Waffen

Junge Männer stehen auf Waffen — Verstösse gegen das Waffengesetz nehmen wieder zu

Obwohl viele Jugendliche Waffen besitzen, kommen sie nur selten zum Einsatz.

Obwohl viele Jugendliche Waffen besitzen, kommen sie nur selten zum Einsatz.

Die Zahl der Jugendlichen steigt, die wegen Verstössen gegen das Waffengesetz verzeigt werden. Für viele Junge seien Waffen aber vor allem ein Männlichkeits- und Statussymbol.

Kaum ein Wochenende vergeht, ohne dass die Polizei wegen Schlägereien ausrücken muss, die sich im Ausgang ereignen. Unter Minderjährigen wird meist mit Fäusten und unter Einsatz des Körpers gekämpft. Aber manchmal kommen auch Waffen zum Einsatz. Dann wird es sofort brenzlig, weil bei den Rangeleien auf der Gasse zusätzlich auch fast immer Alkohol im Spiel ist. 

Bei Minderjährigen ist die Rechtslage sonnenklar. Waffen sind für sie tabu. Sie dürfen sie weder erwerben, besitzen noch auf sich tragen. Die Einfuhr ins Land ist ihnen ebenso verboten wie das blosse Aufbewahren. Trotzdem nehmen die Verstösse gegen das Waffengesetz neuerdings wieder zu. Das zeigen die Zahlen, welche die Oberjugendanwaltschaft an einem Mediengespräch vorgelegt hat.

Neuer Höchststand für 2019 erwartet

Letztes Jahr waren es nur noch 154 Jugendliche, die wegen eines Verstosses gegen das Waffengesetz verzeigt wurden – der tiefste Stand seit 2015. Dieses Jahr haben die Verzeigungen nun schon Ende September den Stand des Vorjahres (total 156) erreicht, sodass die Oberjugendanwaltschaft damit rechnet, dass Ende Jahr der bisherige Höchststand von 2015 deutlich übertroffen wird.

Wer sind diese Jugendlichen, die da verzeigt worden sind? Und weshalb wurden sie verzeigt? Es sind zu 95 Prozent junge Männer. Drei Viertel von ihnen sind zwischen 15 und 17 Jahre alt. Und mehr als die Hälfte der Verzeigten ist bereits vorbestraft wegen irgend eines Delikts. Vorbestraft wegen eines Gewaltdeliktes sind hingegen nur gerade acht Prozent. «Es sind auffallend viele Neue darunter», sagt Oberjugendanwalt Marcel Riesen-Kupper. Unter den Gründen für die Verzeigungen dominiert ein Faktor mit 35 Prozent: Das verbotene Tragen von Waffen. Mit je rund 15 Prozent schlagen Waffen­besitz und Waffeneinfuhr via Internet zu Buche.

Bei der Art der Waffen dominieren verbotene Messer mit einem Anteil von rund einem Drittel. Dabei ist die Unterscheidung bei den Messern nicht ganz einfach. Sackmesser gelten ebenso wie Brotmesser nicht als Waffen, ebensowenig Dolche, die nur auf einer Seite eine Klinge haben. Dolche mit beidseitigen Klingen hingegen sind ­Waffen, ebenso wie Schmetterlingsmesser, die sich gut fürs Imponiergehabe eignen. Als Waffen stuft das Gesetz auch Schlagringe oder Softairguns ein.

Faszination ist wichtigster Grund für Waffenbesitz

Die verzeigten Jugendlichen begründeten ihren Verstoss mit diversen Beweggründen. 14 Prozent nannten Faszination, 9 Prozent sagten, sie bräuchten die Waffe als Werkzeug. 10 Prozent fanden, sie benötigten die Waffe, um sich zu verteidigen, da sie schon mal angegriffen worden seien. Weitere 10 Prozent gaben an, die Waffe tatsächlich auch einsetzen zu wollen. Und 4 Prozent gaben zu Protokoll, aus Versehen oder Unwissen gegen das Waffen­gesetz verstossen zu haben. ­Verifiziert wurde auch diese letzte Begründung nicht. Manfred Affolter, leitender Jugendanwalt im Zürcher Unterland, ist jedoch skeptisch. Er glaubt, dass die Jugendlichen sehr wohl wissen, was gesetzlich erlaubt ist und was nicht.

Affolter präsentierte einige ­typische Fallbeispiele aus seiner Praxis:

Der Poser: Ein 15-Jähriger, bekannt als guter Schüler, der bei seinen Eltern lebt, kurz vor dem Lehrbeginn steht und keinerlei Auffälligkeiten zeigte, hängte mit Kollegen herum. Die Polizei erwischte ihn bei einer Kontrolle mit einem Springmesser. Er hatte es in den Ferien gekauft und wollte offenbar damit bluffen. Nur funktionierte der Bluff nicht. Die Kollegen liessen sich offenbar nicht beeindrucken.

Der Ängstliche: Ein 17-jähriger Lehrling, vorbestraft wegen Drogen, kaufte sich zum Selbstschutz ein Klappmesser. Er gab an, schon einmal Opfer eines Raubdeliktes geworden zu sein. Er liess sich das Messer aus ­China liefern. Die Zoll­verwaltung fing das Paket ab und informierte die Polizei.

Der Neugierige: Ein 15-jähriger Gymnasiast, der keinerlei Auffälligkeiten zeigte, kaufte sich im Internet einen Schlagring. Auch in diesem Fall fing die Zollverwaltung das Paket ab. Er habe das Ding aus blosser Neugier bestellt und sei sich des Verbots nicht bewusst gewesen, gab er zu Protokoll.

Der Täter: Ein verbeiständeter und vorbestrafter 15-Jähriger brach vermummt und mit dem Küchenmesser bewaffnet in eine Wohnung ein, um Geld zu erbeuten. Die Bewohnerin ­hörte ihn. Es kam zu einem Gerangel, bei dem sich die Bewohnerin verletzte. Der Jugendliche ­wurde angeklagt.

Der letzte Fall gehört zu den grossen Ausnahmen, bei denen es tatsächlich zum Einsatz der Waffe gekommen ist. Jugendanwalt Affolter mahnt, die Proportionen im Auge zu behalten: «Die meisten Minderjährigen setzen im Konfliktfall nicht eine Waffe ein, sondern ihren Körper.» Sei eine Waffe greifbar, benutzten sie sie meist erst, wenn sie sich in die Ecke gedrängt fühlten. Für viele Junge seien Waffen aber vor allem ein Männlichkeits- und Statussymbol. Der Besitz und das Herumtragen von Waffen etwa im Ausgang sei gefährlich, weil es – zusammen mit Alkohol – leicht zu heiklen Situationen kommen könne.

Entspricht es einem Modetrend, wenn junge Männer vorzugsweise Messer mit in den Ausgang nehmen? Oberjugendanwalt Riesen-Kupper gibt keine abschliessende Antwort. Er könne das nicht belegen, sagte er. Aber es sehe so aus.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1