Winterthur
Kantonsrat tagt erstmals in seiner Geschichte nicht in Zürich – Mann des Tages ist ein Einheimischer

Spitze Sprüche, Eigenlob und Wandervögel: Das Gastspiel des Zürcher Kantonsrats in Winterthur war eine fast normale Sitzung mit umkämpften Geschäften und einem unerwarteten Helden.

Michael Graf
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Die Feier «100 Jahre Proporz» fand am Freitag in der Giessereihalle 53 auf dem Sulzerareal in Winterthur statt und zog trotz der Hitze zahlreiches Publikum an.

Die Feier «100 Jahre Proporz» fand am Freitag in der Giessereihalle 53 auf dem Sulzerareal in Winterthur statt und zog trotz der Hitze zahlreiches Publikum an.

Madeleine Schoder

Dass der Kantonsrat ausserhalb von Zürich tagt, das gab es in über 200 Jahren noch nie. Zur Feier «100 Jahre Proporz» war er nun in Winterthur zu Gast. Und dort staunte so mancher: Alles ist etwas grösser in der Kantonshauptstadt. Während das Winterthurer Parlament nur 60 Sitze zählt, hat der Kantonsrat dreimal so viele.

Vizepräsident Dieter Kläy (FDP, Winterthur) kennt sich in beiden Räten bestens aus. Angst, die Übersicht zu verlieren, hat er angesichts von 180 Mitgliedern aber nicht. «Der Betrieb läuft diszipliniert und respektvoll ab», sagt er. «Klatschen oder Zwischenrufe sind verpönt.» Im Vergleich zum Winterthurer Stadtparlament sei das Tempo allerdings höher, die Voten seien pointierter. Zugleich werde auch mehr geschwatzt und herumgestreunt, weil dies bei so vielen Personen schlicht weniger auffällt. Einzelne wie SVP-Kantonsrat René Isler (Winterthur) hält es kaum auf dem Stuhl, er tigert in den Reihen auf und ab.

Alles normal – oder fast

Präsidentin Karin Egli-Zimmermann (SVP, Elgg) eröffnet die Sitzung mit dem üblichen Hinweis, sich in der Anwesenheitsliste einzutragen. Sonst gibt es kein Sitzungsgeld. Und noch eine Vorbemerkung: «Angesichts der Temperaturen erlaube ich eine Tenue-Erleichterung.» Bei 35 Grad in der Fabrikhalle fallen also Jackett und Krawatte. Ansonsten gilt Courant Normal, bis auf Details: Im Ratssaal in Zürich können die Politiker vom Platz aus sprechen, hier müssen sie dazu ans Rednerpult treten. Zusammen mit der halbrunden Sitzordnung verleiht das dem Kantonsparlament auch in Hemdsärmeln einen Hauch von Bundeshaus.

Haue für die Gastgeber

Eine Schonfrist gibt es für niemanden. Auch nicht für die Gastgeber. Als über den Richtplaneintrag einer Erschliessungsstrasse für den Winterthurer Stadtteil Neuhegi diskutiert wird, hagelt es heftige Kritik am Winterthurer Stadtrat. Er hatte sich im Frühling per Brief an alle Kantonsräte gewandt und verlangt, neben der präferierten Route auch eine Rückfallvariante einzutragen. Die Kommission hatte diesen Plan B zu null verworfen. Jetzt reagiert sie gereizt. In letzter Minute, so der Vorwurf, werde «aus diffusen Ängsten» eine ungeeignete Lösung wieder aufgewärmt.

«Ein wunderschönes Beispiel dafür, wie die Interessensvertretung der Gemeinden nicht gemacht werden sollte», ätzt Rosmarie Joss (SP, Dietikon). «Ein Affront gegen unsere Arbeit», doppelt Barbara Schaffner (GLP, Otelfingen) nach, die ihre Kommission für Energie, Verkehr und Umwelt als «die fleissigste» lobt. «Ein Schildbürgerstreich» poltert Martin Hübscher (SVP, Wiesendangen), dessen Gemeinde von einer allfälligen Streckenänderung am meisten betroffen wäre.

Ein Kleiner ist der Grösste

«Das ist ein Prügelfreitag», klagt der Winterthurer EVP-Kantonsrat Nik Gugger, der den Vorstoss eingereicht hatte, mit Verweis auf den sogenannten Prügelmontag von 1798. Napoleons erster Versuch, Stadt- und Landvertreter zu einer gemeinsamen zürcherischen Verfassung zu bringen, wäre damals fast in Handgreiflichkeiten ausgeartet. Trotzdem wird
Gugger, der in seinen drei Kantonsratsjahren eher ein Hinterbänkler war, zum Mann des Tages. Sein Vorstoss kommt mit 80 zu 76 Stimmen durch.

Und bevor die Glocke die dreistündige Sitzung beendet, fällt der Name Nik Gugger gleich nochmals: Der Winterthurer hat seinen frühzeitigen Rücktritt per 2. Oktober eingereicht, weil er für Maja Ingold in den Nationalrat nachrückt. Allgemeines Schulterklopfen. Es passt zu einem Anlass, an dem das Proporzwahlrecht gefeiert wird, dass ein Vertreter einer Kleinpartei einen grossen Tag erleben kann, die im Mehrheitswahlrecht kaum den Einzug ins Parlament geschafft hätte.

War das Gastspiel ein Schaulaufen für die Zuschauer? «Nein, es gab nicht mehr Voten als sonst und sie waren auch nicht giftiger», sagte Vizepräsident Kläy. «Es war eine ganz normale Sitzung.» Trotz vieler rhetorisch geschliffener Voten und engen Abstimmungen: Je länger die Sitzung dauerte, desto mehr Publikum verschob sich von der überhitzten Tribüne Richtung Bar.