Tagesschulen sind auf dem Vormarsch: Die Kantonsregierung hat ihre Förderung zu einem Legislaturziel erklärt, und in der Stadt Zürich startet diesen Sommer ein Pilotversuch zur dort bis 2025 angepeilten flächendeckenden Einführung. Im kantonalen Volksschulgesetz sind Tagesschulen bis jetzt allerdings nicht erwähnt. Das soll sich nun ändern: Der Regierungsrat hat gestern eine Gesetzesvorlage in die Vernehmlassung geschickt, die künftig den Rahmen für Tagesschulen im Kanton Zürich bilden soll. Demnach bleibt das Angebot und der Besuch von Tagesschulen auch in Zukunft freiwillig. Doch neu heisst es in der Vorlage explizit: «Die Gemeinden können Tagesschulen führen.» Zudem werden die Gemeinden gesetzlich verpflichtet, jährlich den Bedarf an Tagesstrukturen zu ermitteln und entsprechende Angebote zur Verfügung zu stellen.

Aktuell gibt es laut Volksschulamtschef Martin Wendelspiess kantonsweit 14 Tagesschulen – keine davon im Bezirk Dietikon. Doch Wendelspiess schätzt: «Wenn es ein flächendeckendes Angebot an Tagesschulen gäbe, würde es wohl schon bald rund die Hälfte der Schulkinder nutzen.» Die Nachfrage nach unterrichtsergänzenden Betreuungsangeboten steige Jahr für Jahr massiv an. 2013 besuchten 21 300 Kinder und Jugendliche während der obligatorischen Schulzeit solche Angebote – also jedes siebte bis achte Kind.

Dass die Nachfrage bei steigendem Angebot deutlich zunimmt, zeigt das Beispiel der Stadt Zürich: Dort wurden in den fünf Schulhäusern, die diesen Sommer versuchsweise auf Tagesschulbetrieb umstellen, nur eine Minderheit der Kinder von ihren Eltern von der Tagesschule abgemeldet: «Am 15. April lag die Abmeldequote auf der Primarschulstufe bei rund 7 Prozent und auf der Sekstufe bei rund 27 Prozent», wie die Stadtzürcher Schulamtssprecherin Regina Kesselring gestern auf Anfrage mitteilte.

Stadt-Land-Konflikt?

Während der Stadtzürcher Schulvorsteher Gerold Lauber (CVP) eine flächendeckende Einführung von Tagesschulen bis 2025 anstrebt, sieht Bildungsdirektorin Silvia Steiner (CVP) für den Kanton kein flächendeckendes Angebot vor: Es bleibt demnach Sache der Gemeinden, wie weit sie auf Tagesschulen setzen. Zudem heisst es in der Gesetzesvorlage ausdrücklich: «Der Besuch der Tagesstrukturen ist freiwillig.» Zeichnet sich damit ein Konflikt zwischen dem Stadtzürcher und dem für den Kanton geplanten Modell ab? Nicht zwingend, erklärt Wendelspiess: «Die Stadt kann flächendeckend Tagesschulen anbieten. Aber Eltern, die dieses Angebot nicht nutzen wollen, könnten ihre Kinder nur in den schulischen Teil der Tagesschulen schicken», so der kantonale Volksschulamtschef. «Organisatorisch wäre das machbar. Doch es entspräche nicht ganz der Idee von Tagesschulen.»

Diese Idee ist in der regierungsrätlichen Gesetzesvorlage wie folgt formuliert: «Tagesschulen sind Schulen mit Betreuungsangeboten an mehreren ganzen Tagen pro Woche. Sie verbinden Unterricht und Betreuung durch organisatorische, personelle und räumliche Massnahmen.»
Grundsätzlich sollten Tagesschulen gemäss Wendelspiess Betreuungsangebote von morgens 7.30 bis abends 18 Uhr unter dem gleichen Dach bieten. Diese wären für Eltern kostenpflichtig. Die Tarife bei den heute bestehenden Angeboten liegen vielerorts um die 50 Franken pro Schultag mit umfassender Betreuung. Allerdings gäbe es laut Wendelspiess auch künftig, wie bei Horten und Kindertagesstätten, je nach finanzieller Situation der Eltern Sozialtarife. Die genaue Ausgestaltung der Angebote sei Gemeindesache. Der Kanton wolle den Gemeinden aber Unterstützung bieten, «damit die 220 Schulpflegen im Kanton nicht alles selber erfinden müssen», so Wendelspiess. Die regierungsrätliche Gesetzesvorlage räumt den Gemeinden das Recht ein, den Besuch einzelner Betreuungsangebote der Tagesschule für obligatorisch zu erklären, wenn in der Gemeinde gleichzeitig eine Schule mit frei wählbaren Betreuungsangeboten zur Verfügung steht. Zur Vernehmlassung sind Parteien, Gemeinden und Verbände eingeladen. Sie dauert bis 15. Juli.