Zürich
Kampf um Vornoten: Weshalb Privatschulen den Kanton Zürich vor das Bundesgericht ziehen

Der Kanton Zürich wollte die Aufnahmebestimmungen für die Mittelschulen harmonisieren. Das dürfte noch länger nicht klappen. Um die Verordnung ist ein Rechtsstreit entbrannt.

Conradin Knabenhans
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Privatschulen halten die Kanti-Aufnahmeprüfung für ungerecht. (Symbolbild)

Privatschulen halten die Kanti-Aufnahmeprüfung für ungerecht. (Symbolbild)

KEYSTONE

Wer an ein Gymnasium will, muss die Gymiprüfung bestehen. So weit, so gut. Welche Noten für diese Prüfung allerdings zählen, das ist zum juristischen Zankapfel zwischen der Zürcher Regierung und dem Verband der Zürcher Privatschulen (VZP) geworden. Die Verbandsmitglieder sind pro­minent: mehrere International Schools, diverse kirchliche Schulen und Rudolf-Steiner- Schulen.

Der Kanton Zürich hatte sich im vergangenen Jahr zum Ziel gesetzt, die Aufnahmekriterien an die Zürcher Gymnasien und Fachmittelschulen zu vereinheitlichen und etwa auf eine Prüfung in Französisch oder Englisch auf gewissen Stufen zu verzichten. Alle Auf­nahmeprüfungen umfassen zukünftig Deutsch und Mathematik, die Vornoten werden angerechnet und zählen je zur Hälfte. Für den Eintritt ans Kurz- oder Langgymnasium etwa ist ein Schnitt von 4,75 erforderlich.

Die strittige Ausnahme betrifft die Privatschulen: Wer dort die Primar- oder Sekundarschule besucht hat, dem werden keine Vornoten angerechnet. Dafür benötigen diese Schüler an der Prüfung nur die Note 4,5. «Das ist mit dem Grundsatz der Rechtsgleichheit nicht vereinbar», heisst es beim VZP auf Anfrage. Der Verband und ein Elternpaar haben deshalb Beschwerde gegen die neuen Regelungen eingereicht.

Warum wehren sich Privatschulen überhaupt, wenn ihre Schüler an der Prüfung doch eine schlechtere Note erreichen dürfen? Während Schüler der Volksschule ihre schlechte Tagesform an der Gymiprüfung mit überdurchschnittlich guten Vornoten kompensieren können, ist das bei den Privatschülern nicht möglich.

Vor dem Verwaltungsgericht argumentierte der VZP aber auch grundsätzlich. Der Verband stört sich daran, dass im Aufnahmeverfahren zwischen öffentlichen und privaten Schulen unterschieden wird. Privatschulen seien «bereits aufgrund ihres Geschäftsmodells an einer korrekten Notengebung interessiert, weil Schüler mit einer zu positiven Bewertung später in der Mittelschule scheitern dürften». Dies würde von den Eltern als Fehler der jeweiligen Schule betrachtet.

Das Verwaltungsgericht erinnert hingegen an viele Freiheiten, die Privatschulen in inhaltlicher, pädagogischer oder weltanschaulicher Art hätten: Nur weil die privaten Schulen selbst an einer korrekten Notengebung interessiert seien, ergebe sich noch keine Garantie für die Vergleichbarkeit. Die Aufsicht der privaten Schulen erreiche zudem die «Dichte der Qualitätssicherung» der öffentlichen Schulen nicht.

Richter sind sich uneins

Das Gericht argumentiert zudem, die Gymiprüfung sei eine strenge Selektion. Die Berücksichtigung der Erfahrungsnote wirke sich in gewisser Weise auch zu ungunsten der Volksschüler aus. Wer eine tiefere Erfahrungsnote mitbringt, muss eine umso bessere Prüfungsleistung bringen. Das Gericht lehnte die Beschwerde – wie übrigens bereits einen konkreten Fall mit dieser Thematik – ab.

Eine Minderheit des fünfköpfigen Richtergremiums sah das – wiederum wie beim früheren konkreten Fall – anders. Man könne eben nicht, wie die Mehrheit des Gerichts, einzelne Schüler der Volksschule mit der gesamten Gruppe der Privatschüler vergleichen. Im Schnitt liege die Vornote im Mittel der Jahre 2009 bis 2019 nämlich bei 5,29. Damit muss an der Gymiprüfung nur eine Note von 4,25 erreicht werden, die Privatschüler wären mit 4,5 schlechtergestellt.

Per se die Schwelle für Privatschüler aber tiefer anzusetzen, ist auch für die Minderheit des Gerichts keine optimale Lösung. Vielmehr hätte man gerne an den Kanton appelliert, eine bessere Lösung für die Prüfungsbewertung auszuarbeiten. Das Thema bleibt vorerst Juristenfutter. Der Verband der Zürcher Privatschulen ist wegen des Urteils an das Bundesgericht gelangt, wie er auf Anfrage bestätigt. Über die genauen Gründe des Weiterzugs schweigt sich die Medienstelle des VZP aus: «Da es sich um ein laufendes Verfahren handelt, machen wir diesbezüglich keine weiteren Angaben.»

Weitere Verzögerung absehbar

Beim Kanton Zürich hat man noch keine Kenntnis vom Weiterzug, wie Niklaus Schatzmann, Leiter des Mittelschul- und Berufsbildungsamtes, auf Anfrage sagt. Die Beschwerde beim Bundesgericht dürfte aber die Harmonisierung der Prüfungsregeln weiter verzögern. Schon für das neue Schuljahr musste im März noch mit den alten Regeln und Fächern geprüft werden.