Kalkbreite ZH
Kalkbreite: Neue Siedlung vereinigt Wohnen, Kultur und Arbeit

Weshalb es in der neuen Wohn- und Gewerbesiedlung im Zürcher Kreis 4 nur maximal acht Katzen und keine Parkplätze gibt und der Mensch nicht mehr als 35 Quadratmeter Wohnfläche nutzen darf.

Oliver Graf
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Kalkbreite von A bis Z
8 Bilder
Die autofreie Siedlung ist auf die 2000-Watt-Gesellschaft ausgerichtet.
Sie umfasst neue Wohnformen, Gross-WGs, Cluster nebst konventionellen Wohnungen.
Ein Kino, Läden und ein Restaurant gehören zur neuen Siedlung.
Eröffnung der neuen Siedlung ist am 23.8.2014.
Natur und Architektur im Einklang.
Auch für Bienen wurde Lebensraum geschaffen.
Das Klingelschild zeigt die Siedlung im Querschnitt.

Kalkbreite von A bis Z

Matthias Scharrer

Anlaufstelle: Die Drehscheibe in der Eingangshalle bildet eine Art Rezeption, an der «DJs», also die angestellten «Desk-Jockeys», arbeiten. Diese bilden, wie auch der «Walter vom Desk» (der Verwalter des Genossenschaftsbaus), die Anlaufstelle für Fragen und Beratungen und stellen auch die Vermietungen der Gemeinschaftsräume sicher.

Büros: In der dritten Etage befindet sich ein Gemeinschaftsbüro mit bis zu zehn Arbeitsplätzen. Diese können hinzugemietet werden. Damit können Mieter in ihren Wohnungen auf die oft nur sporadisch genutzten Heimbüros verzichten. Der Raumbedarf des Einzelnen soll so sinken.

Cluster: Auf drei Etagen gibt es sogenannte Cluster-Wohnungen — eine Art Wohngemeinschaft mit zusätzlicher Privatsphäre. Die Zimmer sind mit Bad und Küche ausgestattet und bieten gegenüber einem WG-Zimmer mehr Rückzugsmöglichkeiten. Ein Gemeinschaftsraum mit Balkon wird geteilt, im Cluster 1 beispielsweise von neun Zimmerbewohnern.

Diskussion: Im markanten Wohn- und Gewerbebau in der Kalkbreite wird gemeinsam gelebt, wie in den verschiedenen neuen Wohnformen zum Ausdruck kommt. So gibt es den monatlich tagenden «Gemeinrat». Das allen Mietern und Beschäftigten offenstehende Gremium berät über Fragen des Zusammenlebens und des Innen- und Aussenraums.

Eröffnung: Der Neubau wird am kommenden Wochenende offiziell eingeweiht. Am Samstag stehen – neben anderen Programmpunkten – die Türen von Mietern und dem Gewerbe von 12 bis 18 Uhr offen.

Flexible Mieten: Die Wohnungsmieten sind unterschiedlich ausgestaltet worden. So gibt es etwa wie üblich Etagenzuschläge wegen der steigenden Licht- und Sichtqualität. Damit die angestrebte soziale Durchmischung erreicht wird, gibt es weitere Abstufungen je nach Grösse, Qualität und Ausrichtung der Räume. Eine Dreizimmerwohnung (etwa 60 Quadratmeter) kostet 1500 bis 1700 Franken, eine Eineinhalbzimmerwohnung in einem Cluster um 1000 Franken.

Grosshaushalt: Dies ist eine weitere besondere Wohnform, die die Genossenschaft anbietet. Die Bewohner von über 20 verschiedenen Wohnungen bilden einen Verein und betreiben – mit einem angestellten Koch – eine gemeinsame Küche. Am Abend können die Bewohner der Ein- bis Neuneinhalbzimmer-Wohnungen gemeinsam essen, sie müssen aber nicht.

Hotel: In der Blockrandbebauung finden sich auch elf kleine, einfach eingerichtete Gästezimmer. Gedacht sind die Räume des «Garni Rosa» nicht nur für Touristen oder Geschäftsreisende, sondern insbesondere auch für Besucher der Mieter. Diese können so auf selten genutzte zusätzliche Gästezimmer verzichten. Der Raumbedarf des Einzelnen soll so sinken.

Innenhof: Auf Höhe der zweiten Etage, erreichbar über eine leicht verwinkelte Treppe, befindet sich ein 2500 Quadratmeter grosser Platz. Dieser ruhige Innenhof, der über dem Tramdepot liegt, ist öffentlich zugänglich. Bewohner und Quartierbewohner, so die Idee, sollen sich hier begegnen. Die weiteren Treppen führen in den halb- und privaten Bereich der Überbauung, was unkundige Besucher indes nicht bemerken können. Über eine allfällige Beschilderung wird derzeit diskutiert, wobei Verbotsschilder in der offenen Genossenschaft verpönt sind.

Joker: In der Kalkbreite gibt es neun «Wohnjoker». Diese separaten Zimmer mit Dusche und WC lassen sich zu einer Wohnung hinzumieten. Sie sorgen für eine gewisse räumliche Flexibilität – etwa um Jugendliche auf ihre Selbstständigkeit vorzubereiten oder um die Grossmutter vorübergehend bei sich aufzunehmen.

