Schweinemedizin
Kampf gegen Atemwegserkrankungen: «Besser die Ställe sauber putzen, als Antibiotika geben»

Xaver Sidler hat nicht erst am Zürcher Tierspital viel für die Schweizer Schweine getan.

Matthias Scharrer
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Schweineforscher Xaver Sidler trug dazu bei, dass Lungenentzündungen bei Schweizer Schweinen nur noch selten vorkommen.

Schweineforscher Xaver Sidler trug dazu bei, dass Lungenentzündungen bei Schweizer Schweinen nur noch selten vorkommen.

Matthias Scharrer

Wer jetzt in der Grillsaison saftige Schweinskoteletts kauft, macht sich in der Regel nicht gross Gedanken, was für ein Schweineleben dahinterstecken mag. Dabei hat sich die Gesundheit der Schweine in der Schweiz in einem zentralen Punkt in den letzten Jahren massiv verbessert: Atemwegserkrankungen, die weltweit mit Abstand häufigsten Krankheiten bei Schweinen, sind hierzulande weitgehend ausgerottet. Das ergab eine Studie, die Xaver Sidler, Professor und Leiter der Abteilung Schweinemedizin am Zürcher Tierspital, kürzlich veröffentlicht hat.

Mit seinem Forscherteam untersuchte er getötete Schweine in den Schlachthöfen Zürich, Hinwil, Bazenheid (SG) und Sursee (LU), um so an Forschungsmaterial zu kommen, das einen Grossteil der Schweizer Schweinepopulation repräsentiert. Insgesamt 34 706 Schlachtschweine wurden untersucht. Frühmorgens standen zwei Forscherinnen jeweils in den Schlachthöfen. Auf erste Abklärungen vor Ort folgten Laboruntersuchungen.

Resultat: Über 90 Prozent der Tiere wiesen keine krankhaften Veränderungen der Lunge mehr auf. Bis im Jahr 2004 war das noch ganz anders gewesen: Damals hatte fast die Hälfte aller Schweine solche Schäden, die vor allem auf die Enzootische Pneumonie (EP), eine für Schweine typische Lungenentzündung, zurückzuführen sind.

Hinter diesem Wandel steckt eines der grössten Seuchenbekämpfungsprogramme, das die Schweizer Landwirtschaft erlebt hat. Geistiger Vater war Sidlers Vorgänger am Tierspital, der Zürcher Tiermedizin-Professor Hermann Keller. War man zuvor davon ausgegangen, dass Atemwegserkrankungen bei Schweinen höchstens über eine Distanz von eineinhalb Metern übertragen werden, setzte sich nun die Erkenntnis durch, dass die Reichweite der über die Luft verbreiteten Krankheitserreger rund 15 Kilometer beträgt. In der Folge lancierte der Bund von 1996 bis 2004 ein flächendeckendes Seuchenbekämpfungsprogramm.

Die beteiligten Schweinehalter mussten regionenweise während zweier Wochen gleichzeitig alle unter neun Monate alten Schweine aus ihren Betrieben entfernen. Die älteren Tiere konnten die Krankheit im Gegensatz zu den jüngeren von Natur aus auskurieren. Teils wurden die evakuierten Tiere in andere Kantone umgesiedelt, teils geschlachtet. Während die Schweine weg waren, wurden die Ställe desinfiziert.

«Wir sind europaweit nahezu das einzige Land, das das Problem der Atemwegserkrankungen bei Schweinen im Griff hat.»

Xaver Sidler, Professor am Tierspital Zürich

Sidler war damals als Tierarzt am Pilotprojekt, das 1996 stattfand, beteiligt. Die Bauern seien nach einer intensiven Aufklärungskampagne sehr kooperativ gewesen, sagt er rückblickend. Sie wussten: Die Atemwegserkrankungen hatten sie bis anhin viel Geld gekostet. Laut einer Studie aus den frühen 1980er-Jahren verlor die Schweizer Landwirtschaft dadurch jährlich 60 Millionen Franken.

Nachdem sich Bauernsohn Sidler seine Sporen als junger Tierarzt auf dem Land in seiner Luzerner Heimat abverdient hatte, wechselte er in die Forschung am Zürcher Tierspital. Nun wollte er genauer wissen, was die gross angelegte Bekämpfung der Atemwegserkrankungen gebracht hatte.

Bio-Schweine sind gesünder

Neben der weitgehenden Ausrottung des EP-Erregers ergab seine Forschungsarbeit weitere aufschlussreiche Erkenntnisse: So zeigte sich, dass Tiere, die genug Auslauf unter freiem Himmel hatten und deren Fleisch unter Labels wie Naturafarm, Terra Suisse oder Bio Suisse verkauft wird, weniger anfällig auf Atemwegserkrankungen sind. Ihre Abwehrkräfte seien stärker, da sie Wind und Wetter ausgesetzt seien, erklärt Sidler. Auch erwies sich das Krankheitsrisiko in Ställen, die nicht richtig geputzt wurden, mit am höchsten. Weitaus weniger Einfluss auf die Gesundheit der Schweine hatte das Verabreichen von Antibiotika.

«Besser die Ställe sauber putzen, als Antibiotika geben», lautet ein Fazit des Schweineforschers. Ein weiteres: «Wir sind europaweit nahezu das einzige Land, das das Problem der Atemwegserkrankungen bei Schweinen im Griff hat, nebst Norwegen.» Andere Länder würden statt auf Flächensanierungen, wie sie in der Schweiz von 1996 bis 2004 durchgeführt wurden, aufs Impfen setzen.

Doch wie nachhaltig sind die Flächensanierungen? Bis jetzt offenbar sehr. Sidler verweist auf Zahlenreihen, die bis in die Gegenwart reichen. Demnach blieb die Anzahl infizierter Betriebe nach Abschluss der Sanierungsarbeiten von 2004 bis heute tief. 2016 lag sie bei null, im laufenden Jahr waren es bisher drei. Wichtig sei dabei das Verbot, lebendige Schweine in die Schweiz zu importieren. Dass es trotzdem noch zu Erkrankungen kommt, hat laut Sidler vor allem zwei Gründe: «Wildschweine sind nicht kontrollierbar.» Auch könnten Menschen, die ohne die Kleider zu wechseln in einen Stall gehen, Krankheitserreger übertragen.

Beim Rundgang durch die Ställe des Tierspitals kommt Sidler auf ein nächstes Projekt zu sprechen, an dem er gerade arbeitet: Die Bekämpfung von Durchfallerkrankungen. Das sei jetzt, nach dem weitgehenden Aus für die Atemwegserkrankungen, die häufigste Schweinekrankheit in der Schweiz.