"Urban Mining"
Kanton Zürich will Abfall noch mehr als Rohstoffquelle nutzen

In Kreisläufen denken und Wertstoffe, die in Abfällen enthalten sind, für neue Produkte wiederverwerten: Dieses "Urban Mining" will der Kanton Zürich bei der Abfallbewirtschaftung in den nächsten Jahren konsequent weiterentwickeln.

Anna E. Guhl
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Ein Auffangbehälter, welcher aus Trockenschlacken gewonnene Edelmetalle sammelt.
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Urban Mining Hinwil
Gerätschaften zur Gewinnung von Metallen aus Trockenschlacken, aufgenommen anlässlich der Medienorientierung "Metallrecycling aus Kehrichtschlacke"
Ein "Big Bag", welches aus Trockenschlacken gewonnene Edelmetalle enthält, aufgenommen anlässlich der Medienorientierung "Metallrecycling aus Kehrichtschlacke".
Förderbänder welche zur Beförderung von Trockenschlacken verwendet werden, aufgenommen anlässlich der Medienorientierung "Metallrecycling aus Kehrichtschlacke".
Feine Metallpartikel stehen in einem Glas zur Ansicht bereit, anlässlich der Medienorientierung "Metallrecycling aus Kehrichtschlacke"
Förderbaender welche zur Beförderung von Trockenschlacken verwendet werden, aufgenommen anlässlich der Medienorientierung "Metallrecycling aus Kehrichtschlacke"
Gerätschaften zur Gewinnung von Metallen aus Trockenschlacken, aufgenommen anlässlich der Medienorientierung "Metallrecycling aus Kehrichtschlacke"

Ein Auffangbehälter, welcher aus Trockenschlacken gewonnene Edelmetalle sammelt.

Keystone

Aus trockener Schlacke können Metalle und andere Bestandteile besser zur Wiederverwertung herausgeholt werden als aus nasser. Das zeigt eine Pilotanlage auf dem Areal der Kehrichtverwertungsanlage Zürcher Oberland in Hinwil. Jetzt wird daneben eine Grossanlage gebaut.

«Es kommt sehr darauf an, wie viele Abfälle wir rezyklieren können», gab der Zürcher Baudirektor, Regierungsrat Markus Kägi, gestern anlässlich einer Medienkonferenz in der Kehrichtverwertungsanlage Zürcher Oberland (Kezo) in Hinwil zu bedenken. Zu den Abfällen gehört auch die Kehrichtschlacke.

Schlacke ist das, was in einer Verbrennungsanlage übrig bleibt, wenn der Abfall verbrannt ist. Bis vor kurzem wurde sie, nachdem mit einem Magnet das Eisen herausgefischt worden war, auf einer Deponie entsorgt. Schlacke enthält indessen einen hohen Anteil an weiteren Metallen, die herausgeholt und mit ökonomischem und ökologischem Gewinn der Wiederverwertung zugeführt werden können. Allerdings ist die Rückgewinnung von Aluminium und anderen Metalle (zum Beispiel Kupfer, Messing, Zink, Silber oder Gold) technisch nicht so einfach, wie dies beim Eisen der Fall ist.

Ausserdem entwickelt Schlacke Staub, und der ist aus gesundheitlichen Gründen gefürchtet. Deshalb wird Schlacke in der Mehrheit der Kehrichtverwertungsanlagen mit Wasser versetzt. Das Resultat sind Klumpen von zementartiger Konsistenz, aus denen sich die Metalle nur unvollständig herauslösen lassen und die deshalb zum grössten Teil deponiert werden müssen.

Die Pioniere in Hinwil

In Hinwil begnügt man sich nicht mit der nassen Art der Schlackenbehandlung. Vielmehr läuft in der Kezo ein Pilotprojekt im sogenannten Urban Mining, was übersetzt «Städtischer Bergbau» heisst. Eine Pilotanlage, die gemäss der Zürcher Baudirektion weltweit einzigartig ist, beweist seit 2008, dass die Rückgewinnung selbst kleinster Metallteile aus der Kehrichtschlacke, falls sie trocken bleibt, auch ohne Staubentwicklung möglich ist.

An der Medienorientierung erläuterte Fabian Di Lorenzo von der Stiftung Zentrum für nachhaltige Ressourcennutzung die im Detail komplizierte Funktionsweise der Pilotanlage. Diese verarbeitet nur Feinschlacke, deren Körner nicht grösser als fünf Millimeter sind. Im Verarbeitungsprozess wird zuerst der Staub abgetrennt, das heisst Partikel, die kleiner sind als 0,2 Millimeter. Der Rest wird je nach Korngrösse aus technischen Gründen in zwei parallelen Verarbeitungslinien mechanisch aufbereitet. Das Resultat sind Metallkörner. Dieser Rohstoff wird in Säcke abgefüllt und an Metallverarbeitungsbetriebe verkauft. 90 Prozent des Metalls wird der Schlacke auf diese Weise entzogen.

Grossanlage im Bau

Gleich nebenan ist eine Gross-Recyclinganlage im Bau, die im Sommer ihren Betrieb aufnehmen wird und im Endausbau 200 000 Tonnen Trockenschlacke pro Jahr verarbeiten kann, und zwar mit Schlackenstücken bis zu 80 Millimeter. 20 Prozent davon, also 40 000 Tonnen Metall, können daraus wiedergewonnen werden. Der Rest muss vorderhand weiterhin deponiert werden. Mittelfristig haben sich die Betreiber und die Zürcher Baudirektion zum Ziel gesetzt, diesen Rest weiter zu bearbeiten und anschliessend der Bauindustrie zuzuführen. Für Kehrichtschlacke wäre dann kein Deponievolumen mehr nötig.

Die Schlackenaufbereitungsanlage wird von der Firma ZAV Recycling AG gebaut. Diese gehört zu gleichen Teilen vier Kehrichtverwertungsanlagen (KVA) im Kanton Zürich, darunter der Kezo, erklärte Verwaltungsrats-Vizepräsident Ueli Büchi. Die Kezo wurden als Standort für die Anlage ausgewählt, weil hier leere Gebäudeteile zur Verfügung standen.

Die Kezo produziert zurzeit etwa 35 000 Tonnen Schlacke pro Jahr aus Hauskehricht sowie Industrie- und Gewerbeabfällen. Diese lasten die neue Schlackenaufbereitungsanlage bei weitem nicht aus. Deren Dimensionen wurden so ausgelegt, dass sie auch die Schlacken aus anderen KVAs verarbeiten kann, allen voran aus denjenigen der ZAV Recycling AG-Betrieben. Diese liefern ihre Schlacke an und lagern sie bis zur Verarbeiten in den dafür gebauten Silos.
In der Schweiz gibt es im Wallis eine weitere Trockenschlacken-Verarbeitungsanlage. Sollen die zirka 700 000 Tonnen Schlacke, die in der Schweiz pro Jahr anfallen, nach dieser neuen Technologie verarbeitet werden, sind zwei oder drei weitere Anlagen wie die in Hinwil nötig.