Kalkbreite: Das Areal ist 6650 Quadratmeter gross. Es gehört der Stadt Zürich, die es der jungen Genossenschaft Kalkbreite im Baurecht abgetreten hat. Das Grundstück wird seit 1860 als Tramabstellanlage genutzt. Seit 1975 wurde in politischen Vorstössen gefordert, dass an dieser zentralen Stelle ein Wohnungsbau realisiert wird.

Limitierte Wohnfläche: Die Genossenschaft legt grossen Wert auf ökologische Nachhaltigkeit. «Es gilt die Ressource Raum zu schonen und das Gebäude so dicht als möglich zu nutzen», heisst es im Vermietungsreglement. Pro Person soll deshalb – inklusive der Gemeinschaftsfläche – nicht mehr als durchschnittlich 35 Quadratmeter Wohnfläche beansprucht werden. Der Schweizer Durchschnitt liegt bei 50 Quadratmetern.

Minergie: Angesichts der Ausrichtung der Genossenschaft Kalkbreite erstaunt es natürlich auch nicht, dass nach Minergie-P-Eco-Standard gebaut wurde und den Zielen der 2000-Watt-Gesellschaft nachgekommen werden soll.

Nutzungsmix: Nicht nur bei den Wohnungsmietern, sondern auch bei den Gewerbetreibenden wurde ein «bunter Mix» angestrebt. Deshalb sind unterschiedliche Flächen erstellt worden (von 25 bis 520 Quadratmetern). Angesiedelt haben sich nun ein Kino und die Greenpeace-Organisation sowie verschiedene Läden und Gastrobetriebe.

Obligate Beteiligung: Wie bei Genossenschaften üblich, müssen sich Mieter mit Anteilscheinen beteiligen. Bei einer Viereinhalbzimmer-Wohnung kosten diese rund 30 000 Franken. Um trotz dieser erforderlichen Investition die angestrebte Durchmischung zu erreichen, wird von allen Mietern ein Solidaritätsfonds geäufnet, der bei Engpässen aushelfen kann.

Parkplätze: Zur ökologischen Nachhaltigkeit gehört auch der Umstand, dass die Mieterinnen und Mieter vertraglich zusichern müssen, dass sie kein eigenes Auto besitzen und verwenden. Parkplätze gibt es deshalb keine, ausser für Velos und Kinderwagen.

Quorum: Die Genossenschaft strebt eine soziale Durchmischung in ihrer Überbauung an. Auf spezielle Quoten verzichtet sie dabei, der Mix (Alter, Haushaltsformen, Einkommen) soll sich durch die verschiedenen angebotenen Wohnungstypen ergeben. Eine Kommission überwacht, ob dies ausreicht.

Rue Intérieure: Durch das Gebäude führt eine «interne Strasse», sie beginnt in der Halle bei der Drehscheibe und führt bis zu den Dachgärten. Sie gilt als «Treff-, Austausch- und Aufenthaltsort für alle» und wird als «Hauptschlagader des Lebens im Haus» bezeichnet.

Sauna: Trotz Vorschriften (maximal 35 Quadratmeter! kein Auto!) kommt der Luxus nicht zu kurz. So gibt es unter anderem auch eine Sauna, die von den Mietern buchbar ist.

Tiere: In der Überbauung sind Haustiere erlaubt, allerdings nur begrenzt. Das Haustierreglement sieht für die ganze Überbauung maximal vier Hunde vor (Ferienhunde sind aber zusätzlich während sechs Wochen im Jahr erlaubt). Und im Freien herumlaufende Katzen sind insgesamt maximal acht zugelassen. Sollte sich eine davon als Problemkatze erweisen, kann gemäss Vorschrift deren «Auslaufzeit reglementiert werden».

Umzugszwang: Werden die geforderten Belegungsvorgaben während mehr als vier Monaten nicht eingehalten, wird ein Mietzuschlag fällig. Nach spätestens zwei Jahren Unterbelegung müssen Mieter ihre Wohnung verlassen.

Vision: Von «einem neuen Stück Stadt» sprechen die Verantwortlichen der Genossenschaft. Die Kalkbreite soll sich zum «lebendigen Zentrum im Quartier entwickeln». In der neuen Überbauung miete Raum, «wer an einem Zusammenleben und Zusammenarbeiten mit Austausch interessiert ist».

Waschsalon: Ein solcher Austausch kann sich beispielsweise auch im Waschsalon ergeben. Zwölf Waschmaschinen und Trockner stehen hier, die ohne Waschplan (auch um 2 Uhr in der Früh!) mit einer Prepaid-Karte genutzt werden können.

X-verschiedene Wohnformen: Vom Cluster über den Wohnjoker bis zur «normalen» Wohnung – in der Kalkbreite sind knapp 90 Wohnungen für 230 Personen erstellt worden.

Yoga: In der Kalkbreite gibt es für die Mieter auch sieben «Flex»-Räume. Diese können stunden- oder tageweise gebucht werden für Yoga- und andere Kurse sowie Seminare oder Schachturniere und Diaabende.

Zukunft: Die 2007 gegründete Genossenschaft Kalkbreite hat bereits ihr nächstes Grossprojekt in Angriff genommen. Sie hat den Zuschlag für das Areal «Zollhaus» in der Nähe des Hauptbahnhofs erhalten. Bis zum Jahr 2020 will sie dort einen Neubau mit rund 70 preisgünstigen Wohnungen und 3000 Quadratmeter Gewerbefläche realisieren.