess ausgeglichen. Das ist wie bei einem Kind, das am Mittagstisch stillsitzen musste und dann auf die Spielwiese stürmt. Die Lebensenergie muss raus.

Ohne Alkohol und andere Drogen scheint dies aber kaum denkbar.

Das hat damit zu tun, dass man die innere Kontrollinstanz ausschalten will, den Verstand. Manche geraten allein durchs Tanzen in Ekstase, anderen gelingt das nicht - sie brauchen Drogen, um den Verstand zu verlieren. Es ist ein Armutszeugnis der Menschheit, dass sie vergessen hat, den Exzess natürlich zu leben.

Warum schlägt exzessives Feiern immer wieder in Gewalt um? Auch ums Kaufleuten gab es solche Vorfälle.

Manche werden unter Alkoholeinfluss fröhlich, andere laut und aggressiv. Das liegt in der Persönlichkeit. Angriffigkeit sitzt in angstvollen Leuten mit wenig Selbstbewusstsein. Wenn sie ausgelassen sind, sinkt ihre Hemmschwelle. So kann der Exzess zum Ausbruch von verdeckten Eigenschaften führen. Das ist eine alte Wahrheit: in vinum veritas.

Gewalt ist für Sie also keine Folge des 24-Stunden-Partybetriebs, der in Zürich manchmal dämonisiert wird?

Nein, es ist umgekehrt. Der Dämon sitzt im Menschen. Die Menschheit ist weitgehend psychisch krank und unausgeglichen, weil aufs Materielle fixiert. Wo der Dämon Gelegenheit bekommt, sich Luft zu verschaffen, tritt er zutage - genauso wie auch positive Aspekte der Freiheit zutage treten. Insofern bewältigen Clubs wie das Kaufleuten, wo Freiheit und Ausgelassenheit gelebt werden können, die Situation mit einigem Geschick. Bei uns verkehren pro Jahr über eine halbe Million Gäste - das hat nebst einigem Unglück auch viel Glück ermöglicht.