Gegen 100'000 Menschen muslimischen Glaubens gibt es im Kanton Zürich, Tendenz steigend. Damit die Spitäler und Notfallorganisationen besser auf deren Bedürfnisse eingehen können, lanciert der Kanton nun ein Pilotprojekt für muslimische Spital- und Notfallseelsorge.

Ein Vorgängerprojekt war im Herbst 2015 eingestellt worden, da der Verdacht aufkam, dass eine der Teilnehmerinnen eine islamische Extremistin sei. Solches soll sich nun nicht wiederholen. Deshalb wird bei der Auswahl der Kandidatinnen und Kandidaten, die eine Ausbildung als Seelsorger anstreben, auch die Polizei einbezogen, wie Regierungsrätin Jacqueline Fehr (SP) gestern vor den Medien sagte. Zum Sicherheitscheck gehöre unter anderem ein Informationsbericht der Polizei mit Auskünften aus verschiedenen Datenbanken.

Zudem stelle eine Begleitkommission, bestehend aus Vertreterinnen und Vertretern des Kantons, der Vereinigung der Islamischen Organisationen in Zürich (Vioz) sowie der Landeskirchen sicher, dass zugelassene Seelsorgende sich regelmässig an Supervisionen beteiligen.

Ausbildung für zehn Personen

Mit dem auf zwei Jahre befristeten Pilotprojekt sollen rund zehn Personen als muslimische Seelsorger für Spitäler und Notfalldienste ausgebildet werden, wie Projektleiterin Deniz Yüksel von der kantonalen Direktion der Justiz und des Innern sagte. Sie absolvieren ihre Ausbildung an acht Kurstagen. Hinzu kommen rund 60 Praktikumsstunden in Spitälern, Heimen oder Gefängnissen. Ob die Seelsorger anschliessend fest in Spitälern oder bei Notfallorganisationen angestellt würden, sei noch offen. Fest stehe: «Reich wird man mit dieser Tätigkeit nicht.» Eine ideelle Motivation sei wohl Voraussetzung für diese Aufgabe.

Inhaltlich wird die Ausbildung für muslimische Spital- und Notfallseelsorge vom Schweizerischen Zentrum für Islam und Gesellschaft der Universität Freiburg gestaltet. Beratend wirken auch die beiden grossen Landeskirchen mit, die bereits langjährige Erfahrung in der Spitalseelsorge haben.

Erfahrung hat auch der Projektleiter der Trägerschaft, Muris Begovic, der lange als Imam in Schlieren arbeitete. Er ist seit Jahren als Spitalseelsorger in Zürcher Spitälern im Einsatz. Nun hat ihn der Kanton mit der Aufgabe betraut, das Pilotprojekt muslimische Spital- und Notfallseelsorge aufzubauen und zu organisieren. Begovic erhält dafür ein 80-Prozent-Pensum, ergänzend zu seinem 20-Prozent-Pensum im Vioz-Sekretariat.

Vioz soll Projekt längerfristig übernehmen

Für das auf den Zeitraum 2017 bis 2019 angelegte Pilotprojekt hat der Kanton bislang 325'000 Franken bewilligt. Damit sind die Jahre 2017 und 2018 abgedeckt, wie die Direktion der Justiz und des Innern in einer Mitteilung schreibt. 60'000 Franken trägt die islamische Dachorganisation Vioz bei, weitere 25'000 Franken kommen von der katholischen Landeskirche. Über die Finanzierung für das Projektjahr 2019 laufen noch Verhandlungen zwischen dem Kanton und der Vioz.

Interview mit Mahmoud El Guindi zum Projekt für muslimische Seelsorge im Kanton Zürich

Interview mit Mahmoud El Guindi, Präsident der Vereinigung der Islamischen Organisationen in Zürich

 

Erklärte Absicht ist, dass die Vioz das Projekt längerfristig übernimmt. Allerdings könnte dies laut Begovic finanziell schwierig werden. Anders als die beiden grossen Landeskirchen, die über Erträge in zweistelliger Millionenhöhe aus der Kirchensteuer verfügen, sind die finanziellen Mittel der Vioz bescheiden. Ändern könnte dies eine staatliche Anerkennung der muslimischen Glaubensgemeinschaft. Doch diese stehe in nächster Zukunft nicht in Aussicht, wie Vioz-Präsident Mahmoud El Guindi gestern auf Anfrage sagte. Allerdings fügte er an: «Wir hoffen, dass wir in ein paar Jahren Kandidat sein können.»

Premiere in der Zusammenarbeit

Fehr betonte derweil die Bedeutung des Seelsorge-Pilotprojekts: «Es ist das erste Mal, dass der Kanton und die Vioz auf diese Weise zusammenarbeiten.» Seelsorge sei in den Spitälern und in Notfallsituationen sehr gefragt, auch von Menschen, die sonst nicht besonders religiös seien. Dies gelte für Christen wie für Muslime. Für letztere bestehe aber weder in der Notfall- noch in der Spitalseelsorge ein genügendes Angebot. «Diese Lücke wollen wir schliessen», so Fehr.