Der Rucksack ist gepackt, der Flug gebucht, die Eltern vor vollendete Tatsachen gestellt. Es gibt kein Zurück. Anil Akman ist nervös. Die 22-Jährige strahlt trotzdem. 

Am Mittwoch um 13 Uhr hat sie ihre gemütliche Wohnung, die sie sich mit ihrer Schwester und ihren Eltern in Zürich Wiedikon teilt, verlassen, und ist nach Istanbul abgereist. Von dort aus gehts weiter mit dem Auto in Richtung Osten. Zuerst nach Batman – wo die türkische Polizei erst letzte Woche mit Tränengas und Wasserwerfern gegen prokurdische Demonstranten vorging –  weiter über die Kurden-Hauptstadt Diyarbakir – wo küzlich drei deutsche Journalisten verhaftet wurden – bis nach Suruç, direkt an der syrischen Grenze, einen Steinwurf von der heftig umkämpften Stadt Kobane entfernt. 

Am Dienstag zählte Anil Akman an ihrem Küchentisch auf, was noch alles zu erledigen ist: «Blog erstellen, Gespräche führen, Kontakte knüpfen, Verbandszeug und Desinfektionsmittel sammeln, alles einpacken.»

Ihr Entschluss steht fest: «Ich will den Menschen zeigen, was in Kobane passiert», sagt die 22-jährige Tochter einer Kurdin und eines Abchasen, aufgewachsen in der Schweiz, mit erfolgreichem KV-Abschluss und Tattoos an den Armen. Akman folgt einem inneren Drang: «Die Kurden setzen ihr Leben aufs Spiel und niemand hilft ihnen», sagt sie.

Wenn Anil Akman über Politik spricht, gestikuliert sie wild und ihre Augen flackern leidenschaftlich: «Ich will vor allem jungen Menschen zeigen, dass Politik auch sie etwas angeht», sagt sie. Werden tatsächlich IS-Anhänger in türkischen Spitälern verarztet? Lässt die Türkei noch Kurden aus Kobane flüchten? Wie geht es den Flüchtlingen? Anil will antworten auf diese Fragen und wenn sie sie findet, wird sie sie auf ihrem Blog «My Point Of View – Aus meiner Sicht» veröffentlichen. 

In der Zwischenzeit versucht sie noch möglichst viele Gesprächstermine zu fixen: Kurdische Militärverweigerer, Flüchtlinge in der Türkei und vielleicht sogar kurdische Politiker will sie treffen. Rund drei Wochen will Anil bleiben. 

Anil Akman ist ein lebendiges Anti-Beispiel der angeblich apolitischen und egozentrischen Generation Y. In ihrer Familie war Politik schon immer ein Thema. Sie kennt die Geschichten ihrer Mutter, der es damals in der Türkei verboten wurde kurdisch zu sprechen. Und auch die ihres Vaters aus der Autonomen Republik Abachasien, die noch heute für ihre Unabhängigkeit von Georgien kämpft. So wurde es für Anil normal am Samstag zu shoppen oder auszugehen und am Sonntag eine Demonstration zu besuchen. 

Ob sie etwas naiv sei? «Schon möglich», sagt Anil. «Ich weiss, dass ich nicht viel helfen kann. Aber ich kann die Aufmerksamkeit der Menschen auf die Kurden richten», sagt sie. Auch vor einer Strafuntersuchung bei ihrer Rückkehr in die Schweiz in drei Wochen hat sie keine Angst: «Ich gehe ja nicht, um zu kämpfen», sagt sie. Militärische Handlungen in einem fremden Land sind für Schweizer verboten. 

Was auf sie zu kommt und wie sie damit umgehen wird, wo sie die nächsten Tage schlafen und wer sie alles treffen wird, weiss die 22-Jährige noch nicht so genau. Sicher weiss sie nur: «Ich muss das jetzt probieren.»

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