Trockene Luft
Kalte Zürcher Tonhalle beschädigt Instrumente

Zürichs Top-Konzertsaal, die Tonhalle, ist für frostige Tage schlecht ausgerüstet. Ein Cellist bemerkte einen Riss in der Decke seines Instrumentes. Fakt ist: Die Klimaanlage der Tonhalle ist nicht auf dem akustischen Niveau des Saals.

Matthias Scharrer
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Wenns draussen frostig ist, wird die Luft in der Tonhalle zu trocken.key

Wenns draussen frostig ist, wird die Luft in der Tonhalle zu trocken.key

Es ist der Albtraum jedes Musikers: Extreme Witterungsbedingungen können schwere Schäden an Instrumenten hervorrufen. So geschehen letzte Woche in Zürich – und zwar nicht bei irgendwelchen Strassenmusikern, sondern in der Tonhalle, dem Top-Konzertsaal für klassische Musik in der Limmatstadt. Das Tonhalle-Orchester war gerade mit CD-Aufnahmen der Schubert-Sinfonien beschäftigt, als ein Cellist einen Riss in der Decke seines Instruments bemerkte.

Der Grund: Die Luft in der Tonhalle war viel zu trocken. Ein Orchestervorstandsmitglied forderte vom Tonhalle-Intendanten dringend Massnahmen. Denn die Schäden können massiv ins Geld gehen: Ein «normales» Cello, wie es auf dem Niveau des Tonhalle-Orchesters verwendet wird, kostet gut und gerne 200000 Franken. Und der nächste Schadensfall könnte auch eine millionenteure Stradivari-Geige sein.

Heizung, Lüftung, Feuchtigkeit

«Wir haben schon lange Probleme mit der Luftfeuchtigkeit», erklärt Tonhalle-Intendant Elmar Weingarten auf Anfrage. In der jüngsten Kälteperiode verschärfte sich das Problem. Mit der normalen Heizung sank die Temperatur bei den Proben laut Weingarten auf 17 Grad Celsius ab. «Wir baten unseren Vermieter, die Heizung voll aufzudrehen. So stieg die Temperatur auf 21 Grad. Das gelang aber nur, weil gleichzeitig die Frischluftzufuhr ausgeschaltet wurde.» Als Folge davon sei die Luftfeuchtigkeit zeitweise unter 20 Prozent gesunken. Gut wären gemäss Weingarten 40 Prozent.

«Als das erste Cello Risse aufwies, versuchten wir, kurzfristig Luftbefeuchter zu bestellen. Sie waren aber alle schon vermietet», so der Tonhalle-Intendant weiter. Nun setze er sich beim Vermieter, der Zürcher Kongresshaus-Stiftung, dafür ein, dass bis zur geplanten Renovation der Tonhalle als Zwischenlösung ein grosses Luftbefeuchtungs-Gerät angeschafft werde.

Klimaanlage gnügt nicht

Das Problem mit der Luftfeuchtigkeit bereite dem Tonhalle-Orchester grosse Schwierigkeiten. Zwar gebe es einen Feuchtigkeits-Raum, in dem die Instrumente gelagert werden können. Doch wenn sie von dort in den viel zu trockenen Konzertsaal kämen, sei die Gefahr umso grösser. Bei der letzten Kältewelle seien zwei Celli zu Schaden gekommen. Weingartens Fazit: «Die Klimaanlage der Tonhalle ist nicht auf dem akustischen Niveau des Saals.»

Das soll sich mit der geplanten Renovation von Tonhalle und dem angrenzenden Kongresshaus im Jahr 2014 ändern. Dann soll das 1895 eröffnete Konzertgebäude, das unter Dirigenten für seine hervorragende Akustik bekannt ist, auch klimatechnisch auf den neusten Stand gebracht werden. Das letzte Wort über die Renovation werden die Stadtzürcher Stimmberechtigten haben, voraussichtlich im November 2013.

Ursprünglich war die Abstimmung für Frühling 2012 vorgesehen. Eine Beschwerde verzögerte das Projekt jedoch. Das Zürcher Planungsbüro Itten & Brechbühl hatte rekurriert, weil die Stadt Zürich für die Generalplanung der Renovation des Kongresshauses und der Tonhalle mit dem Büro Boesch/Conzett/Diener den teuersten Anbieter auswählte. Vergangenen Herbst wies das Verwaltungsgericht die Beschwerde ab. Die Gesamtkosten für das Projekt sind auf 55 Millionen Franken veranschlagt, zulasten der Stadt.

Tonhalle-Orchester wird heimatlos

Doch nicht nur finanziell wird die Renovation eine Herausforderung: Das Tonhalle-Orchester verliert damit für ein Jahr seine angestammte Spielstätte. Die Suche nach Alternativen läuft bereits. Ideal wäre laut Weingarten das Theater 11 in Zürich Oerlikon, gleich neben dem Hallenstadion. Auch Konzerte im Luzerner Kultur- und Kongresszentrum sind vorgesehen. «Ich spiele ausserdem mit dem Gedanken, in kleinere Säle zu gehen, auch im Umland von Zürich», sagt Weingarten, der gestern seinen siebzigsten Geburtstag feierte.

Zudem plane er, während der Umbauphase Zürichs Kirchen zu bespielen, etwa das Fraumünster oder die Sankt-Peter-Kirche. Auch Auftritte im Grossmünster sind laut Weingarten denkbar. All das ist indes noch Zukunftsmusik. Vorerst gilt es, die Tonhalle bespielbar zu halten. Denn der nächste Frost kommt bestimmt.